Etwas wird heuer 30 - a Homasch an die BIG

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Etwas wird heuer 30 - a Homasch an die BIG

Beitragvon sittich » So 21 Jan, 2018 23:17

Servas alle

Ein kurzer Hinweis:
Hier wird öfters die Rede von "Olaf's BIG" sein. Die gehört inzwischen mir, also zur Blauen die Zweit-BIG in Weiß-Orange. Was eine "BIG" ist, braucht man nicht extra zu erklären - Kultgegenstände kennt man. Rein gefühlsmäßig wird es immer sein Werk bleiben. Er hatte sie aus einem Schrotthaufen mit viel Liebe und Sachverstand neu aufgebaut und ich weiß ehrliche, gute Handarbeit zu schätzen. Ich fahre und pflege sie wie ein von einem Freund geliehenes Motorrad, Punkt. Mein Geld steckt drinnen, aber Olaf's Investitionen und seine gründliche Arbeit. Was ist mehr wert?

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Ein reichhaltiges Frühstücksbuffet im Landhotel Steinburger Hof http://www.steinburger-hof.de. Überhaupt eine angenehme Atmosphäre ringsum, schon gestern als ich bei Dunkelheit hier reinkrachte, fand ein freundliches Mädel noch ein letztes freies Zimmer. Jetzt beim Frühstück mit dem Mädchen von der Rezepzion herumblödeln und die Küche wollte ich auch noch sehen, falls ich das kleine Hotel weiterempfehlen wollte. Ich mützelte bei beruflichen Reisen schon oft in hochnoblen Hütten, doch beim Begehr nach einem Blick in die Küche fingen viele an sich zuzuknöpfen. Das Steinburger-Mädchen zeigte sie mir bereitwillig, was keine Selbstverständlichkeit ist. Nach einem Rundgang war entschieden - das Haus kann man jedem Durchreisenden anraten.

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Draußen am Parkplatz steht hinten in der Ecke Olafs BIG und wartet.

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Dann draußen in der Kälte eine rauchen, weiter essen und rauf ins Zimmer, das wenige Zeug zusammenpacken. Durchs offene Fenster höre ich einen Traktor, der wie ein Einzylinder-Motorrad klingt. Ich schmunzle bei dem Vergleich, ziehe mich an, zahle 50.- € aber angesichts des Service und der Austattung der Hütte erträglich. Jetzt draußen zum letzten Kaffee noch eine rauchen, aber nun wird's merkwürdig. Die BIG, die zuvor noch ganz hinten stand, steht auf einmal direkt beim Tisch! Ich gehe zu ihr und der Auspuff strahlt Spuren von Wärme.

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Ein Rundumblick, aber da ist niemand und der Zündschlüssel steckt in der Hose. Beim Rauchen grüble ich vor mich hin und mir fällt eine kurze Szene ein, nachdem ich mich gestern von Norbert GoEast verabschiedet hatte. Einige Kilometer von seinem Haus entfernt war die Autobahnauffahrt Richtung Bamberg, München, Passau und letztlich heim nach Wien. Als ich abbiegen wollte, war irgendwas mit der Lenkung und nur mit hartem Bremsen und viel Körpereinsatz kriegte ich die Kurve zur Autobahn. Kein angenehmes Gefühl. Dass eine BIG kein Motorrad ist, auf das man sich draufhockt und meint, man sei damit schon jahrelang gefahren, musste ich schon bei meiner ersten, blauen erfahren. Nicht wie zum Beispiel Honda's anschmiegsamer Domi, ein Wohlgefühl das ihr sicher von einer monatelang getragene Unterhose kennt. Aber sowas von eigenwillig wie Olaf's Orange hier, hatte ich noch nie erlebt. Und jetzt steht sie noch dazu an einem Platz, wo ich sie abends nicht hingestellt hatte! Ungeduldig wartend? Ein schwacher Scherz. Aber beginnen wir beim Anfang, die Reise von Wien nach Bamberg.
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Flixbus heißt der Verein, der an meinem Beispiel eine Busfahrt von Wien nach Bamberg für 37.- € anbietet. Jetzt verstehe ich auch die Sorgen der Bahn, welche für die gleiche Strecke knapp 90.- € einsacken würde. Ich buche die Busfahrt per elektrischem Internetwebnetz und bekomme die Bestätigung in Form eines weißen Kästchens mit vielen schwarzen Quadraten drinnen. Das sende ich mir aufs Smatfon und fahre früh morgens samt Helm, Tankrucksack und Motorradbekleidung mit einer Motordroschke zum Busbahnhof Wien-Erdberg. Bald drauf drängt sich eine große Menge beim Bus, ich dränge mit und spiele ein wenig Körpergröße und Gewicht aus, um mir einen guten Platz zu sichern. Im Gegensatz zu mir weiß der Fahrer mit meinem Quadratenkästchen was anzufangen und es geht los.

