"Kleine Fluchten"

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"Kleine Fluchten"

Beitragvon Maybach » Sa 18 Okt, 2014 19:22

Nach erfolgreichem Abschluß der diesjährigen Budgetverhandlungen habe ich mir zwei Tage Auszeit gegönnt - Richtung Süden. Runter ging's auf der sattsam bekannten Route über den Brenner nach Bozen. Dort bis Trient auf der Autobahn und weiter nach Rovereto. Dort nach Osten in die Vallarsa auf der SS46 - eine Traumstraße, die ich bei Traumwetter und 25°C genossen habe. Da es keinen Verkehr hatte - daher Donnerstag und Freitag gewählt - habe ich die TT gehen lassen und auch den Reifen bis zum Rand ausgenutzt. Das mache ich ja sonst nie ...

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Die Strecke geht ja auch genau über einen Teil den Frontverlaufs des WK I, dessen Stütze hier das Fort Valmorbia ist, das man bis ca. 1 km vor dem Fort auch mit dem Motorrad erfahren darf. Weiter ist verboten, aber sicher möglich. Ich habe es allerdings nicht riskiert. Die Straße ist aber echt ein Genuss:

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Kleine Fotopause nach ca. 10. km Straßenverlauf

Ich bin dann weiter über den Pian delle Fugazze zum Ossario, und ab der Paßhöhe war es auch neblig - passend zur deprimierenden Stimmung dieses (und aller anderen) Beinhäuser. Mein Versuch, westlich über die Schotterstrecke auf den Pso. Campogrosso zu fahren, scheiterte an einem Verbotsschild, das auch mit einer Patrouille des Corpo Forestale garniert war - also auch hier kein Durchkommen. Ich bin dann wieder zurück in die Vallarsa, auf der Westseite. Kurz bevor man die Abzweigung dorthin erreicht, findet man ein Dorf, dass direkt unter einer Staumauer liegt. Das Leben muss doch auch schön sein, möge Longarone nicht ihr Fatum sein:
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Weiter dann bis Albaredo und dort auf die Straße zur Zugna abgebogen. Sie wurde gebaut, weil Österreich zu Beginn des 20. Jh. dort eine Festung bauen wollte. Dazu kam es aber nicht mehr. Dennoch lagen sich hier über drei Jahre Italien und AUT auf Rufweite gegenüber und brachten sich auf alle erdenklichen Arten um. Auf dem zentralen Frontabschnitt, der nicht größer als ein paar Fussballfelder ist, sind ca. 20.000 Mann gefallen. Man hat dort die Stellungsverläufe wieder sichtbar gemacht, auch abgeholzt und man erkennt sofort, warum dieser Ort so umkämpft war. Von dort aus war die Beherrschung von Etsch- wie Lenotal (Vallarsa) möglich. Wenn man es denn hatte - und es siegte hier niemand.

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Blick auf die (restaurierte) erste Linie der Italiener

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Blick von derselben auf die österreichischen Stellungen

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Blick vom linken Flügel der italienischen Stellungen auf das Etschtal

Von dort bin ich nach einem langen Gespräch mit einem aus Mailand angereisten Raubgräber dann nach Rovereto retour und weiter bis nach Serravalle, wo mich - passenderweise - der Gasthof "Zugna" aufnahm. Rd. 320 km, ein Negroni und ein gutes Essen rundeten einen Tag ab, der zwischen Motorrad-Euphorie und historischer Trauer schwankte. Schön, dass der Wirt des "Zugna" einen angemessenen Schmuck im Eingangsbereich vorhielt: eine kleine Moto Guzzi.

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Am nächsten Morgen ging es dann weiter Richtung Süden und bei Sdruzzina hinauf in Richtung Pso. Fittanze. Noch kühl im Tal und ein wenig neblig, waren die Straßen noch naß und zu allem Überfluss auch mit reichlich Laub bedeckt. Also bin ich vorsichtig gefahren - bin ja ein "Nässe_Schisser". Aber der Blick ins Etschtal entschädigte:

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Und an der Passhöhe - wieder "geschmückt" mit einem eher fürchterlichen Kriegerdenkmal der Italiener - gab es einen guten Café von einer reizenden Dame, die mir von sich aus den Tipp zu der folgenden Strada bianca gab.

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Dorthin wollte ich natürlich schon von selbst und so bin ich dann mutterseelenallein die rd. 17 km über feuchten Schotter, eine atemberaubend schöne - wenngleich ein wenig strenge - Landschaft gefahren. Fahrerisch unspektakulär, aber auch hier tun sich dem geübten Auge gleich wieder die Wunden der Vergangenheit auf: Die mittlerweile überwachsenen Eintiefungen waren ehedem alles Bereitstellungen für italienische Truppen, schön in Hinterhanglagen angelegt. Vor allem die schere Artillerie hat von hier auch in die Kämpfe an der Zugna und am Pasubio eingegriffen (und häufig genug die eigenen Truppen beharkt (Leseempfehlung: Emilio Lussu: Ein Jahr auf der Hochfläche).

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Jeder Schotter hat aber mal sein Ende. Diese Straße endete oberhalb von San Giorgio, einem Ort, wo ich sicher keinen Skiurlaub machen werde. Seine Tristesse passte zu den eher nachdenklichen Überlegungen, die mich bei der Fahrt befielen.

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Von dort ging es weiter nach Velo Veronese und nach Osten Richtung Valdagno - immer quer zu den tief eingeschnittenen Tälern und auf kleinsten Straßen: man kommt so zu ganz erstaunlich geringen Streckenleistungen und erheblichen Höhenmetern. Kurz vor Valdagno dann noch eine Traumstraße, die mich mit ihren lichten Buchenbeständen fast an einen Drehort für die Siegfried-Sage erinnerte:

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Nur das dreckige Motorrad passte so gar nicht dazu ...

