So. Endlich geht es weiter
Viel Spaß beim Mitreisen.
Teil 3Yaşasın Türkiye!Nach 16 Tagen und ca. 3.500 km waren wir in der Türkei angekommen – oder wie mittlerweile oft zu lesen:
Türkiye.
Das Land der unbegrenzten Gastfreundschaft und der zwei Kontinente begrüßte uns mit einem für unsere Verhältnisse recht schmuddeligen Hotel, aber sehr gutem Abendessen.
Nach anfänglicher Verschleißmessung der Bereifung stellten wir beide fest, dass unsere Heidenau K60 Ranger keine 5.000 km mehr halten würden und wir froh sein könnten, wenn wir noch bis Ankara kämen.
Kurzerhand wurden zwei neue Hinterreifen über unseren lieben Freund Birol geordert, ehe wir uns auf den Weg Richtung Kappadokien machten.
Geplant war es nicht, diese Strecke von über 800 km an einem Tag zu bewältigen, doch es lief – und wir kamen gut voran. Auch oder gerade, weil wir immer wieder Stopps für eine Mittagspause verpassten.
Als wir zu einer für türkische Verhältnisse großen Rastanlage einbogen, welche bereits 100 km vorher angekündigt worden war, überkam uns dennoch der Hunger. Ein riesiges Grillhaus samt ebenso großem Parkplatz ließ die Tankstelle daneben beinahe klein erscheinen und schien unseren Hunger stillen zu können.
Weit gefehlt.
Niemand saß im Grillhaus, und auch vor dem Gebäude standen kaum Autos. Als wir eintraten, bot sich uns zwar eine Frischetheke mit allerlei Köstlichkeiten, der Mitarbeiter dahinter hatte jedoch so gar kein Interesse, uns zu bedienen. Er lächelte freundlich, und alle Bemühungen, ihm mit Händen und Füßen zu erklären, dass wir Hunger hätten, schmetterte er mit einem freundlichen Ton und einem Lächeln auf den Lippen ab.
Beim Verlassen des Restaurants mit leerem Magen war uns beiden klar: Ein Kommunikationsproblem war das nicht.
Es war Ramadan – und offensichtlich betraf das auch jene, die nicht fasten wollten.
Gegen Abend passierten wir ein kleines Hotel in der Nähe von Aksaray, welches wir jedoch nach kurzer Absprache links liegen ließen, um auf einen im Internet sehr idyllisch wirkenden Campingplatz auszuweichen.
Am Nachmittag hatten wir bereits mit dem Besitzer Kontakt aufgenommen und uns über die Öffnung versichert. Dieser erklärte sich ebenfalls bereit, uns an der Abzweigung der Hauptstraße abzuholen und auf den Platz zu begleiten.
Als wir die Weggabelung erreichten, kontaktierten wir den Betreiber, und ein paar Minuten später erschienen tatsächlich die Scheinwerfer eines alten VW-Busses in der Schlucht.
Da wir den ganzen Tag in den Knochen hatten und es bereits dunkel und kalt geworden war, folgten wir dem Bus durch die Schlucht, während mein Sinn für Orientierung und Lage immer weiter schwand.
Der Campingplatz, der im Internet sehr freundlich gewirkt hatte, stellte sich als Müllkippe im Übergang zu einem Campingplatz – oder als Campingplatz auf der Schwelle zur Müllkippe – heraus.
Überall lagen und standen verbrannte Reste einer Party, die allerdings schon Monate her sein musste. Die „Gebäude“ waren aus OSB-Platten zusammengeschusterte Baracken, die so wirkten, als hätte man in der Übergangszeit versucht, ein Modell dessen zu erstellen, was hier irgendwann einmal entstehen sollte.
Zu allem Überfluss waren wir nicht allein. Nicht nur streiften auf dem Campingplatz zahllose streunende Hunde und Katzen zwischen den Müllbergen umher, am Flussufer standen auch ein Auto, ein Zelt sowie zwei total betrunkene Einheimische, die versuchten, dem Müllproblem mittels Feuern Herr zu werden.
Was für ein Ort.
Nach unseren Erfahrungen in Griechenland traf uns der kulturelle Unterschied wie eine Schaufel ins Gesicht. Mangels Alternative blieben wir dennoch und willigten in eine Übernachtungsgebühr von 10 € pro Person ein, die wir am nächsten Morgen entrichten sollten.
Müde fielen wir auf unsere Matratzen. Die erste Nacht im Zelt hatte ich mir anders vorgestellt.
