Meine Gedanken schweifen ab....

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Meine Gedanken schweifen ab....

Beitragvon fleisspelz » Sa 17 Apr, 2010 20:50

Seit dem ersten April habe ich ziemlich genau 7000 km auf den Utz (mein VW Bus) gefahren, habe ca. 200 m² Mobiliar abgebaut, über die Republik verteilt und wieder aufgebaut, habe etwa 50 Stunden seelsorgerische Beratungen im Nachbarschafts- und Familienkreis geleistet und nebenher noch ich-weiss-nicht-wie-viele kleine Reparaturen an eigenen und fremden Fahrzeugen vom Pocket-Bike bis hin zum LKW erledigt. Ich habe zwei Feste gefeiert, davon eines als Veranstalter, etwa 5 Liter Rotwein und die zehnfache Menge Espresso zu mir genommen (oder war es umgekehrt?). Im gleichen Zeitraum habe ich etwa 12 Euro 34 eingenommen und etwa die vierzigfache Summe ausgegeben. (Hier bin ich sicher, dass es nicht umgekehrt war.)

Weshalb?

Ich glaube, weil mir die Menschen, mit denen und wegen denen das alles passiert ist lieb sind und teuer, und daher keine Sekunde vergebens aufgewändet ist.

Ich erzähle Dir geneigtem Leser jetzt in meiner gewohnt langatmigen Weise von einem ganz normalen Tag, dem ein anderer und vergleichbarer ganz normaler Tag vorangegangen ist, und dem ein weiterer ganz normaler Tag folgt. Ich gehe davon aus, dass mir bereits am Beginn dieses ganz normalen Tages der Neid des geneigten Lesers gewiss ist, wenn er erfährt, dass ich gegen halb Neun liebevoll von Tina geweckt werde, die mir einen köstlich duftenden Espresso und ihre liebevolle Aufmerksamkeit ans Bett trägt. So sollte jeder Tag beginnen finde ich. Ich überlege bei einem Schluck heissen Espresso, was heute anstehen wird und denke: "wir wollten nur das neue Gespann von Andreas "Bulldog" Bartsch abholen, es ist also garnicht viel zu tun."

Da ich weiss, dass die "Gar-nicht-viel-zu-tun-Tage" häufig nach Ladenschluss enden, beschliesse ich, schnell noch Spaghetti - Bolognese - Zubehör aus dem Supermarkt zu fischen, um das Abendessen sicherzustellen. Ich entscheide mich für ein Pfund Hackfleisch, ein Netz roter Zwiebeln und ein Kilo langer Spaghetti. Da ich ein Geniesser bin darf noch ein Pfund Erdbeeren mit an die Kasse. Rotwein und Tomaten habe ich noch zu Haus.

Vor mir steht Mademoiselle Tippeltappel mit dem Gucci-Handtäschchen und einer Parfümwolke, die jedem isländischen Vulkan zur Ehre gereichen würde und sortiert ihre Auswahl an Tiefkühlpizzen und Instant-Bratkartoffeln (light!) zu den zahllosen Töpfchen und Tiegeln aus der Karosseriepflege - und Gesichtsverputzabteilung. Ich schwöre, das Mädel könnte klasse aussehen, ohne all die Döschen und Tuben. Besonders wenn sie ihren hübschen Mund stumm liesse... Ihr gegenüber an der Kasse thront mit wichtiger Miene und Kraft des Einzelhandelsgesetzes Mutter Pudelich, die mindestens den Gegenwert eines Kindermountainbikes an Rouge auf ihrer Haut verteilt hat (es gibt ja auch genug von der Haut (vor allem sichtbar (auch an Stellen, die ICH nie zu Gesicht bekommen wollte))) in ihrer XY-Supermarkt Kittelschürze. Mutter Pudelich, eigentlich Frau Erna Pudelich, hat sich Dank ihrer hervorragenden Disziplin und Geschwätzigkeit ein Herz in der Mitte ihrer Kolleginnen erobert, die sie liebevoll "Mutti" rufen, aber auch die Anerkennung der Geschäftsleitung, die sie erst vorvergangenes Jahr zur Feier ihres zwanzigsten Dienstjubiläums zur stellvertretenden Filialleiterin befördert haben. Eine ehrenvolle Aufgabe, die zwar pekuniär keinen Unterschied macht und etwa zehn Wochenstunden Mehrarbeit und eine erheblich gestiegene Verantwortung mit sich bringt, aber auch und vor Allem den Respekt der Kolleginnen und ein Namensschild mit Dienstgrad in Silber auf der XY-Kittelschürze statt dieses schnöden Kunststoffnamensschildes das sie zuvor stets tragen musste.