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Totenhöfers Buch "Inside IS" lässt die öde Busfahrt mit Leichtigkeit hinter sich und wir kommen zur Grenze. Seit sich Horst Seehofer als der bessere Nazi im Vergleich zur AfD in Szene setzt, ist dort nichts mehr wie früher. Ein Polizist durchkämmt den Bus und wird fündig - ein junge, sehr abgemagerte Frau mit schwarzer Hautfarbe. Die Pässe von uns Bleichgesichtern hatte er nur mit flüchtiger Freundlichkeit kontrolliert, aber jetzt verbeisst er sich in die scheinbar nicht ganz klaren Papierln des Mädchens.
"Gehören sie zu wem hier?", fragt er sie, doch sie kann weder Deutsch noch Englisch.
"Ja, die gehört zu uns!", bellt auf einmal einer von hinten.
"Sicher, wir sind eine Gemeinschaft, lass' es gut sein!", kommt's auch gleich von mir. Ich stehe auf und mache recht demonstrativ Bilder mit dem Smatfon. Keine Heldentat, als gut genährter Mitteleuropäer mit allen nur erdenklichen gültigen Scheiss-Papierln kann man leicht den Kanal aufreissen.
Mehrere andere murmeln beifällig mit und es baut sich eine für den Beamten unangenehme Stimmung auf. Letztlich nickt er, gibt der Afrikanerin ihre Zetteln zurück, verlässt den Bus und wir fahren weiter.

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Das Mädchen stellt sich in den Mittelgang, verbeugt sich, sagt irgendwas in einer unbekannten Sprache und hat Tränen der Dankbarkeit in den Augen. Sie hat nichts von dem Gesprochenen verstanden, sie hatte uns nur gespürt - und wir jetzt sie. Niemand weiß, woher sie kommt und wohin sie letztlich will. Aber einigen im Bus war offensichtlich klar, dass niemand freiwillig seine Heimat verlässt, denn von uns würde das auch niemand tun. Der ursprünglich von den Nazis geprägte Begriff "Wirtschaftsflüchtling" fällt mir ein. Jemand, der nicht den Hungertod sterben will, ist ein Wirtschaftsflüchtling. Einer, der vor Bomben auf den Kopf davonläuft ist ein echter Flüchtling. Sterben würden beide, würden sie nicht davonrennen. Nur mit dem Unterschied, dass der Eine nach unserem Willen elendig verrecken soll und der Andere Asyl bekommt. Europäische Werte.

Wir fahren weiter nach München, aber diesmal lasse ich Totenhöfer liegen. Fragen tun sich auf und die sind nicht angenehm. Wie hätte ich reagiert, wenn der Bulle das Mädchen aus dem Bus gezerrt hätte? Lautstark protestiert, das sicher, aber das kann bald wer und mehrere der Mitfahrenden hätten das auch getan. Wäre ich aber mit ausgestiegen, um die Frau zu begleiten, mich als ihr zugehörig zeigen und die Verantwortung für sie übernehmen? Norbert hätte ich anrufen können, gerade der als im Herzen links und somit menschlich hätte dafür Verständnis gehabt und wir hätten den Transfer der BIG auf später verschoben. Ich wäre in einem Polizeiwagen gemeinsam mit einer völlig fremden Frau mitgefahren und hätte mich schon bei der ersten Vernehmung als Wichtigtuer lächerlich gemacht. Sie hätten mich auf die Straße gestellt und über das weitere Schicksal des Mädchens hätte ich nie wieder was erfahren. Aber - ich wäre für mich ein kleiner Held gewesen. Oder doch nur ein Wichtigtuer? Einer, der groß aufgeigt im Wissen, dass ihm selber nie was passieren kann? Dann auf der Straße stehend und der Meinung zu sein, alles Menschenmögliche getan zu haben?

Für mich unangenehme Fragen, die an jener Persönlichkeitsstruktur nagen, die wir alle von uns zu kennen glauben. Wir haben alle ein Bild vor uns und je selbstgefälliger wir sind, umso eher gleicht dieses Bild einem Spiegel. Mit etwas Humor ist es einer jener konkaven oder konvexen Spiegel wie auf dem Rummelplatz, wo man sich entweder fetter oder dürrer sieht. Mit etwas Selbstkritik sieht man das Bild von sich als Fälschung mit einigen Fehlern. Und schonungslos in aller Offenheit sich selbst gegenüber darüber hinaus? Vielleicht eine Müllhalde, in der irgendwo eine Hand oder ein Fuß rausschaut, die man als die eigenen erkennt.

Gerade jetzt: Ich gehe pissen, nehme mir den letzten Zipfel Pizza mit in's Wohnzimmer, hock' mich zum Computer und mir fällt ein, dass ich eigentlich über Olaf's BIG schreiben wollte, die ich nach Wien überführen will. 'tschuldigung für den Ausflug in's Philosophische. Aber die Szene im Bus prägte sich in mir ein. Ich sah die Angst, die Panik in den Augen der Frau. Das war nicht die Angst von einer, die sich ihre "wirtschaftliche" Situation verbessern will. Das war mehr und es war nicht gespielt. Schweiß im Gesicht, aufgerissene Augen und zitternde Hände - das kann ein Mädel aus Schwarzafrika nicht spielen. Wir Gutgenährten im Bus wurden mit der Realität des Flüchtlingsthemas konfrontiert und viele davon sicher das erste mal.
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Ein Umsteige-Bus fährt von München nach Bamberg, aber diesmal mit einem angenehmen Gespräch mit meiner Sitznachbarin.

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Eine beginnende Esoterikerin, die bei mir an den Richtigen geraten ist. Wir plaudern über Räucherungen, verschiedenen Harze, Hölzer, über Halbedelsteine, mystische Orte und den Hierophant. Irritierend nur, dass das Gespräch aprupt versiegt, als ich ihr freundlich lächelnd sage, dass ich auf den ganzen Esoterik-Müll einen großen Haufen scheiss'. Irgendwas mach' ich sowieso beim Anrudern an Fraueninseln falsch, darüber muss ich mal nachdenken. Vielleicht war's ja in diesem Fall nur die begleitende Geste, mit der ich beidhändig den Haufen in die Luft malte? Die Frau blickt ab nun nur noch zum Fenster raus, obwohl es dort außer Nichts nur wenig zu sehen gibt.

