Reisebericht Januar 2007 Mozambique

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Reisebericht Januar 2007 Mozambique

Beitragvon fleisspelz » Fr 31 Aug, 2007 02:03

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Es dauert manches etwas bei mir, und ich musste mich mit Kooperationspartnern abstimmen, was ich erzählen darf und was nicht. Deshalb gibt es im Internet nur die harmlosen Variante des Reiseberichtes.

Wusstet ihr, dass Leberwurst brandgefährlich ist?
Wir hatten drei Koffer gepackt. Einen zum Aufgeben und zwei als Bordgepäck. Mit dem Hintergrund, dass man ja alles was beim Sicherheitscheck durchfällt, in einem der beiden Handgepäckstücke versammeln kann und diesen auch noch aufgeben. So war es auch. Beim zweiten Sicherheitscheck wurde eine lebensbedrohliche Leberwurst vom Metzger Grimm identifiziert. Also an Bord mit ner Alditüte..... *grummel*

Der Flieger fliegt die Nacht durch und wir kommen gerädert in Johannesburg an. Dort sechs Stunden Kaffeetrinken und dann weiter nach Maputo.
Schön, wieder hier zu sein....
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Diese gelbe Quietschkugel ist die Idee eines Hoteliers: spezielle Hotelgästetaxis, damit die nicht der üblichen Mafia ausgesetzt sind. Und den üblichen Sicherheitsstandards. Ein Taxi mit Reifenpanne:
Echt, kein Scherz....
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Jetzt noch ein paar Chamuzas und Rizoes essen und dann erstmal ausschlafen.

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Ortsausgang Maputo, 14:00 Uhr. Ich sitze am Steuer eines gemieteten Kia Cerato. Upgrade statt dem bestellten VW Chico und für die bevorstehende Piste völlig unbrauchbar. Ich taufe ihn "Antichrist".
Der Polizist winkt mich an den Strassenrand. Ich ziehe nach Links und halte. Er salutiert formvollendet, ich begrüsse ihn auf radebrechendem portugiesisch. Frei übersetzt:
"Wie Du gässt?"
Er sagt:
"Sehr gut, danke. Und Dir?"
"Danke Härr Obabolisist. Wie gätt Frau und Kinda?"
"Alle Gesund mein Herr, darf ich bitte ihre Fahrzeuglegitimation einsehen."

Cut. Ich muss hier den Film kurz unterbrechen, um ein paar Fakten ins Auditorium zu streuen. Formale offizielle Fahrzeugdokumente gibt es selbstredend auch in Mozambique. Sie auszufertigen bedarf jedoch vieler Gänge zum zugehörigen Amt, guter Beziehungen und langer Wartezeiten. Jeder Gang zum Amt ist ein Weg in den Dschungel der afrikanischen Absonderlichkeiten. Es sei denn, man bezahlt ein wenig Schmiergeld. Mit dieser Methode kann man die Prozedur auf etwa 12 Monate Dauer drücken. was bedeuten die schon im Vergleich zu den fünfzig Jahren Grenznutzdauer eines PKW in Afrika?
Da Leihwagen von internationalen Gesellschaften - und nur solche gibt es in Mozambique - aber nach sechs bis zwölf Monaten verkauft werden, haben diese niemals offizielle Dokumente, sondern stets vorläufige Ersatzdokumente. Mit denen dürfen aber ausländische Staatsbürger nicht fahren. Tun sie es dennoch, dann befinden sie sich automatisch in einer juristischen Grauzone.

Und weiter im Film.
"Hirr meinä Papirre."
"Verzeihung mein Herr, diesen Stempel dürfen Sie garnicht haben." Der Satz folgt der afrikanischen Logik, derzufolge ein Papier soviel Wert ist, wie der Stempel des einflussreichsten Beamten darauf.
"Ich habä disse Schdämbäl. und das is gudd so. Habben Sie schon mal kondrollird Mensch aus Deutschland?"
"Sie stammen nicht aus Südafrika?"
"Na klarr garnicht Südafrika. Ich aus Eurobba, Deudschelande..."
"Aaaaah willkommen in Mozambique. Gefällt Ihnen mein Land?"
"Nadürrrlich gefällde mirr Deine Lande särr gutt. Schbitzenlande. Fast so schönnn Deutschelande...."
"Führerschein und Passport bitte"
Ich reiche ihm die Dokumente.
"Das ist kein Führerschein"
"Abber nadurliche das isde Deudsche Fuhrerscheine. Scheckgarte. Felschungsssicha.... "
"Dieses Dokument ist in Mozambique nicht gültig."
"Mein liebbe Härr Bolisist. Ich habbä bevorr Reise gemacht telefon mit Botschaft Mozambikanisches. sagte botschaft, giltä Furrerschein Europäisches furr drei Monat in mozambique. Bin ich in Mozambique nurr vier Wochä. Gildä Schein. Sagtä Botschaft Mozambiquanisches Berlinn."
"Das ist kein gültiges Mozambikanisches Dokument und keine Fahrzeuglegitimation für einen Ausländer. Ich werde Ihnen eine Million Meticais Strafe berechnen müssen."
Cut. Eine Milliom Meticais. Ein Geldbündel von zwei Zentimetern Stärke, mit dem Gegenwert von ca. vierzig Euro und der Ansteckungsgefahr einer mittleren Choleraepidemie. Oder anders ausgedrückt, ein knapper Monatssold des Gesetzeshüters.
Film ab.
"Libbär Härr Bolisisd. Wännn ich jedsd besalle einär Millionnnm dann funf Gilomeda weida schdädd näxde Bölisisd unn will wiedä einä Millionn. Ich glaubä ich habä alles richdich gemachd. Wie Gesetzbuch. Ich glaubä wirr fahren susammmen Boliseipräsident unn fragen wie richdich issd un bessallen Schdrafe bei Boliseipräsident. Der Präsident saggt dann wie richdich gädd. Ob Doggumend is Doggumend. Unn Poliseipräsident schreibtä Zäddel wenn nix ist gut so. Schdeigste ein, farren susammen Präsident."
"Ich wünsche Ihnen gute Fahrt mein Herr und angenehmen Aufenthalt in Mozambique".
Die Strasse kann beginnen....
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Zuletzt geändert von fleisspelz am Di 30 Jun, 2009 12:27, insgesamt 5-mal geändert.
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Beitragvon Flint » Fr 31 Aug, 2007 05:43

