Unendliche, ohrenbetäubende Stille

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Unendliche, ohrenbetäubende Stille

Beitragvon fleisspelz » Mi 30 Dez, 2009 21:50

Ich war gestern am Bodensee auf der Beerdigung einer Frau, die am 22. Dezember einen sinnleeren Tod gestorben ist, aus dem man nichts lernen kann.

Sie hat alles richtig gemacht in der Situation, sie war beliebt und geliebt, sie war erfolgreich in so vielen Dingen, war herzenswarm und aufrecht.

Ein tief gläubiger Mensch, Chorleiter der Kantorei, in der sie gesungen hat, kommentierte die Situation treffend mit dem Satz: "Beim Vater Unser bleibt mir seit Weihnachten die Zeile "...und Dein Wille geschehe..." im Halse stecken."

Almut, 45 Jahre jung, Mutter von drei acht- bis vierzehn-jährigen Töchtern, kurz vor Vollendung ihres Zweitstudiums, Veranstalterin des Salem Musikfestivals, Gemeinderätin, Frau eines liebenden, eloquenten und charmanten Mannes, steigt eben kurz ins Auto, fährt vorschriftsmässig angegurtet mit verhaltener Geschwindigkeit über eine Landstrasse in die kleine Stadt um die Ecke um eine nebensächliche Besorgung zu erledigen und wird in einer Kurve von einem entgegenkommenden DPD Lieferwagen gerammt, dessen Fahrer einen Augenblick lang unachtsam war.

Unendliche, ohrenbetäubende Stille.
Leere.

Fassungslose Leere, die keine noch so bedeutendes Wort zu füllen vermag.

Der Chor füllt die ratlose Sprachlosigkeit mit Bachchorälen.

Und dann nur ein Satz der bleibt:

Wenn Hoffnung wie Glas zerbricht,
Pläne durchkreuzt werden,
Träume die Kraft verlieren,
dann kommt es auf die Wurzeln an.

Ich stehe auf einer Beerdigung, inmitten von Menschen, die mich achten und mache mir Gedanken, ob auch nur einem der Afrikaner, die ich im kommenden Jahr zu Grabe tragen werde, eine vergleichbare Beachtung zuteil werden wird, wie sehr seine Lebensleistung diese Achtung auch verdienen möge.

Was soll ich daraus lernen?
Nix!
..........................
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Beitragvon altf4 » Mi 30 Dez, 2009 21:59

...
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Beitragvon lallemang » Mi 30 Dez, 2009 22:19

Du achtest de, der sein Teil vollendet hat. Was sollst Du noch lernen?

Gry§e Peter
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Beitragvon Wolfgang » Do 31 Dez, 2009 09:42

Justus - lernen wirst du m.E. nichts draus. Aber ich meine, solche Empfindungen und Erlebnisse formen. Schon allein die Sensibilität, sich solche Gedanken zu machen und solche Empfindungen zu haben, zeugen vom Mensch sein.
Das ist mehr, als man oft erwarten kann.

Das Leben ist dadurch nicht leichter - aber die "Höhen und "Tiefen" liegen weiter auseinander.

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Beitragvon zündfix » Do 31 Dez, 2009 12:48

Veranstalterin des Salem Musikfestivals


Vielleicht purer Zufall .

Salem ist eine alte Zisterzienser-Abtei, die im Rahmen der Säkularisierung der Kirche genommen und dem Markgrafen von Baden von Napoleon zugesprochen wurde.

Die meisten Einrichtungsgegenstände aus der Zeit der Abtei sind noch vorhanden. In fast jedem Raum befindet sich ein immer wiederkehrendes Motiv:

Eine Uhr, umgeben von der Darstellung von Gebeinen.

Das Ensemble soll jeden Betrachter daran erinnern, daß seine Zeit verrinnt, er sterblich ist und die Stunde seines Todes nicht bestimmt.

Die Mönche der Zisterzienserabteien in aller Welt leben gemäß dieser Einsicht. Viel Arbeit, wenig Pomp (das Salemer Münster hat zum Ausdruck dieser Bescheidenheit keinen Glockenturm).