Auch egal, denn in Bamberg wartet am Bahnhof zuverlässig Norbert, von dem ich weiß, dass man ihn mit Esoterik jagen kann. Der Knabe steht mit beiden Füßen am Boden, oder rollt mit beiden Rädern über die Straßen, sofern er sich nicht grad' von vierrädrigen Aggregaten niedermähen lässt.

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Ich habe viehischen Hunger samt dem dazugehörigen Durst und kaum bei ihm zuhause suchen wir schon das nahegelegene Dorfwirtshaus heim. Es ist ein echtes Wirtshaus vom alten Schlag, wo man sich dort hinhockt, wo bereits welche hocken. Norbert kennt hier jeder, er stellt mich namentlich vor, ich vergesse sofort Namen, werde vergessen und schon bin ich mittendrin. Wir reden über alles Mögliche, schimpfen im trauten Gleichklang über Politiker und nur die Gründe des Schimpfens weichen ab und zu voneinander ab. Auch egal, nach der Biere zweie kommt ein wirklich gutes Essen und danach zählt nur noch das Schimpfen als solches. Im Frankenland meckert sich's gut und wenn ich mich mal so richtig auskeppeln möchte, weiß ich wohin ich fahre.

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Der Wirt beherbegt Flüchtlingsfamilien aus Afghanistan, denn die bringen ihm wenigstens ein bisschen Geld in die ansonst leerstehenden Gästezimmer. Draußen gibt es einen kaum beheizten Raucherraum, in dem selbige Afghanen verbissen Deutsch lernen. Schnell komme ich mit ihnen in's Gespräch, das kein solches ist, denn die kennen keine der mir bekannten Sprachen - also weder Hochdeutsch noch Gesindel-Wienerisch. Aber anhand eines bebilderten Lehrbuch's kann ich ihnen ein paar Begriffe beibringen, ehe mich Bier und Ofenwärme zurück in die Gaststube zerren.

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Danach torkeln Norbert und ich zurück zu seinem Haus, um ein paar weitere Biere ihrer gottgewollten Bestimmung zuzuführen. Beim Einschlafen in seinem wunderbaren Gästezimmer fällt mir ein, dass ich Olaf's BIG noch immer nicht gesehen hatte. Nicht wichtig, ich weiß ja wie eine quasi neue BIG aussieht. Noch ein bisschen "Inside IS" lesen, doch schon beim Griff nach dem Buch trockne ich weg. Jedenfalls liegt es morgens gut aufgewärmt unter der Decke.

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Als Frühaufsteher geistere ich nach dem Besuch in Bad durch Norberts Küche auf der Suche nach Freßbarem. Die Tür des prallvollen Kühlschranks wölbt sich nicht ohne Grund mit leisen Knirschen nach außen und ich werde fündig. Irgendwann schlurft auch Norbert herunter und hantiert an einer hochkomplizierten Kaffeemaschine, über die ich mich nicht drüber getraut hatte. Dann sitzen, essen, plaudern und die Stunde der Wahrheit kommt - wir gehen raus zu Olaf's BIG, wuchten das über 200kg schwere Aggregat vom Hänger und Norbert startet. Das KFZ springt an, freudiges Gejohle und sie tuckert brav im Standlauf. Wir pappen das Kennzeichen der Wiener Blauen mit einem Hauch von Illegalität drauf, scheiss auf Anmeldebestimmungen und BIG ist sowieso BIG. Nun gibt's kein Halten mehr, eine feste Umarmung mit Norbert und es geht los. Freundschaft braucht keine überschwänglichen Dankbarkeitsbeteuerungen und keine Zeremonien. Sie ist einfach da, und drüber zu reden kostet unnötig Zeit.

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Schon bei den ersten Kilometern zeigt sich, dass Olaf und ich unterschiedliche Vorstellungen vom Öl in der Gabel haben. Seine Orangene ist komfortabler, etwas nachgiebiger als meine Blaue, aber durchaus noch angenehm. Bei der ersten Tanke Sprit bis zum Kragen, Ölstand passt, aber etwas Luft tut den Reifen tut gut. Irgendwann kommt die Auffahrt zur Autobahn und nun die oben erwähnte Szene der merkwürdigen Störrigkeit. Mit viel Einsatz bringe ich das Ding auf die Autobahn und hab' dort in der Langeweile etwas zum Grübeln. Noch bin ich weit davon entfernt, einem Haufen Metall und Plastik sowas wie eine Seele zuzusprechen. Massenware von einem Fließband aus Japan und nicht mehr. Möglicherweise hatte ich meine Abneigung gegen Autobahnen unbewusst auf mein Fahrverhalten übertragen.

Es ist saukalt, die Heizgriffe meiner Blauen fehlen mir sehr und immer wieder tanze ich auf Parkplätzen händefuchtelnd herum wie ein permanent beleidigter Erdogan. Das Smatfon zeigt mir Kackwetter, Zeit hab' ich, Geld auch, also lass' ich das Ding bis zum frühen Abend dahinrollen. Dazwischen ein paarmal schauen, wie schnell das Aggregat fährt, es erreicht sehr schnell 160 km/h und da ginge noch deutlich mehr. Bei 100 stehen 4.000 U/pm auf der Uhr, also der klassische Einzylinderwert. Meine Blaue dreht da schon knapp 5.000.

