Heute wird es wieder lustiger. Wir durchqueren zunächst einmal den Gorongoza Nationalpark. Die Gegend ist bergig und menschenverlassen. Es gibt hier noch riesige intakte Urwälder. Von meiner letzten Mozambique-Reise weiss ich, dass ich gut beraten bin, nicht die staubige Sandpiste zu nehmen, die auf den Karten als Hauptroute verzeichnet ist, sondern die neugebaute Umgehung des Gorongoza Nationalparks, die afrikanischer Logik folgend mitten durch selbigen hindurchführt. Die beste Strasse des Landes. Hier gibt es allerlei Wildtiere vom Auto aus zu sehen. Affen, Schlangen, Stachelschweine, Echsen, Geier....
Wir haben es nicht mehr weit bis zur Zambezi Fähre in Caia. Die einzige mozambikanische Querung dieses Flusses seit dem Bürgerkrieg. Die Brücken werden immer zuerst gesprengt....
Mir fällt die letzte Reise ein. Da kamen wir gegen 16:30 Uhr in Caia an, fuhren zur Fähre und fragten, wann die nächste geht.
"Die Fähre fährt von 6:00 Uhr am Morgen bis 17:00 Uhr" erklärte der wachhabende Polizist.
"Ja dass brima, dann farren Färre jedzd."
"Heute hat die Fähre den Verkehr bereits eingestellt."
"Abbär ischde ersd halb funf."
"Der Kapitän wohnt auf der Nordseite des Flusses."
"Und jezzde gätt erst morgän Färre?"
"Morgen früh um sechs Uhr, wie schon gesagt."
"Gibt hirr irgändwo Hotel?"
"Sie können hier übernachten." Er zeigt um sich auf ein verschlammtes Gelände mit etlichen aus Stroh und Abfällen gebauten Buden. Scharen von Moskitos sind noch die angenehmsten Zeitgenossen, die sich dort rumtreiben. Wir beschliessen vom Fährableger zurück in das "Städtchen" Caia zu fahren, um dort ein Nachtquartier zu suchen. Also vorbei an der Schlange aus an die hundert Schwerlastwagen und etlichen Bussen, die auf Überfahrt warten. Manche schon seit Wochen. Auf die altersschwache Fähre aus dem Jahr 1942 passt immer ein Schwerlaster, zwei kleine Busse , ca. acht PKW und so um die hundert Fussgänger.... Bei ca. 8 bis 9 Überfahrten täglich und einer Schlange von um die hundert Lastern kann man sich leicht ausrechnen, warum der Norden des Landes mit mancherlei Dingen chronisch unterversorgt ist.
In Caia fanden wir ein Haus mit der Aufschrift "Pensao Palácio Caia Restaurant". Wir erfahren, dass noch Zimmer frei sind. Das Auto wird auf den Hof gefahren und sofort zwangsgewaschen. Ich breite ein Laken auf dem Bett aus und lege meinen Seidenschlafsack bereit. Das Zimmer ist so gross wie ein Bett plus eine halbe Türbreite. Also Tür den vorhandenen Spalt auf, Koffer reinschieben, selbst durchquetschen, Tür zu, Koffer hinter Tür, über Koffer klettern, Tür wieder auf und rausquetschen, nächsten Koffer ins Zimmer schieben, Tür zu mit Koffer rückwärts über ersten Koffer klettern, über beide Koffer zurückklettern....echt eine Monty Python Nummer.
Die sanitären Einrichtungen bestehen aus einem Raum, in dem ein fliegenumschwärmter, aber zur Zeit leerer Eimer bereitsteht, und eine aufgeschnittene Konservendose mit brackigem Wasser aus dem Fluss zum waschen. Pensao Palácio Caia...
Wir setzen uns ins "Restaurant", also an einen der beiden freien Tische vor dem Haus, an der Strasse durch die Gemeinde gelegen. Laute Merengue- und Reggae-Rythmen dröhnen blechern aus zwei Lautsprechern eines chinesischen Ghetto-Blasters. Durchmengt von dem einen oder anderen Disco-Fox und der Musikrichtung "Mozambique", einem afro-cubanischen Stilgemisch. Die gesamte Jugend des Dorfes tanzt hier. Die arrivierten bei einer Cola innerhalb der Mauern, die meisten vor dem Gelände des Palácio. Nach einer halben Stunde schafft es der Kellner nicht mehr, mein Winken gewissenhaft zu übersehen. Er ist eine Sekunde unaufmerksam und sieht mich an. Jetzt verlöre er sein Gesicht, wenn er mich weiter ignorieren würde. Also kommt er betont langsam und rythmisch tänzelnd auf mich zu.