Ich greife mir aus der Schiene auf der vom Kunden abgewandten Längsseite des Warentransportbandes einen dieser namenlosen Vierkantstäbe, mit dem man dem Kassenpersonal die Grenzlinie des eigenen Einkaufes signalisiert und lege ihn hinter meinem Einkauf auf das Band, ohne zu bemerken, dass der Einkauf von Mademoiselle Tippeltappel, der etwa dreissig Zentimeter vor meinem ersten Artikel endet, nicht durch einen solchen Stab eindeutig grenzmarkiert ist. Nun harre ich dem Bezahlvorgang entgegen und sinniere während dessen über die Tatsache, dass es Eigenschaften oder Gegenstände gibt, die jeder kennt und mehrmals wöchentlich erlebt oder nutzt, ohne dass daraus eine gesellschaftliche Notwendigkeit, diese zu benennen herrührt. Wie heisst zum Beispiel der Zustand, genug getrunken zu haben? Oder gibt es nur deshalb kein wirkliches Pendant zu "satt", weil dieser Zustand gesellschaftlich nicht akzeptiert ist?
"...des sinn ni moi Edbään" höre ich Mademoiselle Tippeltappel krähen.
"Ach so?" erwidert Mutti Pudelich, "der junge Mann hat kein so'n Ding da aufs Band gelegt" mit säuerlicher Mine in meine Richtung. "Immer so'n Ding dazwischenlegen, sonst wissen wir an der Kasse nicht, wo der Einkauf endet und wir müssen Kassenstornos vornehmen und das dauert dann für alle länger."
Ich zeige hilflos auf den Vierkantstab am Ende meines Einkaufes und formuliere grade in meinem begrenzten Hirn eine Antwort, als mich der heilige Zorn des Einzelhandelsgesetzes mit einem einzigen vernichtenden Blick aus Erna Pudelichs Augen noch vor meinem ersten gesprochenen Ton verstummen lässt.
"Der gehört natürlich vor den Einkauf!"
Ich bin dann froh, meinen Einkauf doch noch bezahlen zu dürfen, lasse mich deshalb auch gerne noch einmal darüber belehren, dass es zu meinen Pflichten und Obliegenheiten als Kunde bei Mutti Pudelich gehört, stets pennibel darauf zu achten, dass vor UND hinter meinem Einkauf so ein "Ding da" liegt und beende mein heutiges Einkaufserlebnis mit dem unguten Gefühl, dass alle nachfolgenden Kunden von Erna Pudelich nur wegen meiner Unzulänglichkeit in einer nicht enden wollenden Schlange an der Kasse verharren müssen.

