28.9.26
Meinem Rücken geht's leider am Morgen nicht so gut. Die gute Nachricht: ich habe ja noch genug Seractil...
Aber ich entscheide mich für eine Abkürzung meiner Tour, denn die Vorstellung, irgendwo mehr oder weniger bewegungsunfähig in der Tiefe des sizilianischen Raums auf Hilfe zu warten und möglicherweise in einem dortigen Krankenhaus zu landen, will mir nicht gefallen.
In Trapani legt eine Fähre ab nach Livorno, also fahre ich dorthin, um ein Ticket in der dortigen Biglietteria zu erwerben. Nun könnte man das ja auch online machen, aber sie wollen beim Boarding ein aufgedruckten Billet ...

und das kriege ich nicht aus meinem Handy gequetscht. Falsch gedacht, denn die einzige Biglietteria, wo man das machen kann, liegt - richtig! - Im Hafen von Palermo. Also, auf nach Palermo. Die Grimaldi-Biglietteria dort öffnet um 1500 Uhr.
Ich mache mich also auf zurück nach Palermo. Zunächst fahre ich genussvoll die wundervolle Straße nach Valderice hinunter - und entscheide mich, sie lustvoll gleich wieder hinaufzufahren. Oben angekommen riecht es unter mir stark nach Benzin und ich sehe nach: der linke Vergaser ist undicht! Die gute Nachricht: alle Schwimmerkammerschrauben sind noch da! Aber drei von vier sind halt locker und wollen nachgezogen werden. Das geschieht auch verzugslos. Dabei kommt erstmalig das Wera-Werkzeug Zyklop Pocket zum Einsatz und es ist wirklich durchdacht. Alle Schrauben werden wieder festgezogen. Jetzt ist es wieder dicht und wahrscheinlich habe ich damit auch einen der Gründe für den erhöhten Spritverbrauch gefunden. On verra ...
Was mich auch an diesem an sich schönen Platz mit großartiger Aussicht einmal mehr massiv stört, ist die Vermüllung. Das kann einen schon depressiv machen.
Jetzt fahre ich wieder runter, genussvoll und nicht langsam.

- Blick zurück auf das oben auf dem Berg liegende Erice
Weiter geht es nach Salemi, das mich jedoch nicht beeindruckt hat. Ich fahre (heute zur Schonung meiner Bandscheiben im Modus "ohne Autobahn") nach Gibellina Nuova, einem Ort, der wie weitere nach dem Erdbeben von 1968 neu erbaut wurde. Aber es ist nicht dieser Ort, sondern das alte Gibellina, wo der Künstler Alberto Burri eine Land Art-Installation zum Gedenken an den untergegangenen Ort und die vielen Todesopfer errichtet hat. Der Ort ist weg und überbaut mit einer Beton-Installation, die die Struktur des Orts nachzeichnet.

- Die "Cretto di Burri" (Riss von Burri) aus der Entfernung. Man erkennt die Struktur des untergegangenen Dorfes

- In der Installation. Mich erinnert der Beton-Brutalismus auch an das fünf Jahre vorher zerstörte und vor Ort wieder aufgebaute Longarone in den Belluneser Bergen.

- Keine prominenter Zugang, keine Info, nichts. Italien halt. Und eine XS als Größenvergleich.
Die sagen wir: ungewöhnliche Wegweisung beginnt 15 km vor dem Land Art-Werk. Eine Tafel verweist auf "Cretto die Burri ". Dann nicht mehr. Null, nada. Ich gondle vorsichtig auf den immer kleineren Straßen weiter, bis ich an eine Kaskade von betonierten Strukturen komme. Ich meine, dass Ziel erreicht zu haben. Zur Sicherheit frage ich einen zufällig vorbeikommenden Kandarbeiter, der das verneint. Das sei noch eine halbe Stunde weiter.

