von fleisspelz » Mo 20 Okt, 2014 15:22
Ich bin der Ansicht, dass "gefällt mir" oder "versteh ich nicht" und vergleichbare Reaktionen absolut richtig und nachvollziehbar sind. Richtiger und nachvollziehbarer, als mancher durch und durch intelektuell fundierte Interpretationsversuch. Ich hab mich zum Teil kringelig gelacht über mir gänzlich unbekannte und ebenso unerklärbare Fakten, die öffentlich zu Bildern geliefert worden sind, die ich nachweislich selbst gemalt hatte.
Ich stimme nicht mit der These überein, dass Kunst in erster Linie für den Künstler unverzichtbar ist. Das kann so sein, muss es aber nicht. Um meine Meinung anschaulicher zu machen habe ich zwei Beispiele parat:
Das erste ist das ca. 1390 entstandene Westfenster des Altenberger Doms, das Generationen von Zisterziensermönchen bei Gebet, Meditation und Einkehr geholfen hat. Wenn ich Abends, kurz vor Sonnenuntergang einen Lichtstrahl durch dieses Fenster einfange, und obendrein noch die Kölner Kantorei das Lux Aeterna von György Ligetis singt, dann bin ich der von Jonas zitierten Methaphysik verdammt nah. Ehrlich. Für den Künstler dürfte das unerheblich sein, zumal er lange tot ist.
Das zweite Beispiel ist die polnische Plakatkunst der 80er Jahre, die einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen der Revolution und zur Bekanntheit der Gewerkschaft Solidarnosz geliefert hat. Da war Kunst stets wichtiger für den Betrachter, als für den Künstler.
Es gibt eine fatale Diskussion in Künstlerkreisen.
Die Berufsverbände bildender Künstler sind die selbsterklärten Zeugwarte der Kulturförderung. Sie bestimmen darüber und beraten dabei, wo öffentliche Gelder eingesetzt werden, wer ein Stipendium erhält, wessen Werk öffentlich angekauft wird oder geben Empfehlungen an den Bankdirektor, womit er die Schalterhalle schmücken soll. Nun lassen die Berufsverbände als Mitglied nur den zu, der von der Kunst lebt. Das bedeutet Schullehrer ("Kunsterzieher" - gnihihi das Wort alleine ist zum Schiessen. Zu was soll denn die Kunst erzogen werden? - ) zum Einen und irgendwelche, aus egal wie arschkriecherischen Gründen, arrivierte Künstler zum Anderen. Klar sind da auch häufig ein paar gute Leute dabei. Leider haben diese jedoch selten das Sagen, denn die bekommen ihre Anerkennung meist für ihr Werk, statt für ihr hochtrabendes Geschwätz.
Da nun nur Zugang zu öffentlichem Geld hat, wer eh schon von Kunst lebt, wird die Kunst dem Markt unterworfen. Recht hat, wer verkaufbar malt, zeichnet oder bildhauert, nicht wer gute Qualität abliefert. Welcher Umstand dabei zum Verkaufserfolg führt spielt keine Rolle. Ob es die gelangweilte Ehefrau des Sparkassendirektors ist, die da esotherische Kleckse fabriziert oder der durchgeknallte Sohn des reichsten Unternehmers vor Ort, der Papi wenigstens bei Vernissagen seiner komplett sinnleeren Selbstfindungsskulpturen zu Kundenbindungszwecken zu ein wenig Vaterstolz verhilft, denen ist Unterstützung aus Steuergeldtöpfen sicher. Wenn einer aber Werke schafft, wie Graffittis, Streetart oder Guerillaplanting, wenn einer Bilder malt, ohne sich dafür zu interessieren, ob die verkaufbar sind und halt malochen geht, um sein Leben zu finanzieren, dann ist das in den Augen der selbsternannten Kulturmachthaber nichts wert. Die Qualität der Werke spricht da häufig eine andere Sprache.
Ich halte es für rotzig und kotzig, wie der Kunstbetrieb einen grossen Teil der Bevölkerung zurück lässt, ohne ihn zu informieren, ohne ihn einzuweihen und ohne sich für etwas anderes, als das Steuergeld und für sich selbst zu interessieren. Viele vermeintlich aufgeklärte Kunstverständige richten ihr Urteil über grossformatige Klecksereien nach dem Preisschild, während ruhige und mahnende Stimmen kein Gehör finden, die fordern, dass Kunst den elitären Weg verlassen soll. Was ich an der Handhabung von Kunst in unseren Breitengraden nicht mag, ist dass sie auf der Grenze zwischen undemokratisch und demokratiefeindlich agiert.
Was ich an Kunst mag, ist dass Kunst eine Tochter der Freiheit ist, und dass Freiheit umgekehrt eine Tochter der Kunst ist. Kunst ist ohne Freiheit nicht denkbar. Und sei es nur die Freiheit, die sich einer nimmt, um gegen eine Unfreiheit aufzubegehren. In Zeiten der Unfreiheit und des Mangels beschäftigen sich Menschen und Gesellschaften damit, Freiheit zu erlangen oder zu überleben. Immer, wenn sich ein Mensch mit Kunst beschäftigt, schafft er mindestens die Rahmenbedingungen, um seine Werke zu produzieren, und damit ein Stück Freiheit.
..........................
There is a crack in everything, that‘s how the light gets in …