Jetzt aber ab nach Hause, die Lebensmittel in den Kühlschrank und das Motorrad gegen den Utz eintauschen. Dann los zu der Vorort-Tankstelle, bei der ich den Transporttrailer für einen Fuffi in die Kaffeekasse bekomme, statt ihn für 84,- € beim Hängerverleih mieten zu müssen. Die Tankstelle ist das Reich von zwei Mechanikermeistern die weder Sinn für Ordnung noch für Gestaltung oder Personalführung haben, sich aber stets als kundenorientiert mir gegenüber bewiesen haben. Jedes mal wenn ich dort bin, was nicht so sehr häufig ist, gibt es ein neues Team von unwilligen und meist grenzdebilen Tankstellen-Meisters-Helfern, die sich vor allem durch Genügsamkeit auszeichnen und durch die Bereitschaft, sich für alles Mögliche beschimpfen zu lassen.
Der aktuelle Beschimpfungsnehmer, nennen wir ihn den gutwilligen Willy, darf mit mir im Utz zu dem Grundstück fahren, an dem die Anhänger geparkt sind und bekommt den Code für das Zahlenschloss auf einen Zettel notiert. Am Grundstück angekommen steigt Willy aus, beugt sich über den Zaunpfosten, an dem die Kette mit dem Zahlenschloss gesichert ist und fummelt irgendwas.
Als die ersten Spinnen an meinen Rädern beginnen neue Netze zu bauen, steige ich aus und gehe zu Willy.
"Das Schloss geht nicht auf," bemerkt er entschuldigend in meine Richtung. "Wollen Sie Mal probieren?"
Es handelt sich um ein einfaches Zahlenschloss älterer Bauart, das fünf Reihen an Zahlenhebeln hat, die von 1 bis 4 verstellbar sind. Auf seinem Zettel steht 4412.
"Du braucht einen fünfstelligen Code" sage ich zu dem staunenden Willy.
"Ja aber auf dem Zettel steht 4412."
"Ruf doch Mal bei Deinem Chef an, und frag ihn nochmal."
Der gutwillige Willy nimmt sein Handy, ruft an und kommt nach etwa fünf Minuten zu mir mit der Auskunft: "Wir sollen Mal 1244 probieren."
Ich habe in der Zwischenzeit das Schloss mit 33124 geöffnet.

10:00 Uhr, Kilometer 6, Mainaschaff, der Anhänger ist am Utz.

Ich bringe den gutwilligen Willy zurück zu seiner Tankstelle und fahre zum Aschaffenburger Bahnhof, den Andreas aufsammeln, was einem Vabanquespiel gleichzusetzen ist. Der Aschaffenburger Bahnhof ist derzeit eine Grossbaustelle mit zahlreichen viel zu engen Fahrspuren, die üblicherweise hoffnungslos von zänkischen Omnibusfahren und Taxichauffeuren versperrt sind. Der Anhänger ist konstruiert, um VW Busse zu transportieren. Er ist 2, 50 Meter breit an den schwarz lackierten überstehenden Radhäusern und ohne Deichsel sechs Meter lang. Ein Spass im Verkehrsgewühl ist jedes Mal, wenn der bodentief entgegenfliegende Taxifahrer zwei Yxel vor dem Einschlag in meinen Radkasten knapp ausweichend und dabei wüst fluchend auf den gegenüberliegenden Bordstein hochkachelt. Wahrscheinlich lässt der ortsansässige Mercedesfelgendealer den ganzen Tag jemanden mit so einem Hänger um den Bahnhof kreisen.... Dann fahren wir auf einen Espresso zu mir nach Hause und laden zur Sicherheit noch meine beiden Motorradauffahrschienen ein, falls das Loch zwischen den beiden Fahrspuren des Hängers für die Spurweite des Gespannes wider erwarten zu breit sein sollte.

10:35 Uhr, Kilometer 12, der Hänger ist am und der Andreas im Utz, es geht los.

Ich fahre über Land. Deutschland ist schön jenseits der Schallschutzzäune, Einhausungen und Lärmschutzwände.

14:15 Uhr, Kilometer 239, wir kommen in Nördlingen an, wo das Gespann steht.