Es wird Abend, ich hatte enorm viel Zeit vertrödelt, zu nichts mehr Lust, war noch immer in Bayern, also runter von der Autobahn. Diesmal ist nichts von Störrigkeit, eine schöne Rechtskurve mit reichlich Schräglage, ein paar Dörfer und ich stelle die BIG beim obigen Landhotel in einer Ecke des Parkplatzes ab. Auf der Veranda stehen in der Kälte frierende Massen von Leuten in Abendkleidung, rauchen oder unterhalten sich. Drinnen im Hotel steht niemand, raucht nicht und es ist still, denn die Nichtraucher stehen auch draußen, um sich zu unterhalten. Das Erkältungsprogramm der Regierung zeigt Früchte. Das Mädchen an der Rezeption erzählt mir von einer Theateraufführung hier, ist auf angenehme Weise locker-professionell, das Zimmer ist blitzsauber und gut eingerichtet, Hunger habe ich keinen, dusche nur und trockne sofort auf einem riesigen Bett weg in's Land traumloser Träume.
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"Dann draußen in der Kälte eine rauchen, weiter essen und rauf ins Zimmer, das wenige Zeug zusammenpacken" kennen wir schon vom Landhotel Steinburger Hof und ich starte Olaf's BIG. Zurück die paar Dörfer bis zur Autobahn, aber diesmal passe ich auf! Es gibt schon wieder diesen seltsamen Lenkereinschlag, als ob sich das Ding gegen die Auffahrt wehren möchte. Ich bin aber vorbereitet, leite die Richtungsänderung mit viel Konzentration ein und es klappt. Danach ist es noch immer kalt, aber es sind Wolkenstreifen mit ab und zu einer nebeligen Sonne dazwischen. Die Staatsgrenze kommt, ich lasse Merkels vernachlässigte Autobahn hinter mir und gleite mit straßenmäßig seidenweichen 140 km/h nach Oberösterreich.

Einen der schönsten Orte Österreichs, Hallstatt, würde ich gerne besuchen, aber andererseits wäre es auch gut, die BIG in Ruhe schnell nach Hause zu bringen. Eigentlich klüger, Hallstatt spielt es seit Jahrtausenden, sowas geht nicht so schnell weg - also direkt nach Wien. Irgendwann kommt die Autobahn-Ausfahrt, wo es nach Hallstatt ginge. Die BIG schwenkt unvermutet nach recht, es gibt ein wüstes Bremsmanöver und ich stehe auf der Sperrfläche, wo die Ausfahrt nach Ried und somit in weiterer Folge nach Hallstatt beginnt. Gut, ich rolle verstört die Ausfahrt runter und bleibe dann stehen, um mir mit klammen Fingern eine Zigarette zu drehen. Nun scheint gerade die Sonne und das KFZ steht still am Straßenrand, während ich nachdenklich auf einem Baumstamm sitzend rauche. Das Motorrad tut etwas mit mir und ich glaube nicht, dass ich das gutheiße.

Weit weg von allem esoterischen Gedankengut, beidfüßig am Boden stehend und die BIG als jenen bereits erwähnten Haufen Metall und Plastik sehend. Doch mit jedem Aschekrümmel, den ich von der Kippe schnippe, wächst meine Unsicherheit. Das Esoterikmädel aus dem Bus nach Bamberg fiel mir wieder ein und ihr begeistertes Geschwätz von unsichtbaren Kräften, die sich unserem Begriffsvermögen entziehen. Ich weiß, es gibt Plätze irgendwo in der Natur, die eine unbegreifliche Ausstrahlung haben - zumindest für Leute, die sich noch einen Rest kindlicher oder tierischer Instinkte erhalten haben, was eh das selbe ist. Mir sind solche Orte bekannt und ich genieße es auch, dort zu sein und die Seele baumeln zu lassen. Doch hier steht eine Suzuki DR 750 S, interne Typenbezeichnung SR41A, Baujahr 1988 in weiß-orange und kein bisschen mehr! Nichtmal für einen klangvollen Namen hatte es gereicht, denn "Big" ist doch etwas dürr. Uralte Orte mögen Austrahlung haben und vielleicht Stimmungen beeinflussen. Aber doch nicht der überschwere Eisenhaufen hier?!

Den Tschick [Zigarettenstummel] im Reiseaschenbecher ausdämpfen, starten und weiterfahren. Doch das ist jetzt kein Fahren mehr, eher ein rasantes Dahinfetzen mit überraschend leichtfüßigem Schräglagenwechsel, links, rechts, brutales Bremsen und ab und zu hebt sich beim Aufschmalzen [Gasgeben] das Vorderrad. Ortsdurchfahrten ruhig blubbernd mit 50, gemächlich dahinrollen bei landschaftlich besonders schönen Gegenden. Ich fühle das allmähliche Verschmelzen mit Olaf's BIG und wehre mich vehement und mit mäßigem Erfolg gegen den Gedanken, dass sie das ebenso empfindet. Es ist schon fast so wie Sex mit einer sehr vertrauten Partnerin. Beide wissen, was die oder der andere in diesem und jenem Moment braucht. Denn nur die oder der andere sind wichtig, alles andere ist Entspannung auf Egotrip. Ein saublöder Vergleich, aber mir fällt auf der Strecke nach Hallstatt kein besserer ein.

In Ried gehe ich was essen und tanke irgendwo in der Gegend. Etwa 6 Liter auf 100 Km, das brachte ich zuletzt nur mit Anni's GSR600 zustande. Ölstand unverändert und meine blaue Ölschleuder daheim fällt mir ein. Brav, zuverlässig, aber gierig nach flüssigem Fett.