:smt023 klasse :!:
Gruss Harald

.... fahra, ned reda
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Beitragvon Nanno » Fr 31 Aug, 2007 06:45

*kopfkratz* Also solche Gespräche kenn ich doch schon fast von österr. Polizisten... :-D

Nein, ehrlich schöne Geschichte!

Grysze
Greg
Frei ist, wer frei denkt.

Disco Inferno - I learn in hell.

Blog:http://greasygreg.blogspot.com/
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Beitragvon Christoph » Fr 31 Aug, 2007 08:27

Österreich ist nicht umsonst eine Bananenrepublik :shock: :-D

Christopher
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Beitragvon Schraubaer 42 » Sa 01 Sep, 2007 06:24

Uff,, Ahhh....Schenkelklopf.

Mehr... Mehr.

Eine göttliche Schreibe.

Mal abgesehen davon daß Beamte wohl doch immer und überall der gleichen Evolutionslinie angehören

Die Argumentation... herrlich. Aber auch die Einsicht das man sich als Ausländer eben für einen Einheimischen so anhört.

Mein Gott Portugiesisch.... Ich hatte bisher den Eindruck daß, seit der Annektierung Portugals durch seine allerkatholischste Majestät, Portugiesisch als Sprache ausgestorben ist. Mindestens mal seit 1580......

Egal. wunderbar.

Sich Tränen aus den Augen wisch...

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Beitragvon nattes » Sa 01 Sep, 2007 09:15

Weiter,weiter... :-D
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Beitragvon fleisspelz » Sa 01 Sep, 2007 14:10

Heute will ich bis Morrungulo.
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Dort betreibt Jack Hill die Baobab Lodge. Jack ist Engländer und ein afrikanischer Kosmopolit. Er hat in den vergangenen dreissig Jahren schon nahezu überall in Afrika gelebt und betreibt seit fünf Jahren mit seiner Mozambikanischen Frau die Lodge direkt am indischen Ozean. Traumstand mit weissem Sand unter Palmen, ein unberührtes Korallenriff vorgelagert. Wale, die bis an das Riff heranschwimmen, Langusten, die man mit der Hand fangen kann, Meeresschildkröten von beeindruckender Grösse. Der südlichste Baobab Mozambiques, und mitten in dieses Paradies hat Jack ein paar strohgedeckte Steinbungalows gestellt, die er an Touristen vermietet. Jack achtet darauf, dass das Riff unberührt bleibt und die Einheimischen respektvoll behandelt werden. Das macht ihn zur Ausnahme unter den Lodge-Betreibern. Man kann an diesem Strand, wie an so vielen in Mozambique stundenlang laufen, ohne einem Menschen zu begegnen. Zur Zeit bestenfalls ein paar Langustenfischern oder Cashewsammlen. Die Cashews sind reif.
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Wir fahren die E1 aus Maputo heraus. Vorbei an nicht enden wollenden Zuckerrohrfeldern und Buschlandschaft.
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Wir sind im reichen Süden des Landes. Es gibt zahlreiche Autos, Omnibusse die aussehen, wie sich ein Europäer einen afrikanischen Omnibus vorstellt, also ein überfüllter Reisebus mit reichlich Gepäck auf dem Dach, und es gibt Fahrräder.
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Frauen mit riesigen Bündeln auf dem Kopf und einem Baby vorne und einem Kleinkind hinten, jeweils in bunte Capulanas geschnürt laufen barfuss und scheinbar ohne Ziel am Strassenrand.
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Überall liegen kleine "Häufchen" irgendwelcher feilgebotenen Gegenstände. Hält ein Auto, so ist es unmittelbar von einer unüberschaubaren Zahl an Händlern jedes Alters umgeben. Eine Eigenart des Landes ist die "Händlermonokultur".
Du fährst sechzig Kilometer an Händlern mit Ananas vorbei. Kunstvoll aufgeschichtete Berge aus frisch geschnittenen süssen Ananas mit einem unvergleichlichen Geschmack, wie man ihn in Europa nicht kennt. Jeder Händler auf diesen sechzig Kilometern bietet Ananas feil. Jeder springt mitten auf die Strasse, wenn er ein nahendes Motorengeräusch vernimmt und winkt mit Ananas. Dein Auto ist aber schon randvoll damit.
Die folgenden 50 Kilometer gibt es Holzkohle, aber nirgendwo auch nur die kleinste Ananas. Dann 70 km Steine zum Hausbau. Dann Cashewkerne, dann Holzschnitzereien, dann Tomaten, dann selbstfermentiertes "Bier" und so weiter...
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Bei Xai-Xai überqueren wir den Limpopo auf einer mautpflichtigen Brücke. Maut wird nur Richtung Süden erhoben, der Logik folgend, dass jeder, der Maputo gesehen hat, dorthin zurückkehren will und dann wieder über ebendiese Brücke muss. Ergo bezahlt man Richtung Süden doppelt und wird Richtung Norden durchgewunken.