Der Verkäufer des bereits bezahlten und von Andreas besichtigten Gespannes versichert, dass die BMW stets zuverlässig angesprungen ist, nur eben jetzt nicht. Wenn ich an Stelle der Batterie wäre, und mir in jeder meiner Zellen zwei bis drei Zentimeter Säure fehlen würden, dann würde ich vielleicht auch nicht wollen. Der Verkäufer glaubt eher nicht an einen Zusammenhang.
"Wenn wir mal kurz schieben, dann ist die sofort da."
Nach dem fünften erfolglosen Kurz-Schieben-Versuch wird mein Vorschlag, doch meine Starthilfekabel zu nehmen von der atemlosen Runde angenommen.
Die BMW springt einigermassen willig an und der Verkäufer fährt sie einmal hastig um den Block "damit sie warm ist". Wieder bei uns angekommen geht der Ömmes aus. Nachdem ich den Kaltstarterhebel am Motor, der irgendwie nicht recht mit dem Chokehebel am Lenker korrespondiert, betätige, gefällt mir der Rundlauf wesentlich besser. Der Motor klingt gesund. Ich fahre eine winzige Runde mit Andreas im Boot. Vorne klackt was beim Bremsen, das gefällt mir nicht. Ansonsten benimmt sie sich einigermassen. Die Kupplung ist nicht so dolle und für eine Telegabel-Gummikuh mit einem viel zu schmalen Lenker, die einen Russenseitenwagen zerrt halte ich die Lastwechselreaktionen für überschaubar. Ich drehe noch eine Runde ohne Andreas im Seitenwagen und probiere dessen Beherrschbarkeit. Das Getüm ist präziser fahrbar, der BMW Ömmes aber recht gutzmütig wie ich finde. Für einen verhaltenen Gespannnovizen wie Andreas wahrscheinlich eine gute Wahl.
Der Verkäufer beteuert, dass das klacken "irgendwas vom Tachoantrieb" sei und eine "BMW Krankheit". Genaueres wisse er aber auch nicht, weil er nur zweihundert Kilometer damit gefahren wäre. Der Motorrad-Rennfahrer, der das Motorrad aufgebaut und abgedichtet habe, hätte ihm das aber so erklärt. Weshalb der Rennfahrer nicht auf die Idee gekommen ist, dem Heavy-Metal-Gespann wenigstens einen Lenkungsdämpfer zu spendieren bleibt im Dunklen. Der neue Eigner von immerhin 5000 Euro weint noch eine Anstandsträne hinter dem Gespann her und ist sich sicher, dass Andreas zuerst einen TÜV Stempel und dann viel Freude bekommen wird. Das zugesicherte Werkstatthandbuch wird bestimmt auch noch auftauchen und dann zuverlässig nachgesendet.

Ich beginne mit dem Verladen.
Man kann die gesamte Platform des Anhängers neigen, so dass man keine Auffahrschienen benötigt, aber eine steile Rampe zu erklimmen hat. Ich bin vorsichtig beim hochfahren, da zwischen lichter Standschienen-Weite und Spurbreite des Gespannes nur wenige Zentimeter Differenz liegen. Die BMW kommt die zwei Meter Rampe nicht hoch, ohne dass die Kupplung zu stinken beginnt. Am Gamsstein wäre sie wohl überfordert....

Wir sichern das Gespann mit sieben Gurten auf dem Hänger. Drei für den Wupptich, vier für Andreas' Seelenfrieden.

15:00 Uhr, Kilometer 239, Nördlingen. Der Hänger ist am Utz, Andreas sitzt im Utz und das Gespann ist sicher verzurrt. Weiter im Text....

Auf den Autobahnen ist das Grauen ausgebrochen. Die Partie über Land nach Nördligen morgens war vergleichsweise eine Urlaubstour. In Island hat der Vulkan die Flugzeuge vom Himmel und damit drei Viertel des deutschen Managements in Mietwagen gepustet. Eine nicht enden wollende Phalanx von E-Klassen, Passats und 5er BMWs mit verräterischen winzigen Vermieteraufklebern und entnervten Piloten mit feuchten Händen und rotem Gesicht klebt abwechselnd am hinteren Ende meines Anhängers oder am Heck des vorausfahrenden Opel Zafira mit "Kevin-Enrico an Bord". Das Leben auf der Überholspur hatten sich die Herren damals nach dem Staatsexamen auch irgendwie freudvoller vorgestellt.

Rund um Frankfurt kommt der Verkehr zum erliegen. Auch die winzigsten Nebenstrecken sind mit Navigationscomputereigentümern verstopft. Wir verschieben unsere Ankunftsprognose in Zollhaus bei Katzenelnbogen schrittweise von "kurz vor sechs" auf realistische 19:30 Uhr.