"Was wünschen Sie, Padrao?"
"Wir essen wolle. Bitte bringste Du Flasche Wassa und Flasche schwarzes Wein und sagste Du, was habe Essen." Nach einer Karte zu fragen wäre sinnlos gewesen.
"Was wollen Sie essen, Padrao?"
"Sindä hirr Fluss. Du habe Fisch?"
"Nein, ich bedaure. Wir haben keinen Fisch, Padrao."
"Was haste Du Essen?"
"Was wünschen Sie zu essen Padrao?"
"Sinde hirr Rand von Nationalpark. Hasde Du Steak vonKudu?"
"Nein, ich bedaure. Wir haben kein Kudufleisch, Padrao."
"Was haste Du Essen?"
"Was wünschen Sie zu essen Padrao?"
"Habbe ich vorhinn gesän Maisfeld. Hasde Du gegrillte Maiskolb?"
"Nein, ich bedaure. Wir haben keinen Mais, Padrao."
"Was haste Du Essen?"
"Was wünschen Sie zu essen Padrao?"
Wir spielen dieses in Afrika so beliebte Spiel so lange, bis wir uns auf das einzige Gericht geeinigt haben, das hier feilgeboten wird. Hähnchen mit Pommes und Salat.
Wir sitzen ca. eineinhalb Stunden, sehen der Dorfjugend beim tanzen zu, erklären einem Betrunkenen, dass wir keinen Job für ihn haben, bestätigen einen anderen Betrunkenen, dass Goddie gross ist und werden zum Ausgleich in seine Gebete aufgenommen. Der Wein tut seine erste Wirkung. Es ist einheimischer Wein aus Beira. Abgefüllt und serviert in einer schicken Plastikflasche, wie sie hierzulande für Billigessig verwendet wird. Eine dunkelbraune, trübe, ölige Flüssigkeit von undefinierbarem Geschmack. Vielleicht ist es Altöl. Wen interessiert das schon....
Dann kommt das Hähnchen, dessen frisch gelassenen Federn wir auf dem Weg ins Zimmer wieder begegnen. Als Beilage gibt es zwei drei Millimeter starke Scheiben Tomate (vulgo Salat) und "Chima", die allgegenwärtige blasse Maniokpaste. Wenn es ein Nahrungsmittel gibt, das den Namen "Sättigungsbeilage" verdient, dann ist es dieser unappetitliche Fensterkleister. In Südafrika heisst das Zeugs Pap, und genau so schmeckt es. Ich frage, ob wir ein zweites Besteck haben können. Der Kellner versichert mir, dass dieses das einzige Besteck sei, das er anbieten könne. Das Essen habe seine Zeit gebraucht, weil er erst warten musste, bis dieses Besteck wieder frei war. Man sei vor drei Wochen überfallen worden und beraubt. Ausser der Stereoanlage habe man noch nichts neues anschaffen können.
Ich habe in dieser Nacht nicht tief geschlafen.
Jetzt fahren wir wieder auf Caia und den Zambezi zu. Eine neue Brücke ist im Bau, mit Geldern der EU finanziert.
Wir erreichen die Fähre pünktlich zu Beginn der Mittagpause und stehen in der Schlange ganz vorne. Fein.
Wir trinken eine lauwarme Cola in einem Schnellimbiss "McDonalds". Das Schild ist auf eine altersschwache Pappe gemalt. Es gibt lauwarme Cola, lauwarme Fanta und altbackenes Brot. Danach sehen wir den Einbaumfähren zu, die gegen die Strömung kämpfen. Der Weg zur anderen Seite des Flusses ist stets ein grosser Bogen....
Zuletzt geändert von
fleisspelz am Di 30 Jun, 2009 12:45, insgesamt 2-mal geändert.