Hinter Xai-Xai wird die Strasse monoton. Buschlandschaft, hin und wieder ein paar Strohhütten, Häufchen, laufende Frauen, chinesische Fahrräder mit Rückspiegeln als Statussymbol und hoffnungsloser Überladung.
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Ich muss grinsen, als ich einen Mann mit Anzug an der Strasse langlaufen sehe und ohne Schuhe. Er will bestimmt zu einer Behörde und hat sich einen Anzug geliehen. Der Besitzer des Anzuges scheint deutlich kleiner zu sein, weil der Anzug den armen Kerl regelrecht einschnürt. In die Schuhe seines kleingeratenen Freundes hat er demzufolge wohl auch nicht gepasst. Wenn ein Afrikaner zu einer Behörde geht, dann wäscht er sich überall gründlich und besorgt sich einen Anzug und wenn möglich sogar Schuhe. So signalisiert er dem Amtsinhaber seinen Respekt. Backpacker haben häufig grosse Schwierigkeiten in Afrika, die mit einem sauberen Hemd und einer Krawatte vermeidbar wären. Ich selbst reise grundsätzlich im Anzug in afrikanische Länder ein. Das hat sich bewährt. Dieses Mal standen Tina und ich mit drei Alukoffern in einer Schlange aus ca. zweihundert Fluggästen, davon etwa die Hälfte weiss. Alle Businesspeople oder Entwicklungshelfer hatten "Flugreisezivil" an. Bequeme Trekkingkleidung zumeist. Ich war der einzige mit Anzug und stand ziemlich weit hinten an. In den Koffern 35 Handies von Forenmitgliedern, als Spende für Mozambique. Der Zoll kontrolliert hingebungsvoll die Chanell-Fläschchen und Giveway-Kugelschreiber einer etwa vierzigjährigen Französin. Ein Zöllner winkt mich an all den anderen Fluggästen vorbei zu sich. Ich zeige auf Tina und bedeute ihm, dass wir zusammen gehören. Er signalisiert, sie solle auch vorkommen. Er begrüsst mich in akzentlastigem Schulenglisch:
"Hallo, how are you?"
"I'm fine, thanks, and you?"
"Thank you Sir"
"How is your wife and your children?"
"Fine also. Thank you. How long do you stay in Mozambique?"
Die Frage dient der Unterscheidung zwischen Entwicklungshelfer (unter umständen melkbar), südafrikanischem Tourist (auf jeden Fall melkbar) oder Businessmann mit unbekannten Kontakten (mit Vorsicht zu geniessen). Entwicklungshelfer bleiben mindestens drei Monate, Südafrikaner höchstens zwei Wochen.
Ich klopfe demonstrativ mit meinem roten deutschen Pass in die Handfläche. (Sieh hier ich habe einen roten Pass aus Europa und keinen blauen aus Südafrika. Ich reise in Begleitung einer Frau, die meine Sekretärin sein könnte, habe Alukoffer und einen Anzug. Ich bin also nicht hier um Deine Tochter zu begatten und Deinen Sohn als Lakai zu behandeln. Es könnte aber sein, dass mich Dein Chef zum Abendessen empfängt. Oder schlimmer noch, der Chef von Deinem Chef....)
"It depends on the Quality of your Hotels, but at least four weeks", ich lächle dazu.
Der Mann salutiert, wünscht mir einen angenehmen Aufenthalt und lässt Tina und mich als einzige unkontrolliert durch die Zollschranke.

Rummmmmmmmms.
Vor lauter Träumen bin ich in ein Schlagloch gefahren.
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Afrika und seine Schlaglöcher. Hinter Maputo gibt es erstmal keine. Später gibt es wenige kleine, es gibt vereinzelte grosse, versammelte grosse, eckig befräste, wassergefüllte... Und jedes einzelne trägt seinen Namen zu recht und voller gemeinem Stolz. Das sind keine europäischen Weicheilöchelchen, keine bitumengeflickten Tarnlöcher, nein, das sind richtige Macholöcher. Löcher voller Verachtung für jeden, der sich mit ihnen anlegen will, ob Autoreifen oder Strassenarbeiter. Diese Löcher sind Afrikaner.
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Ich fahre ein völlig ungeeignetes Auto. Ich habe bei der Leihwagenfirma in Europa einen VW Chico bestellt. Das ist ein in Südafrika produzierter Skoda Felicia mit mehr Bodenfreiheit und der Karosserie des Golf 1. Kurze Überhänge, kurze Übersetzung, einfache überschaubare Technik. Leider hatten die aber kein einziges solches Auto in Maputo zur Verfügung und ich musste mich mit dem Upgrade zufriedengeben. Ein Kia Cerato. Das ist technisch ein Mazda 626 aus den 80ern mit 90 PS, Automatikgetriebe und langen Überhängen. Dafür hat er wenig Bodenfreiheit. Die Autovermieter dachten, sie hätten mir einen Riesengefallen getan, weil ich zum Preis des VW den Kia bekam. Der hat in Mozambique etwa das Renommé eines S-Klasse Mercedes hierzulande. Ich habe die Dame informiert, dass ich zur Ilha de Mozambique fahren möchte. Sie hat mir eine gute Reise gewünscht. Ich wette, die gute ist noch nie aus Maputo herausgekommen, hat weder Strohhütte noch Staubstrasse je gesehen. Sonst hätte sie mich mit diesem Wagen nicht fortgelassen.