19:30 Uhr Zollhaus, Kilometer 602, das Gespann ist an seinem Bestimmungsort

Während des Abladens fragt Jochen telefonisch nach einer Einbauküche, die ich in seinem Auftrag bei eBay eingestellt habe, die liebe Petzi will einen Aufkleber gezeichnet haben und Tina informiert mich, das sie in der Nähe von Herborn mit einem defekten 2CV steht. Ich nehme von meinem Abendessen in Gedanken Abschied und korrigiere die Vorfreude von "Spaghetti Bolognese, selbstgekocht, ein Glas Rotwein und eine Schale Erdbeeren" nach "eine Pizza am Schnellimbiss gegen Mitternacht."

20:15 Uhr, Kilometer 609, Klingelbach. Andreas ist zu Hause und ich programmiere Roth bei Herborn in mein Navi. Der Anhänger ist so leer wie mein Magen.

21:17 Uhr, Kilometer 693, Roth im bergischen Land.

Ich hole Tina bei einem freundlichen Menschen zu Hause ab, der versucht hat, ihr Hilfestellung zu geben und sie bis zu meiner Ankunft mit Käsebroten in seiner Küche versorgt hat. Beim 2CV angekommen stellt sich heraus, dass dieser die rechte Zündkerze ausgespuckt hat. Die erfolglosen Versuche, die Zündkerze wieder an ihren Platz zu verfrachten haben das zuvor wahrscheinlich malade Kerzengewinde endgültig beleidigt. Ich lade also die Aphrodite nach kurzem Beäugen auf den leeren Hänger und verzurre sie.
Tina muss jetzt noch 47 km weiter nach Wissen, wo sie an diesem Wochenende an einer Probe der Kölner Kantorei teilnimmt.

21:45 Uhr, Kilometer 693, Roth bei Herborn, der 2CV steht verzurrt auf dem Hänger, Tina sitz im Bus es geht weiter.

Ich folge dem Navi aus Roth heraus. Die unbeleuchtete Strasse in einem Wohngebiet ist genau so breit wie der Anhänger und schlängelt sich den Berg hoch. Irgendwas haben die in Roth umgebaut und meinem Navi nicht bescheid gesagt. Mein Navi weist mich an, ich solle in zwanzig Metern rechts abbiegen, aber dort ist nur mehr ein Wendehammer, auf dem bereits ein Pferdeanhänger, eine Fertiggarage und ein Dixieklo rumstehen. Also wieder Rückwärts ins Dorf. Hatte sonst eh grad nix vor.

Der Weg von Roth nach Wissen geht über abenteuerlich steile Strässchen, die seit dem strengen Winter eher eine Sammlung skurilster Schlaglochkurven sind. Ich muss zum Teil in den ersten Gang. Bei jedem entgegenkommenden Fahrzeug hoffe ich, dass er die am Heck des Hängers befindliche Positionsleuchte ernst nimmt. Ich schwöre feierlich, dass ich höchstens zwei oder drei Leitpfosten in engen Kurven beleidigt habe.

22:57 Uhr, Kilometer 740, Wissen im bergischen Land, Etappenziel, Tina ist da.

Ich biege in die Strasse ein, die zu dem Seminarhaus führt, das der Chor an diesem Wochenende gemietet hat. Die Strasse ist nur wenig breiter als mein Gespann und führt etwa 24% steil bergab. Kurz bevor ich das Seminarhaus sehe, muss ich feststellen, dass vor diesem die ohnehin enge Strasse so dicht beparkt ist, dass nicht an ein Durchkommen mit Utz, Riesenhänger und 2CV darauf zu denken ist. Ich sehe einen etwa drei Meter breiten Feldweg, der rechts zwischen zwei weitläufigen Hausgrundstücken abzweigt und mindestens zwanzig Meter gradeaus geht. Also fahre ich da mit meinem Gespann rein, um sofort wieder rückwärts auf die Strasse zu biegen, diesmal halt andersrum. Wo ich vorwärts bergab reingekommen bin muss ich auch vorwärts bergauf wieder rauskommen denke ich. Nur das Fahrzeug muss ich halt drehen.