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Weiter nach Hallstatt und links ist die Touristik-Abteilung der Landesregierung mit dem Aufbau des Traunstein-Gebirgsmassiv's und mit dem Befüllen des dazupassenden See's schon fast fertig.

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Es wird kurviger, Olafs' BIG schmiegt sich geradezu in die Ecken der Straße, verschmilzt mit ihr zu einer Einheit - und ich sitze obendrauf, denn mehr ist es nicht. Hier kommt mir erstmals der Gedanke, dass ich nur die Rolle eines Statisten übernehme. Ein Komparse, der herumhockt, damit im Film kein leerer Fleck ist. Das Aggregat macht sowieso was es will. Es bestimmt Tempo, Gasgriff, Gang und Schräglagenwinkel, während ich mit etwas Zeitabstand überlege, ob Tempo, Gasgriff, Gang und Schräglagenwinkel für die vorige Kurve optimal waren. Doch die Ecke liegt hinter uns, ich schiebe den Gedanken weg, doch kaum bin ich damit fertig, ist auch schon die nächste Kurve vorbei. Ich fahre nicht - ich werde gefahren.

Hallstatt käme, doch es kommt nicht. Denn rechts geht es rauf zum Gosausee, ein herrliches Kurvenparadies durch Schluchten, begleitet von einem Wildbach. Fast bin ich versucht, die Hände vom Lenker zu nehmen - ich weiß ja sowieso, dass das Ding von selbst dorthin einlenkt. Den Nerv hab' ich dann doch nicht, doch die Abzweigung rauf zum See kommt mir sehr leichtfüßig entgegen. Den Rest gibt sich die BIG dann selber, als eine Tafel "Fahrbahnschäden" auftaucht. Klar, der Winter war knapp vorbei und in diesen Höhen bröselt minderwertiger Asphalt nunmal. Anderer wird ja nicht verwendet, um die Baufirmen brav mit Aufträgen zu versorgen. Das Ding brüllt unter mir, die Räder toben herum, doch das fantastische Fahrwerk bügelt alles glatt. Ich war schon öfters dort oben, doch noch nie in diesem Tempo. Manchmal rinnt ein Strom Schmelzwasser über die Straße, manchmal auch in Kurven und manchmal rutscht es dabei auch ein wenig - aber gewichtsneutral und eine kleine Bewegung mit dem Hintern stabilisiert alles wieder. Ich grinse mir einen runter bei dem Gedanken, dass beim Fahren das Hirn eigentlich im Arsch wohnt. Der spürt als erster Unregelmässigkeiten und leitet sie bei einiger Erfahrung direkt an die Tentakeln weiter, ohne zuerst den deutlich trägeren Kopf zu konsultieren.

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Der Gosausee tut sich vor "uns" (sic!) auf und motorgeräuschlos rollen "wir" zur kleinen Steinmauer. Der See ist gefroren, dahinter baut sich das mächtige Massiv des Dachsteins auf, nur wenige Touristen irren zähneklappernd herum und ich drehe mir mitbibbernd eine Zigarette. Rauchzitternd fällt mir zum ersten mal auf, dass ich diesen versteckten See bisher auf Motorradtouren nur ganz wenigen Frauen zeigte - obwohl ich schon sehr oft in der Gegend war. Fast sowas wie "du bist würdig für diesen Anblick", wo schon einiges an Arroganz mitschwingt. Es ist still und still genug, dass ich das Knacken es Eises auf dem See höre. Er bereitet sich also langsam drauf vor, sein kaltes Korsett vom Uferrand aus zu sprengen, um seine flüssigen Lungen endlich wieder mit frischer Hochgebirgsluft zu füllen. Die Sonne wärmt auf dieser Höhe doch recht kräftig und Erinnerungen steigen hoch. Mit wem ich hier schon gesessen hatte - und wo die jetzt wohl alle sind? Und vor allem - warum die jetzt nicht hier sind? Es wird schon seine Gründe haben - aber an allem waren wie immer die Mädchen schuld!

2016
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1980
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Tschick ausdämpfen, Olafs' BIG anreissen und in die entgegengesetzte Richtung runtertoben. Es geht kräftig bergab und jetzt merke ich doch den fehlenden knallharten Druckpunkt am Handbremshebel, den ich von meiner blauen BIG gewohnt bin. Wochen später wird sich klären, warum - die Bremsflüssigkeit hatte Olaf vergessen zu wechseln.
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Hallstatt. Hier hat sich in den letzten Jahren einiges geändert. Die alten Kelten sind momentan irgendwo unterwegs und stattdessen schwirren geschätzte 81.000 fernöstliche Touristen herum, die alle gleich aussehen und gleich durcheinander reden. Ich wäre gern etwas herumspaziert, rauf zum Wasserfall, der rücksichtlos in's Dorf herunterstürzt oder zum Friedhof, wo man Tote aus Platzmangel senkrecht in die Gruben stellt. Doch das Gewimmel nervt und als mich Fernöstliche auch noch anlabern, bei der BIG zu posen zu dürfen, reicht's mir endgültig. Sie dürfen mit dem fernöstlichen Eisenhaufen posen, aber dann nichts wie weg.

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Das Aggregat starten und raus hier, durchdrängen durch etwa 810 Reisebusse ein paar Kilometer weiter endlich die nötige Stille für ein stilvolles Foto.