Am nächsten Morgen, ausgeschlafen, aber wenig erholt, bauten wir gemütlich unsere Zelte ab und beluden unsere Motorräder. Nässe und Kälte trieben uns in unsere warme Kleidung. Obwohl wir uns wirklich Zeit ließen, erschien der Besitzer nicht. Freilich hätten wir ihn anrufen können, doch nach kurzem Überlegen wurde uns klar, dass er weder Ausweise noch andere Dokumente von uns hatte und dass das, was er uns versprochen sowie angepriesen hatte, mit dem Ort, an dem wir übernachteten, so gar nichts gemein hatte.
Wir packten also fertig und machten uns anschließend ganz gemächlich auf den Weg aus der Schlucht. Auf der Hauptstraße angekommen, bogen wir wieder nach rechts ab, und kaum 20 km vom Campingplatz entfernt mieteten wir uns für zwei Nächte in eben jenem Hotel ein, welches wir in der Nacht zuvor passiert hatten.
Frühstück, heiße Duschen, eine Möglichkeit, Kleidung zu waschen, sowie ein warmes Bett – was will man mehr?
Ich würde es als gutbürgerlich bezeichnen, jedoch waren die Besitzer, trotz der klaren Nebensaison, sehr bemüht, uns bei allen Miseren zu unterstützen.
Göreme-NationalparkAm 16.03. machten wir uns auf den Weg in den Göreme-Nationalpark, welcher einigen durch das alljährliche Heißluftballon-Festival bekannt sein dürfte, das im August stattfindet.
EinwurfBeim Durchsehen der Bilder sowie beim Schreiben dieses Berichtes ereilt mich ein Gefühl, das mir bereits aus der Zeit in der Türkei bekannt war. Wir sind so weit gekommen, haben so viel erlebt, so viele Probleme gemeistert und so viele Konflikte gelöst – aber langsam wird es Zeit, wieder heimzukommen.
In den ersten Tagen hatte sich uns die Türkei wirklich nicht von ihrer schönsten Seite gezeigt. Nicht nur, dass wir einfach zu früh dran waren, ich hatte stellenweise auch das Gefühl, die Einheimischen wollten noch keine Touristen. Auch aus dem nahen Süden kenne ich diesen Zustand: Nach der Saison ist einfach die Luft raus.
Zudem war die Türkei im Vergleich zu Griechenland nass, kalt, staubig, dreckig und aufgrund des Ramadans kulinarisch eher fragwürdig. Ein Grund mehr, sich langsam, aber sicher wieder Richtung Griechenland zu bewegen.
AnkaraEiner guten Wegbeschreibung folgend, schlängelten wir uns gekonnt durch die Vorstadt von Ankara, bis wir einen Bezirk erreichten, in dem es scheinbar nur Mechaniker gab. Eine Werkstatt reihte sich an die andere. Hunderte säumten die Straßenränder. Lediglich ein Kiosk sowie ein kleiner Imbiss bildeten eine Ausnahme.
Trotz der Menge an nahezu identischen Werkstätten kostete es kaum Mühe, die eine richtige zu finden. Das Tor stand offen – und Motorräder dahinter.
Mangels Besitzer entschieden wir uns, einen Hinweis zu hinterlassen und erst einmal im Kiosk zu Mittag zu essen. Ramadan schien hier nicht zu gelten, denn es gab Fleisch im Überfluss und auch an Gästen mangelte es nicht.
Nach einem ausgiebigen und sehr schmackhaften Mittagessen sowie anschließender telefonischer Absprache verabredeten wir uns erneut an der Werkstatt.
Als wir eintrafen, war Birol bereits vor Ort und empfing uns mit offenen Armen.
Wie lange hatten wir darüber gesprochen, wie oft hatte er mich eingeladen, und wie sehr hatte ich mir diesen Moment herbeigesehnt. Endlich war ich hier – knapp 2.300 km von zu Hause entfernt, mit dem eigenen Motorrad bei ihm in Ankara.
Zwei Tage und Nächte feierten wir, grillten in der Werkstatt, flanierten durch Ankara, schlenderten über Märkte, aßen allerlei kulinarische Kostbarkeiten, lernten seine Mutter sowie seinen Sohn kennen und tranken viel – sehr viel – Raki und Bier.
Am Abend des 18. März hatte Birol noch eine besondere Überraschung für uns. Gemeinsam besuchten wir das älteste Hamam Ankaras, das
Karacabey Hamamı. Ein unvergesslicher Abend mit tollen Gesprächen und vielen Eindrücken rundete unseren Besuch ab.
Der nächste Morgen begrüßte uns mit Schnee.
Zeit aufzubrechen!
Ab ins WarmeNachdem alles gepackt war, verabschiedeten wir uns von unserem Gastgeber mit dem Versprechen, wiederzukommen, und machten uns auf den Weg nach Istanbul.
Glücklicherweise weiß man im Vorhinein nicht, wann man sich das letzte Mal sieht. Die Nachricht seines Todes erschütterte mich Monate später zutiefst und treibt mir bis heute die Tränen in die Augen.