Bei Massinga verlassen wir die E1 und fahren auf der Staubpiste Richtung Morrungulo. Der Auspuff macht erste Bekanntschaft mit afrikanischem rotem Staub. An dem internationalen Bäcker fahren wir vorbei. Das beste an dem ist das Schild. Das Brot gehört zu der Sorte, die beim kauen immer mehr wird im Mund.
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Ich biege links von der Piste in einen Tiefsandweg. In Afrika muss man Wege häufig wissen oder erahnen. Es gibt wenig Strassenschilder und Wegweiser. Die paar, die es gibt sind nicht immer eindeutig.
Jetzt muss ich am Gas bleiben mit dem Antichrist. Ich schiesse mit Todesverachtung zwischen Kokospalmen und Cashewbäumen durch den Sand, die Mutter aller Staubwolken nach mir ziehend. Jetzt noch ein etwa zwanzig Prozent steiles und zweihundert Meter langes Gefälle im Sand hinunter. Der Weg ist mit Kokosnussschalen befestigt, die zur Traktionserhöhung in den Sand geworfen worden sind.

Wir sind da.
Tina ist zum ersten Mal in ihrem Leben am indischen Ozean.
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Zuletzt geändert von fleisspelz am Di 30 Jun, 2009 12:39, insgesamt 3-mal geändert.
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Beitragvon fleisspelz » Sa 01 Sep, 2007 15:27

Nach einem ausufernden Abendessen mit Papageienfisch und gekühlten Kokosnüssen, deren "Milch" mit einem Strohhalm getrunken wird, bevor die Nuss geöffnet wird und man das weiche weisse Fruchtfleisch mit einem Löffel herauskratzt, gehen wir zu unserem Bungalow.
Wir sind die einzigen Gäste. Die Reisesaison ist mit dem Neujahrstag beendet und die nächste beginnt im Juni nach der Regenzeit. Wir schleichen vorsichtig zu unserem Haus, um den Wächter nicht zu wecken, der neben dem Holzkohlebadeofen in einer Astgabel den Schlaf des Gerechten schläft.
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Die Nacht ist ruhig. Am kommenden Tag haben wir einen Pfannkuchenberg vor uns. 700 km durch die Provinz von Sofala. Eintönige Landschaft, wenig neues zu sehen, aber dank der Schlaglöcher und der Menschen auf der Strasse ist es ratsam, durchgehend konzentriert zu bleiben.

Die Autos werden langsam weniger, die Zahl der Fahrräder nimmt zu. Das Land wird ärmer, je weiter wir nach Norden kommen. Wir überqueren die Save auf einer Brücke, die mit EU Mitteln gebaut wurde. Im Fluss badende Kinder, waschende Frauen und ein Fischer im Einbaum. Baobabs sind jetzt allgegenwärtig und prägen die Landschaft.
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Zuletzt geändert von fleisspelz am Di 30 Jun, 2009 12:41, insgesamt 2-mal geändert.
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Beitragvon lallemang » Sa 01 Sep, 2007 19:36

:-D Träum, Grins, Träum :wink: :smt023
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Beitragvon fleisspelz » So 02 Sep, 2007 01:13

Viele Menschen, die Mozambique kennen, sagen dass die Save eine Grenze der Armut ist. Südlich der Save leben viele arme Menschen, nördlich davon ausschliesslich. Das Strassenbild bestätigt das. Die Fahrräder werden weniger, die Zahl der Fussgänger steigt.