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Das war aber nicht zu ändern - zumindest ad hoc nicht. Ich bin dann weiter über den Pso. Xon erneut auf den Pian delle Fugazze und einmal mehr durch die Vallarsa nach Rovereto. Von dort retour, nicht ohne in Atzwang in der Alten Post meinen schon traditionellen Stopp einzulegen. Und mal was zu essen ... wie wahrscheinlich schon Dürer, ganz sicher Goethe und natürlich Mozart.
Und dann ging's heim über den Brenner, wo sich - es war Freitag Nachmittag - die Zahl der Motorradfahrer dramatisch erhöhte. Meine Terminwahl war genau richtig gewesen. Das Moped auch. Muß man halt ausnahmsweise mal putzen ... :-D

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Re: "Kleine Fluchten"

Beitragvon Roll » So 19 Okt, 2014 13:23

Maybach hat geschrieben:Und mal was zu essen ... wie wahrscheinlich schon Dürer, ganz sicher Goethe und natürlich Mozart.

Wie man an den Beispielen erkennen kann - Essen ist im Endeffekt irgendwie immer tödlich. Sonst wären sie ja noch unter uns.



Vielen Dank für die hochinteressante Geschichtsstunde!
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Re: "Kleine Fluchten"

Beitragvon Boscho » Mo 20 Okt, 2014 11:27

Roll hat geschrieben:
Maybach hat geschrieben:Und mal was zu essen ... wie wahrscheinlich schon Dürer, ganz sicher Goethe und natürlich Mozart.

Wie man an den Beispielen erkennen kann - Essen ist im Endeffekt irgendwie immer tödlich. Sonst wären sie ja noch unter uns.



Vielen Dank für die hochinteressante Geschichtsstunde!


Das Wichtigste zuerst: dem Dank schließe ich mich vollumfänglich an. (Muss ich auch noch mal hin, irgendwie... Von daher auch: danke für das neuerwachte Fernweh. ;) )

Das mit dem tödlichen Essen ist aber ein Trugschluss: wir alle leiden nämlich an der gleichen, immer tödlichen "Erkrankung", und zwar von Geburt an. Das Blöde: die Krankheit ist sexuell übertragbar, und zwar nur heterosexuell. Und infiziert werden IMMER unschuldige Dritte, die zum Zeitpunkt der Infektion noch ungeboren sind. :smt004

Heilungschancen: absehbar schlecht. Was wahrscheinlich gut ist. :D
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Re: "Kleine Fluchten"

Beitragvon fleisspelz » Mo 20 Okt, 2014 14:19

Ich vertrete nach wie vor die These, dass essen lebensverlängernd wirkt. :wink:
..........................
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Re: "Kleine Fluchten"

Beitragvon Boscho » Mo 20 Okt, 2014 15:07

:oberlehrer: Ach was - das kuriert nur die Symptome! :D
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Re: "Kleine Fluchten"

Beitragvon kahlgryndiger » Mo 20 Okt, 2014 16:24

Gutes Essen wirkt auf jeden Fall lebensverlängernd. Und es schafft aussergewöhnliche Freuden die weit über das bekannte Maß der reinen Ernährung hinaus gehen.
Gutes Essen rockt kwasi.
Worum ging es eigentlich?
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Re: "Kleine Fluchten"

Beitragvon Boscho » Mo 20 Okt, 2014 17:42

Darum, dass wir Maybach zu danken haben für seine exzellente Erinnerung daran, dass man ab und zu mal auf kleinsten Sträßelein Motorrad fahren solle.

:oberlehrer: ... zwischendurch aber trotzdem das Essen nicht vergessen! :weg:
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Re: "Kleine Fluchten"

Beitragvon kahlgryndiger » Mo 20 Okt, 2014 17:43

Dann gehe ich doch gleich mal in die Küche ...
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Re: "Kleine Fluchten"

Beitragvon Blechroller » Mo 20 Okt, 2014 22:02

Lauter Erinnerungen...

Das Leben muss doch auch schön sein, möge Longarone nicht ihr Fatum sein


Longarone ist ziemlich bedrückend. Ich war da mal vor 20 Jahren oberhalb klettern. Aber eine nette Geschichte: Ruhetag und 5 Leute meinten, dass man mal Vendig anschauen könnte. Eine Dame stellte ihren völlig fertigen R4-Kastenwagen zur Verfügung unter der Bedinung, dass sie nicht fahren muss. Also ich ans Stuer. War recht lustig, weil Krückstockschaltung und ich war eine Ente gewöhnt (wer beide Autos kennt, versteht den Witz). Jedenfalls sind wir immer den Schildern nach Venedig gefolgt, haben unterwegs beide Außenspeigel verloren, parkten im letzten Parkhaus vor Venedig und hatten einen netten Tag. Dann raus aus dem Parkhaus und ... Longarone ist da nirgendwo ausgeschildert und keine Karte im Auto :shock: Waren einige eher wenig lsutige Runden auf den Autobahnen rund um Venedig, bis wir auf einem Rastplatz eine Karte gefunden hatten.

Pasubio

Wer mal dort ist, unbedingt anschauen! Als es noch legal war, bin ich mit dem Bergradl mal die Strada de la Galeria gefahren. Ist nicht mehr erlaubt, aber man kann Wandern. Lohnend und bedrückend.

Kleine Fluchten


Kennt wer den Film? Ein tolles Machwerk.

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