Ich bin schon fast um die Ecke, was nicht einfach ist, weil mir eine mannshohe Hecke die Sicht versperrt und einige Autos da geparkt sind, die ich auf keinen Fall touchieren möchte, als zwischen den Autos plötzlich ein Mann Anfang sechzig mit einer drei Meter 57 langen Weinbrandfahne herausgepöbelt kommt. Ich erkenne dank meiner einsetzenden Müdigkeit nicht sofort seinen folkloristischen Charme, weil ich von dem Gesamtauftritt fasziniert bin.
Seine Spiegeleierfigur mit den stattlichen Biertitten neben denen dichtes buschiges Achselhaar hervorquillt wird liebevoll ausstaffiert von Adiletten, Tennissocken und dazu einer überwiegend weissen Feinrippunterwäsche mit dezenten zartgelben Farbnuancen in der Nähe der Stelle, an der stark behaarte faltige Haut seitlich aus dem Höschen quillt.
"Dasssssn Privatweg hier, chhhhhhh ruhfffffffff die Bolisei!"
Ich halte den Mann für einen Besoffenen, der sich wichtig machen will und taufe ihn vor meinem geistigen Auge auf den Namen Günni Besoffski. Ich möchte nachhaltig jede Diskussion mit Günni vermeiden, aus diesem Grund fehlt meiner Antwort jeder Charme und jede Unverbindlichkeit.
"Wenn Du einfach die Fresse gehalten hättest, wäre das sinnvoller gewesen."
Gut, ich gebe zu, ich hatte schon achtbarere Repliken auf Lager in meinem Leben, aber die wurden auch nicht immer nachts um elf nach 740 km ohne Pause abgerufen.
"Fresse hatter gesacht. Na warte, das ham wir gleich."
Günni Besoffski kippt in seinen Adiletten längelang vor meinem VW Bus ins Gras, bei dem Versuch das Kennzeichen abzulesen. Scheisse sind die Buchstaben klein! Und so viele!
Ich lade mit Tina das Gepäck aus der Ente und schliesse 2CV und VW Bus rundrum zu, jeder Handgriff liebevoll kommentiert von meinem neuen Freund Günni. Leider ist seine Aussprache nicht mehr vollendet in der Präzision, so dass ich überwiegend Fragmente verstehe wie: "Na warte ... das werden wir ja sehen ... das haben wir gleich ... mit mir nicht ..."
Ich bringe Tina in das Seminarhaus und verabschiede mich. Es ist kurz vor halb zwölf in Wissen.
Als ich zu meinem Gespann zurückkomme ist Günni grade dabei, seinen Golf hinter meinen Bus zu rangieren, weil er wohl glaubt, dass ich die Ente abladen möchte. Aber nicht mit ihm! Drei Mal würgt er den Motor ab. Der vierte Startversuch kostet eine Mülltonne ihren Standplatz. Ich glaube Günni muss morgen seinem Nachbarn was erklären.

23:15 Uhr, Kilometer 740, Wissen, ich fahre nach Hause.

Meine Abendessenerwartungen habe ich erneut von Pizza an der Imbisbude auf Bockwurst mit Senf am Fernfahrerhof korrigiert.

1:55 Uhr, Kilometer 930, Aschaffenburg, ich lade den 2CV ab.
2:15 Uhr, Kilometer 936, Mainaschaff, ich kopple den Anhänger ab und parke ihn auf der Tankstelle.
2:32 Uhr, Kilometer 942, Aschaffenburg. Zu Hause. Ich ziehe einen Rotwein auf.

Ich will nach Afrika.
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Beitragvon dirk » Sa 17 Apr, 2010 21:39

Sach ma, was hat das mit Mpzambique zu tun?
:lol: :lol: :lol: :lol:
Heute in drei Jahren ist es endlich wieder soweit.
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Beitragvon fleisspelz » Sa 17 Apr, 2010 22:11

dirk hat geschrieben:Sach ma, was hat das mit Mpzambique zu tun?
:lol: :lol: :lol: :lol:

... los, mehr Salz! Und tief reinreiben. Tieeeeef....... :ugly:
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Beitragvon lallemang » Sa 17 Apr, 2010 22:18

;-) Motivation!