Ich werde die eintönige Landschaft zwischen Save und Zambezi dazu nutzen, Euch mit ein paar Fakten zu langweilen.
Mozambique nimmt derzeit auf der Liste der zehn ärmsten Länder dieser Welt Platz sieben ein. Mozambique kennt jede Form, jede Ausprägung und jede Folge der Armut.
18 % der Bevölkerung ist HIV Positiv.
38 % der Bevölkerung hat weniger als 1400 Kalorien pro Tag zur Verfügung. Die Genfer Kriegsgefangenenkonvetion schreibt 2100 Kalorien pro Tag als Untergrenze vor, für Gefangene, die nicht arbeiten müssen.
56 % der Bevölkerung sind Analphabeten.
70 % der Bevölkerung hat pro Tag weniger als den Gegenwert von einem Dollar an Lebensmitteln und Hygieneartikeln zur Verfügung.
80 % der Bevölkerung ist arbeitslos.
und die wenigsten Mozambikaner besitzen Schuhe.
In Mozambique leben ca. 19,3 Millionen Menschen auf 801 590 km².
Zum Vergleich: die BRD hat 82,4 Mio auf 357 023 km².
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Mozambique hat Jahrhunderte der Gewaltherrschaft, Kollonialisierung und Unterdrückung hinter sich. 1498 wurde Mozambique von Vasco da Gama entdeckt und 1752 zur portugiesischen Kollonie erklärt. Davor waren aber bereits osmanische Reiterheere aus dem afrikanischen Norden bis Beira vorgedrungen und hatten die Gegend moslemisiert. Aus Indien waren Händler über Madagaskar nach Mozambique gekommen. Während die Inder hauptsächlich am Handel interessiert waren, ohne Regenten werden zu wollen, oder zu missionieren, waren die Osmanen Gewaltherrscher und später Sklavenhändler. An Grausamkeit wurden sie erst durch die Portugiesen übertroffen. Die Portugiesen waren weltweit die letzten, die die Sklaverei abschafften. Gleichzeitig waren sie perfide genug, im nämlichen Atemzug die Zwangsarbeit einzuführen.
Das portugiesische Salazar-Regime, dass im zweiten Weltkrieg mit allen Parteien Handel trieb, hat zwischen 1939 und 1943 erheblich in die Infrastruktur von Mozambique und Angola investiert. Das Kalkül war, eine Rückzugsfläche zu schaffen, falls Hitler in Portugal einmarschieren sollte. Viele Brücken, Fähren, Eisenbahnlinien und Strassen stammten aus dieser Zeit. Freilich haben die Portugiesen nie eine afrikanische Elite herangezogen, wie es Engländer und Franzosen stets taten. Seit 1952 gab es ein Programm, in dem veramten Bauern aus dem Alentejo riesige Grundstücke in Mozambique als Ausgleichsflächen geschenkt wurden, wenn sie bereit waren, Portugal den Rücken zu kehren. Samt Mann und Maus, die dort wohnten waren nun die Einheimischen eine Art Leibeigene. Mozambikaner dienten jahrhundertelang in allen Kriegen mit portugiesischer Beteiligung als Kanonenfutter. Ob es gegen Holland ging, gegen die englische Krone, gegen Frankreich oder gegen sonstwen, stets liessen Mozambikaner ihr Blut.
1962 gründete sich die FRELIMO, eine Freiheitsbewegung, die nach dem Vorbild anderer afrikanischer Staaten die Unabhängigkeit Mozambiques forderte.
Am 25. April 1974 fiel das rechtsgerichtete Militärregime Portugals in der Nelkenrevolution. Das bedeutete, für Mozambique im Jahre 1975 das völlig unvorbereitete Ende der Kollonialherrschaft. Die Portugiesen hinterliessen verbrannte Erde. Fabriken, Maschinen, Herrenhäuser wurden von den Besitzern niedergebrannt, bevor sie Hals über Kopf nach Portugal oder Brasilien flüchteten. Die einzige Unterstützung für das Volk ohne ausgebildete Bürger und ohne Infrastruktur kam aus den Sozialistischen Bruderstaaten der UDSSR, vornehmlich aus der DDR.
Da Südafrika aber eine marxistische Regierung wenige hundert Kilometer vor Johannesburg fürchtete, bezahlte diese eine konterrevolutionäre Armee, die RENAMO. Seit 1975 befand sich Mozambique in einem grauenvollen Bürgerkrieg, der 1992 formal, aber erst 1995 endgültig beendet wurde. Noch heute sind nicht alle Landminen geborgen.
Zu allem Überfluss ist das Land in den Jahren 2000, 2001 und 2007 von grauenvollen Hochwasserkatastrophen heimgesucht worden. Die einzige echte Touristenhochburg, Vilanculos ist im Frühjahr dieses Jahres von einem Tornado verwüstet worden.

Wir kommen zur Inchope Crossing. Hier kreuzt der Beira Korridor die Nationalstrasse E1. Wir sind jetzt im Heimatgebiet der RENAMO. Sechs Kilometer hinter der Kreuzung übernachten wir im Arco Ires Tourismusressort. Ein Luxusressort mit klimatisierten Zimmern, Einer Bewachung rund um die Ohr und Duschen mit elektrischem Warmwasser in jedem Zimmer. Geduscht habe ich dann dennoch lieber kalt...
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Zuletzt geändert von fleisspelz am Di 30 Jun, 2009 12:42, insgesamt 3-mal geändert.
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Beitragvon motorang » So 02 Sep, 2007 06:49

Ja, die afrikanischen Straßen ...

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Das war das größte Schlagloch das mir begegnet ist - ich musste es weiträumig umfahren ...

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Immerhin die Nord-Süd Hauptverbindung von Algerien (In Salah-Tamanrasset)

Ich harre der Fortsetzung Deines Berichts und freu mich schon drauf ...

Gryße!
Andreas, der motorang
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Beitragvon lallemang » So 02 Sep, 2007 11:31

:smt023 Du langweilst keineswegs!

Allerdings ging die Beglückung der Bevölkerung durch die Portugiesen schon 1498 los.
Und sogar das deutsche Kaiserreich gab 1917 bis 18 ein Gastspiel in der Nordhälfte Mozambiques.
Man war ja seit 1885 ein durchaus ebenbürdiger Nachbar der Portugiesen im heutigen Tansania,
Burundi und Ruanda, wo die etwas verspätete Abschaffung der Sklaverei mit solcher Gründlichkeit
vorgenommen wurde, da§ es die Bevölkerung sogar in einem Aufstand vereinigte.