Auf dem Weg nach Istanbul überquerten wir das Köroğlu-Gebirge, welches mit maximal 2.400 m eine wahre Wetterscheide zwischen Ost und West darstellte. Für uns hieß diese Höhe: 1 °C und Schnee.
Irgendwie hatte ich mir die Reise wärmer vorgestellt, und nach 400 km Schneeregen waren wir beide dermaßen am Ende, dass wir uns in Pendik, kurz vor Istanbul, dazu entschieden, noch einmal eine Pause einzulegen.
Bei anhaltendem Starkregen passierten wir am nächsten Tag den Bosporus mittels des Avrasya-Tunnels. Geplant hatte ich das zwar nicht, aufgrund des Regens sowie des starken Verkehrs hatte ich es jedoch nicht geschafft, über eine Brücke zu navigieren.
Zum Trost drehten wir eine kleine Ehrenrunde auf der bereits westlichen Seite des Bosporus, begutachteten die Hagia Sophia aus dem Sattel heraus und machten uns weiter auf den Weg Richtung türkisch-griechischer Grenze.
Wie bereits mehrfach gelesen, wurde das Wetter mit jedem Meter, den wir uns vom Bosporus entfernten, besser. Bereits 50 km außerhalb von Istanbul hatte es aufgehört zu regnen, und die Temperatur war auf 15 °C gestiegen.
Die 350 km bis zur Grenze legten wir noch am selben Tag zurück und überquerten diese am Abend des 20.03. bei angenehmen 18 °C.
Wieder in GriechenlandZwar war es wärmer und auch das Wetter zeigte sich wieder von seiner guten Seite, irgendwie war aber nach fast 30 Tagen Reise die Luft ein wenig raus. Immer unterwegs, immer auf Achse – das fordert irgendwann seinen Tribut. Auch wir beide gerieten öfter aneinander, als mir lieb war. Ich bin halt kein leichter Mensch, dachte ich mir nicht nur einmal, als Urban mal wieder meine Eigenheiten kompensieren musste.
Um einem Travel Blues vorzubeugen und aufgrund ausreichender Zeit auf unserer Reiseuhr buchten wir uns in Nea Karvali in ein Vier-Sterne-Resort-&-Spa-Hotel ein und legten einen Rasttag ein.
Trotz langsamer Reise und vieler Pausen war die Luft weiterhin ein wenig raus.
Einmal hatte ich bei einer längeren Regenfahrt das Gefühl, mein Hinterrad sei locker. Also hielt ich an, kontrollierte die Achse und den Luftdruck – nichts.
Kaum wieder auf dem Motorrad, gleiches Gefühl. Da ich wusste, dass nichts sein konnte, gab ich wieder mehr Gas. Beim Wegbeschleunigen an einer Ampel passierte es dann: Das Hinterrad ging mir dermaßen weg, dass ich mit Mühe und Not einen Sturz verhindern konnte.
Es war weder die Achse noch der Luftdruck. Der Reifen –
Mitas Enduro Trail+ – war schlicht überhaupt nicht geeignet für nasse Straßen. Im weiteren Verlauf rutschte das Hinterrad immer wieder weg, und ich verlor gänzlich das Vertrauen in den Reifen.
Wie auf rohen Eiern legten wir die letzten 400 km bis nach Igoumenitsa in strömendem Regen zurück und erreichten die Hafenstadt am Abend des 26. März.
Nach einem weiteren Aufenthalt mit unglaublich gutem Essen und tollen Gesprächen verließ unsere Fähre den Hafen von Igoumenitsa am Morgen des 28.03. gegen 05:30 Uhr Ortszeit.
Schneefall in den Alpen hinderte uns daran, auf eigener Achse zurück nach Rosenheim zu fahren und da mein Vater die Logistik ja bereits kannte, empfing er uns am Hafen von Venedig mit Urbans Sprinter.
Nach 31 Tagen, zwei Hinterreifen, einer Schwungscheibe, einem Anlasser und knapp 9.000 zurückgelegten Kilometern erreichten wir am 29. März gegen 18:00 Uhr wieder unsere Ausgangsbasis Kolbermoor.
SchlusswortBeeindruckende Menschen, tolle Gespräche, ein unvergessliches Miteinander. Freundschaften, Verzicht, Trauer, Schmerz und reichlich Erfahrung hat diese Reise gebracht.
Sie hat mir vieles über mich selbst gezeigt – ich bin gewachsen und habe gelernt.
Ich hatte einmal mehr die Möglichkeit, einen unvergesslichen Urlaub mit einem mir sehr wichtigen und engen Freund zu verbringen, der uns auch übereinander viel gezeigt hat, und durfte zu guter Letzt ein großartiges Land erleben, welches uns beide sicher nicht zum letzten Mal gesehen hat.
Also bleibt nur noch:
DANKE, URBAN!!
ES WAR MIR WIE IMMER EIN FEST
- Dateianhänge
-

-

-

-

-

-

-

Zuletzt geändert von
Marinus S. am Do 19 Feb, 2026 08:18, insgesamt 2-mal geändert.