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Kaum Autos und die ehrfurchtgebietende Kulisse lädt ein zu Tagträumen:

Irgendwann, nachdem meine Nerven in den Fingerkuppen repariert wurden, mit einem Ruderboot auf den See rausfahren. Gitarre dabei und meine Ex-Chefin Alice mit ihrem wild-wüsten Akkordeon, dass wir für diese Nummer allerdings auf Volksmusikniveau zähmen müssen. Dann noch Anna H. aus Schottland einfangen, denn die brächte nicht nur das Fieling, sondern auch ihre Querflöte für das hier mit. Die Flöten-Noten dazu komponieren unnötig, die kann improvisieren. Die Singstimme selber bring' ich, das wäre meine letzte Sorge. Michl Osgrim, der mit einer Kamera umzugehen weiß und los geht's - oder ginge es.

https://www.youtube.com/watch?v=XfHIRtAUuMM

Ich stehe im Schatten des Gebirges und es ist zu kalt für weitere, noch ausschweifendere Träume. Der für meinen Geschmack etwas gar laute Sebring der BIG brüllt auf und es geht weiter.

Den eingebildeten Lärm der Koppenbrüller-Höhle hinter mir lassend weht es mich durch ein weites kaltes Tal über einen weiteren Pass nach Irdning und somit in's Ennstal. Die weit heruntergezogenen Schneefelder lassen die dort herrschende Frische erahnen.

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Dort ist Schluss mit Motorradfahren, bei gesetzgeberisch vorgeschriebenem Tempo 70 oder 80 ist es nur noch ein beschauliches Fortbewegen. Den Gedanken, einen Umweg rauf auf den Dachstein zur Südwandhütte zu machen, verwerfe ich. Insgesamt noch 80 Km dazu, da müsste ich irgendwo übernachten. Das wäre zwar sehr kostengünstig bei einem Kunden-Gasthof in St. Nikolai am Sölkpass, aber das wäre ein erneuter Umweg.

Liezen kommt und es geht nach Admont. Rechts der Straße stehen in den Wiesen noch immer die Heustadeln, wo man das Motorrad verstecken kann, sich bequem in durftendes Heu einwühlt, morgens mit Halmen im Haar herauskrabbelt und nicht ein Cent fehlt im Geldbörsel. Ein bisschen waschen und Zähne putzen beim nächsten Wirt, dort zum Kaffee heimlich aus den Tankrucksackreserven fressen und weiter geht's. Tourenfahren kann mit etwas Askese überraschend billig sein. Aber diesmal nicht, Geld ist genug da und die gesamte Reise finanziert sowieso die Firma: "Geschäftsanbahnungsgespräch" mit Norbert GoEast, weil dessen nicht existente Bank "gar unheimlich dringend ein Sicherheitsapdät für eine ebenso nicht existierende Hompätsch braucht.

In Admont tappe ich rund um's Kloster herum und würde gerne dessen weltberühmte Bilbiothek sehen. Doch ein freundlicher Mönch klopft mir armbanduhrzeigend auf die Schulter und meint, um 19 Uhr gibt's hier nur noch Brot und Milch. Brauch ich nicht, also weiter nach Hiflau am Eingang des Gesäuse's, einer wilden Kurvenstrecke mit dem bei Schneeschmelze mindestens ebenso wilden Ennsfluss. Da stand vor Jahrtausenden mal hinter einer engen Kurve der Hänger eines LKW's quer. Rechts senkrechter Felsen, links die Schlucht runter zur Enns. Ich kam um die Ecke, konnte es gerade noch wegbremsen, aber der vor mir fahrende Fleischhacker-Karli war samt seiner Z900 verschwunden. Unsere nachkommenden Kumpels rannten ebenso wie ich verstört herum, wir suchten Karli's Überreste und auch der Lastwagenfahrer suchte mit. Dann schabte sich Karlis grinsend zwischen Felswand und Hängerende durch, wirkte etwas missbraucht, war aber gesund. Der Knabe hatte tatsächlich den Nerv gehabt, angesichts des nicht mehr zu "derbremsenden" Anhängers in voller Schräglage bewusst auf die Hinterbremse zu trampeln, das Hinterrad blockierte, der Kawasack rutschte samt ihm unter'm Hänger durch - und dahinter hob er das Ding mit leicht verbogenem Lenker und herabhängenden Blinkern wieder auf. Da hatte wohl wieder mal der blitzschnell mitdenkende Arsch Regie geführt - beim Umweg über's Hirn wäre Karli am Hänger weich klatschend zerplatzt. Würden an der Birne nicht Augen, Nase, Mund und Ohren kleben - manchmal frage ich mich schon, wozu wir dieses knöcherne Gewächs am Hals tragen? Schnupfen, Husten, Kopfweh, Zungenkrebs, meist saublöde Gedanken und Ideen, sinnentleertes Gelaber, alles wäre einfach nicht mehr da.

Die folgenden Kilometer sind voll mit ähnlich absurden Erlebnissen vergangener Jahrzehnte gespickt. Jawa-Eddie flog mit dem Pimmel in der Hand urinierend durch die Luft, weil ein Nachkommender aus unserer Gruppe die Kurve nicht mehr kriegte und ihm das Motorrad in den Hintern rammte, während Eddie einen Busch einnässte. Und vieles mehr, Gelächter aber auch Motorradschrott, Schmerzen und Tote.