- Der vermeintliche "Cretto". De facto handelt es sich um eine Weinberganlage
Ich fahre weiter Richtung Palermo. Nach rd. 100 kmvon Erice aus erreiche ich erneut Calatafimi, tanke dort erneut und genieße ein "pezzo di Pizza", ein Wasser und einen Caffè.
Gegen 1400 Uhr mache ich mich wieder auf den Weg. Erst auf den bereits gestern gefahrenen Wegen (nix für die Bandscheiben!), dann weiter über Camporeale kilometerweit durch die Rauchschwaden der abgebrannt Felder und häufig über Straßen, die als gesperrt gekennzeichnet sind - wo mir aber immer Autos entgegenkommen. Es scheint also ein Durchkommen zu geben.
Gibt es auch, aber halt mit Stufen zu halb abgegangen Straßen von knapp 40 cm. Es geht also nur langsam voran.
Schließlich erreiche ich die SS624, die in einer großartigen Anlage den Übergang über die Berge nach Palermo hinunter erreicht. Und ich komme passend zur Rush hour nach Palermo. Das ist schon sehr kreativ, wie der Verkehr dort abläuft: Ampeln und Verkehrszeichen werden bestenfalls als farbliche Akzentuierungen wahrgenommen. Auch Richtungsfahrbahnen sind nette Anregungen: da kann einem schon mal eine laut hupende Ape, beladen mit Melonen auf der eigenen Spur entgegenkommen - was aber niemand verwundert oder gar irritiert. Nach einer kurzen "Eingewöhnungszeit" zische ich mit den anderen durch die brausen Stadt und erreiche bald den Hafen, wo mir die Einfahrt verweigert wird. Ich müsse zu Fuß gehen...
Glücklicherweise war ein Parkplatz einer Firma offen, ich stelle die bepackt XS dort ab, hänge das Bremsscheibenschloss an und bitte die bewaffnete Dame am Gate, ein Auge auf das Motorrad zu haben. Sie verspricht es treuherzig. Nach ca. 2 km erreiche ich die Biglietteria und bitte um eine Passage nach Norden. Die Dame am Tresen lächelt hinreißend und sagt mir, dass sie noch einen einzigen Platz hätte. Nach Livorno. Aber ohne Kabine, dafür mit einem reservierten Schlafsessel ("Poltrone"). Nun gut, das nehme ich. Der Preis: 90 €. Boarding: ab 1600 Uhr, Fahrzeit 20 h. Bingo! Und was den Poltrone angeht: ich habe ja noch Seractil
Nun brauche ich noch eine Unterkunft und wieder ist Booking mein Freund. Ich buche ein B&B im Zentrum von Monreale, das ich mir eh noch anschauen will.
Also wieder hinein in das Verkehrsgetümmel von Palermo. Dank Navi finde ich den Weg und bin kaum eine halbe Stunde später in einer kleinen Gasse in Monreale - und komme nicht in das Zimmer, weil der Vermieter nicht erreichbar ist und mir auch elektronisch keine Codes übergeben hat.
Dank der Hilfe eines tschechischen Gastes, dessen geschätzt 14jähriger Sohn als Dolmetscher fungiert, komme ich ins Haus und finde die "Tessera" zur Türöffnung im Eingangsbereich liegend. Abpacken, Zimmer belegen, Motorrad absperren und abdecken ist schnellerledigt, dann dusche ich und mache mich auf den Weg zum Dom.

- Westseite des Doms von Monreale

- Das fast 8 m hohe Bronzeportal des Doms

- Eine der vielen Einzeldarstellungen des Portals: die Vertreibung aus dem Paradies. Diese Darstellungen waren wichtig, weil sie die Bibelinhalte auch der meist nicht lesekundigen Schar der Gäubigen erzählen konnten. Lesen und schreiben konnten damals vielleicht knapp 10 % der Bevölkerung...

- Schmuckband am Portal. Hier erkennt man deutlich den islamischen Stileinfluss
Der ist leider schon zu aber auch von außen beeindrucken. Im 12. Jh. erbaut von den Normannen besticht von außen vor allem sein beeindruckendes Bronzeportal eines pisanischen Meisters. Die Durchmischung romanischer, christlicher und islamischer Stile prägt auch dieses zur Zeit seiner Erbauung größte Kirchengebäude der katholischen Kirche.
Auf dem Rückweg ist ein Rolltor zum Erdgeschoß eines alten Palazzo offen. Darinnen: lauter Motorräder und einer, der schraubt. Ich klopfe und darf eintreten. Paolo, so heißt der Schrauber werkelt gerade an einer Moto Guzzi V7 Spezial, bis auf den Auspuff original.

- Moto Guzzi V7 Spezial
Es entspannt sich ein nettes Gespräch, dann treibt mich der Hunger in eine Trattoria in einer der Altstadtgassen. Nach einem köstlichen Mahl gehe ich in die Unterkunft, werfe Seractil ein und schlafe tief.