Das Salemer Tal haben sie bis zur Säkularisation von einem unbrauchbaren Sumpf in ein fruchtbares Tal verwandelt, allein der Markgraf bewirtschaftet hier 1000 Hektar.

Zitat Justus:


Sie hat alles richtig gemacht in der Situation, sie war beliebt und geliebt, sie war erfolgreich in so vielen Dingen, war herzenswarm und aufrecht.

Ein tief gläubiger Mensch, Chorleiter der Kantorei, in der sie gesungen hat, kommentierte die Situation treffend mit dem Satz: "Beim Vater Unser bleibt mir seit Weihnachten die Zeile "...und Dein Wille geschehe..." im Halse stecken."

Almut, 45 Jahre jung, Mutter von drei acht- bis vierzehn-jährigen Töchtern, kurz vor Vollendung ihres Zweitstudiums, Veranstalterin des Salem Musikfestivals, Gemeinderätin, Frau eines liebenden, eloquenten und charmanten Mannes


Er beschreibt eine fleißige, dem Allgemeinwohl und ihrer Famile verpflichtete Person, die es sicher verdient hätte, die Früchte ihrer Mühen weiter reifen zu sehen.

Aber sie hatte es ebensowenig in der Hand wie wir .

Kein Trost. Aber eine Erkenntnis, wenn auch keine erfreuliche.

M.f.G.,
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Salem

Beitragvon Maybach » Do 31 Dez, 2009 19:48

Die Mönche der Zisterzienserabteien in aller Welt leben gemäß dieser Einsicht. Viel Arbeit, wenig Pomp (das Salemer Münster hat zum Ausdruck dieser Bescheidenheit keinen Glockenturm).


Servus Zündfix,

leider hat auch die Zisterzienser in Salem im 18. Jh. eine Hype erwischt und sie wollten einen Kirchturm bauen. Das ist dann schiefgegangen - er ist eingestürzt, weil er die Schwingungen des Geläuts nicht ausgehalten hat. Das kann man bei einer Besichtigung des Glockenstuhls auch noch schön sehen.
Vielleicht ein Beispiel für "Hochmut kommt vor dem Fall"?

Ändert aber niXS an der tragischen Situation, mit der wohl niemand so recht fertig werden kann. Verstehen kann man das eh nicht ....

Nachdenkliche Grüße vom

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Beitragvon roger » Sa 02 Jan, 2010 01:26

Gestern haben Justus und ich noch darüber gesprochen.
Heute lese ich eine Email eines Freundes, in der er mir mitteilt, dass ein langjähriger Freund, der vor 5 Jahren nach Portugal auswanderte, an einer Lungenentzündung verstarb. Er war noch keine 45 Jahre alt und hinterläßt Frau und zwei Töchter. Ich habs noch nicht begriffen...
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Beitragvon Gitti » Sa 02 Jan, 2010 14:14

Es gibt so viele Dinge, die man nicht versteht...aber müssen wir auch alles verstehen??
Ich habe auch schon so viele Menschen verloren, wo ich denke...was soll das?? Durch Krankheit, unverschuldet, Verschuldet......

... so ist das Leben....
Was mir geholfen hat...
Trost finden, durch Menschen die da sind...das ist super und nicht weg zu denken.

Drücker an alle die traurig sind...
Gryße Gitti, aus x-tal ... früher aus der schönen VorderRhön


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Beitragvon GrafSpee » Sa 02 Jan, 2010 18:39

Das, was man aus solch tragischen unglücken lernen kann:
"Lebe jeden Tag so, das Du morgen von dieser Welt abtreten kannst, ohne etwas zu bereuen und ohne etwas verpasst zu haben"

Seitdem einer meiner beiden besten Freunde, am Valentinstag werdens 10 Jahre, bei einem Autounfall ums leben kam (mein immernoch bester Freund saß auf dem Beifahrersitz und wurde schwer verletzt) versuche ich so zu leben. Ersteres klappt, an zweiterem arbeite ich jeden Tag....

Mein Mitgefühl den angehörigen und freunden!

Gruß
Jens
Wasn geiles Leben!

Die Franken wurden erschaffen,
weil auch die Bayern Helden brauchen!
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