Gry§e Peter
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Beitragvon fleisspelz » So 02 Sep, 2007 12:02

Heute wird es wieder lustiger. Wir durchqueren zunächst einmal den Gorongoza Nationalpark. Die Gegend ist bergig und menschenverlassen. Es gibt hier noch riesige intakte Urwälder. Von meiner letzten Mozambique-Reise weiss ich, dass ich gut beraten bin, nicht die staubige Sandpiste zu nehmen, die auf den Karten als Hauptroute verzeichnet ist, sondern die neugebaute Umgehung des Gorongoza Nationalparks, die afrikanischer Logik folgend mitten durch selbigen hindurchführt. Die beste Strasse des Landes. Hier gibt es allerlei Wildtiere vom Auto aus zu sehen. Affen, Schlangen, Stachelschweine, Echsen, Geier....

Wir haben es nicht mehr weit bis zur Zambezi Fähre in Caia. Die einzige mozambikanische Querung dieses Flusses seit dem Bürgerkrieg. Die Brücken werden immer zuerst gesprengt....
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Mir fällt die letzte Reise ein. Da kamen wir gegen 16:30 Uhr in Caia an, fuhren zur Fähre und fragten, wann die nächste geht.
"Die Fähre fährt von 6:00 Uhr am Morgen bis 17:00 Uhr" erklärte der wachhabende Polizist.
"Ja dass brima, dann farren Färre jedzd."
"Heute hat die Fähre den Verkehr bereits eingestellt."
"Abbär ischde ersd halb funf."
"Der Kapitän wohnt auf der Nordseite des Flusses."
"Und jezzde gätt erst morgän Färre?"
"Morgen früh um sechs Uhr, wie schon gesagt."
"Gibt hirr irgändwo Hotel?"
"Sie können hier übernachten." Er zeigt um sich auf ein verschlammtes Gelände mit etlichen aus Stroh und Abfällen gebauten Buden. Scharen von Moskitos sind noch die angenehmsten Zeitgenossen, die sich dort rumtreiben. Wir beschliessen vom Fährableger zurück in das "Städtchen" Caia zu fahren, um dort ein Nachtquartier zu suchen. Also vorbei an der Schlange aus an die hundert Schwerlastwagen und etlichen Bussen, die auf Überfahrt warten. Manche schon seit Wochen. Auf die altersschwache Fähre aus dem Jahr 1942 passt immer ein Schwerlaster, zwei kleine Busse , ca. acht PKW und so um die hundert Fussgänger.... Bei ca. 8 bis 9 Überfahrten täglich und einer Schlange von um die hundert Lastern kann man sich leicht ausrechnen, warum der Norden des Landes mit mancherlei Dingen chronisch unterversorgt ist.

In Caia fanden wir ein Haus mit der Aufschrift "Pensao Palácio Caia Restaurant". Wir erfahren, dass noch Zimmer frei sind. Das Auto wird auf den Hof gefahren und sofort zwangsgewaschen. Ich breite ein Laken auf dem Bett aus und lege meinen Seidenschlafsack bereit. Das Zimmer ist so gross wie ein Bett plus eine halbe Türbreite. Also Tür den vorhandenen Spalt auf, Koffer reinschieben, selbst durchquetschen, Tür zu, Koffer hinter Tür, über Koffer klettern, Tür wieder auf und rausquetschen, nächsten Koffer ins Zimmer schieben, Tür zu mit Koffer rückwärts über ersten Koffer klettern, über beide Koffer zurückklettern....echt eine Monty Python Nummer.

Die sanitären Einrichtungen bestehen aus einem Raum, in dem ein fliegenumschwärmter, aber zur Zeit leerer Eimer bereitsteht, und eine aufgeschnittene Konservendose mit brackigem Wasser aus dem Fluss zum waschen. Pensao Palácio Caia...