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Hiflau und eine fatale Fehlentscheidung. Olafs's BIG und ich stehen an einer T-Kreuzung. Hinter uns färbt sich der Himmel langsam rötlich, doch vor uns sieht es noch recht sonnig aus. Im Nachhinein stellt sich die Frage recht leicht, wie bescheuert jemand sein muss, angesichts eines winterlichen Abendhimmels hinter sich eine strahlende Mittagssonne vor sich zu erwarten? Rechts ginge es über'n bestens ausgebauten Präbichl-Pass und dem rechts liegenden, berühmten Erzberg nach Leoben und dort auf der Autobahn gemütlich heim. Links aber über die kurvige Straße entlang des Enns-Wildbach's immer weiter und durch Schluchten und Täler und Berge und Pässe.

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Erster Gang, Kupplung raus und ich spüre, die BIG zieht nach links. Gerne gebe ich nach, denn das Kommende ist allzu verlockend. Dann verlieren sich kurzzeitig detailierte Erinnerungen. Die BIG fliegt durch das Tal, bergauf und bergab und manche Senken sind derart aprupt, dass es mir das Gedärm asphaltwärts zieht. Ich sitze obendrauf mit dem Gefühl, spätestens jetzt jegliche Kontrolle über das KFZ verloren zu haben. Es macht was es will und es will mehr, als ich zu geben vermag - also lass' ich etwaige Eingriffe und versuche, oben zu bleiben. Sie ist Herrin, ich bin Knecht, sie schwingt die Peitsche - und ich genieße ihre Dominanz.

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Wir rollen in den kleinen Ort "Wildalpen" und bleiben links vor dem letzten verbliebenen und akzeptablem Gasthaus stehen. Es ist nun schon mehr als dämmrig und ich hebe mich halb eingefroren vom KFZ. Drinnen werde ich von der mir seit langem bekannten Wirtin freudig begrüßt, sie erkennt meine Verfassung und setzt mich nahe der Heizung an einen Tisch. Auf den Heizkörpern liegen meine Handschuhe, die Dame bringt mir Kaffee und Kuchen und etwas aufgewärmt lärme ich später mit den paar Gästen gegen die Regierung mit. Worum es eigentlich geht weiß ich nicht, aber das ist bei sowas auch nicht wichtig - Meckern verbindet. Ein zweiter Kaffee noch, dann Abschied samt dem Rat aller, vorsichtig zu fahren. Draußen ist es stockfinster und saumäßig kalt. Die BIG hat keine Heizgriffe und der Scheinwerfer ist derart schwach, dass der Fahrtwind das Licht zurück bläst. Zum Glück kenne ich die Strecke ab jetzt vom Wildwasser-Kajakfahren, denn Wildalpen war immer Ausgangspunkt unserer wässrigen Ausflüge.

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Die Fahrt hat aufgehört, lustig zu sein. Die Lichtfunsel tastet sich halbblind durch die Nacht, "wir" stolpern hinterher und ab und zu wischt ein längst schlafendes Kaff an uns vorbei. Trotzdem, die Gedenkminute an der Stelle muss sein, wo es Laverda-Sepp für immer in den Abgrund gerissen hatte. Eiskalte starre Finger in den Hosentaschen, Handschuhe beim Motorblock, herumhüpfen und einmal mehr nachdenken über eine mögliche Mitschuld. Wir fuhren Jahre zuvor mit unseren 750ern und einem Norton Haberer [Kumpel] immer einen schnellen, aber feinen Strich, jeder kannte den anderen, wusste um dessen Schwächen und nahm darauf Rücksicht. Das behielten wir auch beim Umstieg auf Enduros, Sepp auf einer Honda XR500, ich auf einer KTM 500K4. Mittags rief er wegen einer Tour nach Wildalpen an, aber irgendwie war ich zu faul. Abends rief wieder einer an, um mir zu sagen, dass Sepp tot ist. Wir hatten einander immer eingebremst, wenn es einer von uns es allzusehr fliegen ließ. Den Anderen mit viel Risiko doch noch einholen, überholen, zornig rüberplärren und dem notfalls sogar mit dem Handrücken in's Gesicht schlagen. Beide Motorräder wackelten herum, doch das Zeichen wurde verstanden und respektiert. An jenem Tag fehlte der Bremser, Sepp fuhr "über'n Scherb'n" [über seine Fähigkeiten] und flog in eine Schlucht. Daheim warteten seine Frau und sein Baby vergebens auf seine Heimkehr. Rucksäcke voll Schuld, die man ein ganzes Leben lang mit sich trägt. Nasse Augen jetzt beim Schreiben.

Schon ziemlich verbraucht rolle ich durch den Ort "Gußwerk", wo das Tal schon deutlich offener ist. An einer Tanke richtung Mariazell fülle ich mir die Benzinblase voll, jetzt noch ein Kaffee im beigeklemmten Imbiss-Stüberl, doch eigentlich ist schon Sperrstunde. Doch ich schimpfe mit dem Besitzer derart leidenschaftlich über die Regierung, dass er für mich offen hält und der zweite Kaffee geht sogar auf's Haus. Für eine weitere halbe Stunde Aufwärmen würde ich gern noch weiter keppeln [meckern], aber der alte Mann ist nun doch zu müde.
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Der nächste Fehler. Wie leicht wäre es, die kurvige, aber gut ausgebaute Route über Josefsberg und Annaberg zu nehmen, ein Stück durch's Traisental zu wischen und bei einem befreundeten Biobauernpaar bei Türnitz um Nachtasyl zu bitten. Nix - echte Männer bitten nicht, die kämpfen weiter! Halbwegs aufgewärmt erinnere ich mich an meine selbstgeschriebene Heldenrolle und fahre über einen kleinen Pass durch's Halltal. Es ist längst kein Fahren mehr, ich knotze [hocke] wie ein auf die Sitzbank gekacktes Häufchen auf der BIG und wundere mich nur noch ab und zu über die Namen von Dörfern, wo ich durchrolle. Grundtenor "so weit bin ich erst gekommen?" Ab und zu stehenbleiben, Hände in den Hosentaschen und am Straßenrand den Keineheizgriffetanz abhotten. Danach stochere ich wieder im Dunkeln herum, bremse entweder viel zu früh oder etwas gar spät und komme schließlich auf die Idee, mir vom Hendinavi den Straßenverlauf anzeigen zu lassen. Murphi's Gesetz hebt mahnend den Finger, der Akku leer.