Warumauchimmer mu§t ich grad an 'ne Figur von Reiser denken...

:-D Gry§e Peter
Wherever You Go There You Are :gruebel:
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Beitragvon dirk » Sa 17 Apr, 2010 22:43

fleisspelz hat geschrieben:
dirk hat geschrieben:Sach ma, was hat das mit Mpzambique zu tun?
:lol: :lol: :lol: :lol:

... los, mehr Salz! Und tief reinreiben. Tieeeeef....... :ugly:


Solche Tage kenne ich, angefangen mit verschüttem Kaffee, aufhörend mit dem huerntfallendem Pappbecher Rotwein, der kurz vo dem Aufprall zum lanstieligem Rotweinglas wird. Dazwischen reiht sich ein Höhepunkt an den anderen.
Und Mozambique und Korogh sind so weit weg. Und die BAM Trasse erstmal...
Heute in drei Jahren ist es endlich wieder soweit.
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Beitragvon Blechroller » So 18 Apr, 2010 00:00

Wenn man unterschiedet, wie einem solche Tage auf den Sack gehen können und welch Vergnügen dessen Schilderung dem Leser bereitet, lernt man, dass dem Leben immer ein Schuß Distanz und Humor inhaltlich nützlich sind.

Danke Justus!

OllY
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"Your motor sounds different!"

Lederfransen kann man sogar verchromen

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Toll!

Beitragvon Maybach » So 18 Apr, 2010 08:58

Servus Justus,

einmal mehr Dank für eine derartig gelungene Schilderung. Ein jeder von uns wird solche Tage kennen, aber kaum einer wird sie in eine so perfekte Prosa gießen können!

Maybach

P.S.: Vielleicht sollt eich auch mal probieren ...? Ich ersetze dann "Kilometer xxx" mit "Besprechung mit "Politiker YYY" . Im Ergebnis bleibt das wohl fast gleich ...
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Beitragvon roger » So 18 Apr, 2010 17:41

Haach, ist das immer schön zu lesen, wenn Dir was auf den Sack geht :-D
Fast hätte ich geschrieben: mehr davon!
Aber DAS wollte ich Dir dann doch nicht zumuten, für einen Tag reichts ja vollkommen.
Hurra!
Ach nee, doch nich...
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Beitragvon andi » So 18 Apr, 2010 17:51

Schönen Dank für die launige Geschichte!
Ich da fühlt man sich gleich besser :ugly:
Wenigstens hast du deinen Humor nicht verloren.
erfolgloser Russenkurbelwellenfeinwuchter, und anerkannter Legastheniker.
Wer einen Rechtschreibfehler findet, darf ihn behalten :-)
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Beitragvon fleisspelz » So 18 Apr, 2010 23:50

lallemang hat geschrieben:...
Warumauchimmer mu§t ich grad an 'ne Figur von Reiser denken...

Aaaah, Du kennst ihn? Das isser! Günni Besoffski:
Bild
:-D
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Beitragvon lallemang » Mo 19 Apr, 2010 00:56

:-D
Wherever You Go There You Are :gruebel:
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Beitragvon Maybach » Mo 19 Apr, 2010 06:57

Die Typologie scheint international zu sein. Obige Karikaturistin (finde die Comics nicht mehr - oder sind sie von den Herren Söhnen zerlesen worden?) passt auch wundervoll in das Genre!

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Beitragvon Arne » Mo 19 Apr, 2010 08:51

Justus,
das ist die Schilderung eines Horrortages, es liest sich aber hervorragent und unterhaltsam.

Gruß
Arne
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Beitragvon AIAndy » Mo 19 Apr, 2010 08:56

:-D :smt023 Wie immer - des einen Leid ist des anderen Freud!
Das Leben ist zu kurz um TÜV geprüfte Motorräder zu fahren!
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Beitragvon Wolfgang » Mo 19 Apr, 2010 09:31

..........köstlich..........



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