Wir setzen uns ins "Restaurant", also an einen der beiden freien Tische vor dem Haus, an der Strasse durch die Gemeinde gelegen. Laute Merengue- und Reggae-Rythmen dröhnen blechern aus zwei Lautsprechern eines chinesischen Ghetto-Blasters. Durchmengt von dem einen oder anderen Disco-Fox und der Musikrichtung "Mozambique", einem afro-cubanischen Stilgemisch. Die gesamte Jugend des Dorfes tanzt hier. Die arrivierten bei einer Cola innerhalb der Mauern, die meisten vor dem Gelände des Palácio. Nach einer halben Stunde schafft es der Kellner nicht mehr, mein Winken gewissenhaft zu übersehen. Er ist eine Sekunde unaufmerksam und sieht mich an. Jetzt verlöre er sein Gesicht, wenn er mich weiter ignorieren würde. Also kommt er betont langsam und rythmisch tänzelnd auf mich zu.
"Was wünschen Sie, Padrao?"
"Wir essen wolle. Bitte bringste Du Flasche Wassa und Flasche schwarzes Wein und sagste Du, was habe Essen." Nach einer Karte zu fragen wäre sinnlos gewesen.
"Was wollen Sie essen, Padrao?"
"Sindä hirr Fluss. Du habe Fisch?"
"Nein, ich bedaure. Wir haben keinen Fisch, Padrao."
"Was haste Du Essen?"
"Was wünschen Sie zu essen Padrao?"
"Sinde hirr Rand von Nationalpark. Hasde Du Steak vonKudu?"
"Nein, ich bedaure. Wir haben kein Kudufleisch, Padrao."
"Was haste Du Essen?"
"Was wünschen Sie zu essen Padrao?"
"Habbe ich vorhinn gesän Maisfeld. Hasde Du gegrillte Maiskolb?"
"Nein, ich bedaure. Wir haben keinen Mais, Padrao."
"Was haste Du Essen?"
"Was wünschen Sie zu essen Padrao?"
Wir spielen dieses in Afrika so beliebte Spiel so lange, bis wir uns auf das einzige Gericht geeinigt haben, das hier feilgeboten wird. Hähnchen mit Pommes und Salat.
Wir sitzen ca. eineinhalb Stunden, sehen der Dorfjugend beim tanzen zu, erklären einem Betrunkenen, dass wir keinen Job für ihn haben, bestätigen einen anderen Betrunkenen, dass Goddie gross ist und werden zum Ausgleich in seine Gebete aufgenommen. Der Wein tut seine erste Wirkung. Es ist einheimischer Wein aus Beira. Abgefüllt und serviert in einer schicken Plastikflasche, wie sie hierzulande für Billigessig verwendet wird. Eine dunkelbraune, trübe, ölige Flüssigkeit von undefinierbarem Geschmack. Vielleicht ist es Altöl. Wen interessiert das schon....
Dann kommt das Hähnchen, dessen frisch gelassenen Federn wir auf dem Weg ins Zimmer wieder begegnen. Als Beilage gibt es zwei drei Millimeter starke Scheiben Tomate (vulgo Salat) und "Chima", die allgegenwärtige blasse Maniokpaste. Wenn es ein Nahrungsmittel gibt, das den Namen "Sättigungsbeilage" verdient, dann ist es dieser unappetitliche Fensterkleister. In Südafrika heisst das Zeugs Pap, und genau so schmeckt es. Ich frage, ob wir ein zweites Besteck haben können. Der Kellner versichert mir, dass dieses das einzige Besteck sei, das er anbieten könne. Das Essen habe seine Zeit gebraucht, weil er erst warten musste, bis dieses Besteck wieder frei war. Man sei vor drei Wochen überfallen worden und beraubt. Ausser der Stereoanlage habe man noch nichts neues anschaffen können.
Ich habe in dieser Nacht nicht tief geschlafen.

Jetzt fahren wir wieder auf Caia und den Zambezi zu. Eine neue Brücke ist im Bau, mit Geldern der EU finanziert.
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Wir erreichen die Fähre pünktlich zu Beginn der Mittagpause und stehen in der Schlange ganz vorne. Fein.
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Wir trinken eine lauwarme Cola in einem Schnellimbiss "McDonalds". Das Schild ist auf eine altersschwache Pappe gemalt. Es gibt lauwarme Cola, lauwarme Fanta und altbackenes Brot. Danach sehen wir den Einbaumfähren zu, die gegen die Strömung kämpfen. Der Weg zur anderen Seite des Flusses ist stets ein grosser Bogen....
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Beitragvon fleisspelz » So 02 Sep, 2007 15:23

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Bei den Einbäumen beobachten wir, dass sie zunächst etwa einen guten Kilometer gegen den Strom paddeln, bevor sie sich zum anderen Flussufer orientieren, um sich dann von der Strömung zum Anleger drüben mitreissen zu lassen. Das Fährboot gebraucht die selbe Taktik.

Das Boot legt an, eine paramilitärische Einheit, bewaffnet mit Kalashnikovs und allesamt mit verspiegelten Sonnenbrillen ausgestattet regelt den Verkehr und manövriert die Fähre. Zuerst werden die Betrunkenen von der Anlegerampe vertrieben, dann alle Fussgänger zurückgedrängt, dann die PKW von der anderen Seite vom Schiff gelassen. Dann die Lastwagen, die Busse und zum Schluss die Fussgänger. Einschliesslich Rindern und Ziegen.

Jetzt darf ein LKW auf die Fähre, dann zwei Busse ohne Fahrgäste. Die Ziegen dürfen auf dem Dach des Busses bleiben. Sie blöken vor Durst in der Sonne. Das kümmert niemanden. Tiere werden in Afrika lebend gehandelt, wenn man wissen möchte, wie frisch ihr Fleisch ist. Eine Kühlkette existiert nicht. Jetzt fahren die PKW auf die Fähre und jeder Zentimeter wird genutzt. Anschliessend die Fahrradfahrer, die Fussgänger, die Kühe und die Ziegen. Das Boot dürfte um ca 200% Überladen sein.
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Wir sind jetzt endgültig im Norden des Landes angekommen. Die Fahrräder werden immer weniger.
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Linienbusse werden hier "Maxibombo" genannt, weil sie im Bürgerkrieg ein beliebtes Terrorismusziel waren. Nördlich des Zambezi sind Machine-Bombos längst keine geschlossenen Fahrzeuge mehr, sondern Kipper-LKW und die Chappa genannten Sammeltaxis sind jetzt nicht mehr wie im Süden Kleinbusse mit einer nachträglich dazugelogenen vierten Sitzreihe, sondern zumeist Pickups mit verzogenen Rahmen, teils von Unfällen rührend, teils von der permanenten Überladung.
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Die Lasten auf den Köpfen der Frauen freihändig ballanciert werden immer gewaltiger, ich sehe immer seltener Schuhe an den Füssen. Schulkinder laufen in Scharen mit ihrem Sitzschemel zur Schule, oder später nach Hause. Für die im Süden üblichen adretten Schuluniformen hat im Norden keiner Geld. Als Schule dient üblicherweise der höchste Baum der Region.
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In Mocambique sind Lehrer und Lastwagenfahrer die schlimmsten Aids-Multiplikatoren. Jeder Student, egal welches Studienganges darf zum Ende des zweiten Semesters bei der Schulbehörde als Dorflehrer anheuern. Für manch einen, der finanziell abzustürzen droht ein rettender Strohbüschel und für die Schulbehörde der einzige Weg, Freiwillige für den Busch zu finden. Da es in Afrika durchaus gang und gäbe ist, schlechte Zensuren durch das Angebot sexueller Gefälligkeiten aufzupolieren, sind Lehrer eine latente Ansteckungsgefahr.

Stell Dir vor, Du wärest in einer Strohhütte gross geworden. Dein Leben wäre durch Vodoo und den Respekt vor lebenden und toten Ahnen geprägt und Du hättest staunend den chromblitzenden Autos an der Asphaltstrasse nachgeschaut. Du hättest davon geträumt, irgendwann nicht mehr in einer runden Strohhütte mit gestampftem Lehmboden zu leben, sondern in einer viereckigen Lehmhütte wie der Chief eine hat. In viereckigen Hütten kann man auch ein Sofa haben, wie der Chief, oder wenigstens einen Kühlschrank, sei es auch ohne Strom, wie beim Chief, oder aber eine eigene Bastmatte zum schlafen. Eines Tages ziehst Du dann los in die Welt. Drei Tage entlang der grossen Strasse. Wenn ein Auto sich hupend nähert, dann springst Du in den Graben, dann kletterst Du heraus und läufst und läufst und läufst. Irgendwann werden die Hütten zahlreicher und die Menschen am Strassenrand mehr. Dann kommen die ersten Marktbuden, und das Menschengewimmel wird immer dichter. Du siehst Häuser, wie Du sie noch nie gesehen hast, ganz und gar aus Stein gemauert. Und je weiter Du läufst, desto grösser werden die Häuser. Die Menschen sitzen vor einem Haus auf Stühlen und trinken Cola. Aber aus irgendeinem Grund ist die Cola ganz kalt, so wie im Winter. Vielleicht sogar noch kälter, und das obwohl es nicht Winter ist. Du läufst weiter und weiter, und Du siehst jetzt Häuser mit mehreren Stockwerken. Weltwunder und unbeschreiblich hübsch anzusehen. Mit riesigen Fenstern, mit Licht ohne Feuer darin und gewaschener Wäsche davor. Etwas noch gewaltigeres kann es nicht geben auf der Welt. Du bist im Paradies. Wir sind in Quelimane angekommen.
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Beitragvon fleisspelz » So 02 Sep, 2007 20:16

Nach einer ruhigen Nacht in Quelimane beginnt nun das einzige Streckenstück, das mit einem grossen Fragezeichen versehen ist. Wir wissen, dass es hinter Namacurra nur noch teilweise befestigte Strasse gibt, und zwischen Mocuba und Alto Moloque eine neue Strasse im Bau ist, die aber noch nicht befahren werden kann. Hinter Alto Moloque wird es bergig und es gibt nur Piste. Die letzten Kilometer vor Nampula sind voller Schlaglöcher und erst ab Nampula gibt es wieder brauchbare Strassen. Jetzt muss ich also mal sehen, was man aus einem Kia Antichrist so rausholen kann.
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Irgendwo in der Nähe von Mocuba halten wir an einer Strohhütte und machen Pause bei einer lauwarmen Cola. Wir sind sofort von dem gesamten Dorf umringt und jeder will mit auf das Foto. Der Chief läuft auf einer Krücke. Er ist auf der neu gebauten Strasse von einem Auto angefahren worden, das natürlich nicht angehalten hat. Wir bezahlen die Cola fürstlich und schenken dem Chief einen Kalender mit aquarellierten Ansichten des Spessart von der Sparkasse Aschaffenburg. Er weint vor Freude und das Dorf betet für uns. Na dann kann ja nix mehr passieren...
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Wir fahren auf einer provisorischen Piste neben dem unfertigen Strassenneubau. Diese provisorischen Pisten bestehen zum Teil aus den zerstörten alten Strassen, zum Teil aus festgefahrenem Strauchwerk oder einfach aus den Spuren all der Vorausgefahrenen. Provisorische Piste bedeutet zumeist auch abgebrochene Brücken und abenteuerliche Behelfs-Wasserüberquerungen.
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Tina, die normalerweise eine tapfere Beifahrerin ist, fängt langsam an, erste Kiekslaute von sich zu geben. Ich möchte nicht mit ihr tauschen. Lieber fahre ich selbst, das Auto taugt für diese Strecke eh nicht... Der Chief hat mit seiner Gemeinde für uns gebetet. Was soll uns schon passieren?

Es hat begonnen zu regnen, und schlagartig verwandelt sich die Piste in eine rote, schlammige, rutschige Matschlandschaft. Die ersten LKW fahren sich fest und wir müssen über die unbefestigte Böschung auf die geschotterte Neubaupiste ausweichen, die irgendwo schlagartig endet. Dann ein paar hundert Meter zurück, bis eine Stelle gefunden ist, an der man wieder in den Schlamm wechseln kann.
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