Unsicher über den Lahnsattel tappen und sich dran erinnern, mit wievielen Motorrädern ich hier schon in warmer Sommersonne drüber gewischt war. Gleichmäßig und verlässlich die ganzen Kurven mit schleifendem Auspuff rechts oder den Mittelständerbügel links, was aber nicht immer eine Leistung war, denn manche Aggregate setzten früh auf. Vage Erinnerungen auch, wo mir wann welche Beifahrerin halbsanfte Nierenschläge schenkte, weil's ihr dann doch zuviel wurde. Und jetzt taste ich mich wie ein halbblinder Rentner mit steifgefrorenen Fingern durch die Finsternis und träume von der guten, alten Zeit, wo alles noch viel schöner und besser war und sogar die Sommersonne geschienen hatte. Der Trost, dass wesentlich Jüngere in dieser Situation ebenso armselig durch die Dunkelheit brummen würden, dieser Trost ist keiner. Mir ist saukalt in den Fingern, ich sehe wenig und fühle die Spannung des gefrorenen Bartes unter der Nase, den alle Winterfahrer kennen. Wer da hier mit viel jüngeren Jahren eine ebenso traurige Figur machen würde, hilft mir nichts.

Unscheinbare Dörfer im Tiefschlaf, blinde, dunkle Fenster, ab und zu frierende Straßenlaternen. Ringsum hohe Berge und dichte Wälder, dazwischen Wiesen und ein paar kahle Felder. Wer lebt hier und warum leben die hier, die hier leben? Nebenerwerbs-Bauern, denn von dem was dieses schmale Tal hergiebt, kann doch niemand existieren? Ab und zu stehe ich in einem der Dörfer unter einer Laterne und hüpfe mit den Händen in den Hosentaschen den "Was-bin-ich doch-für-a-depperte-Sau-Tanz". Olaf's BIG steht geduldig da und wartet. Mühsam drehe ich mir mit toten Fingern eine Zigarette und lege die Handschuhe an den Zylinder. Nein, es ist kein Hass auf dieses Motorrad. Noch immer klammere ich mich an den Gedanken, ich selbst hätte diesen schwachsinnigen Weg durch's Halltal gewählt. Es wäre nur schön, würde ich mir dieses Gedankens etwas sicherer sein.
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Das Mürztal samt Mürzzuschlag tut sich auf und trotz der Fingerschmerzen grinse ich angesichts dieses blöden Namens in meinen Eisbart. Seit Jahrzehnten grinse ich hier, doch das einzige Erlebnis hatte ich hier mit Martina [im BIG-Forum "abstinenzler"]. Seit Liezen strömender, aber sehr warmer Sommerregen. In Mürzzuschlag gab's eine Baustelle, die Straße war per Ampel einspurig geregelt. Dort war gerade eine Senke, wir standen in Polposischn und ein gigantischer LKW-Zug kam uns durch den in der Senke entstandenen See entgegen. Eine mächtige Wasserwand baute sich gemächlich dahinrollend vor dem Lastwagen auf, brach über uns zusammen und ich hatte Mühe, Martina's GS400 senkrecht zu halten. Es war warmes Wasser, wir waren sowieso pudelnass und kicherten - vielleicht schon ein wenig irre. Mehr fällt mir zu Mürzzuschlag nicht ein - ja, außer dass ich den Namen blöd finde. Niemand schlägt den Mürzfluss zu, das gehört sich einfach nicht.

Es kommt eine Autobahnauffahrt und recht angespannt sitze ich auf der BIG und warte auf die schon gewohnten Störrigkeiten. Die klammen Hände nur noch locker am Lenker, aber bereit einzugreifen. Keine Körperbewegung meinerseits, doch Olafs's BIG zieht wie selbstverständlich die Auffahrt hoch. Es kommt eine traumhafte Kurve, "wir" hängen tief drinnen aber da geht noch mehr, also noch mehr Tempo. Spätestens jetzt wird's wirklich mystisch. Wir richten uns auf und ziehen die Autobahn zum Semmering. Kann es denn sein, dass dieser Haufen aus Metall und Plastik Mitgefühl zeigt? Dass er verstanden hatte, dass es mir nicht gut geht? Dass der Westentaschen-Held, der echte Mann erbärmlich bibbernd im Halltal verreckt war? Dass die BIG deshalb gar so willig die Auffahrt hochgezogen war? Während ich das tippe, weiß ich natürlich wie absurd das alles ist. Doch besonders nützlich ist dieses Wissen nicht. Ich tippe vielleicht keine Tatsachen, doch ich schreibe Empfindungen. Ein gegenseitiges Fühlen, ein Erfühlen und ein absurder Vergleich drängt sich mir schon wieder auf. Wie ein Zusammenliegen mit einer vertrauten Partnerin - nicht eine so kurze Beziehung, um unsicher zu sein, was sie wo und wann und wie braucht und nicht eine zu lange, wo man sich selber zu stereotypen Handlungen und Bewegungen "automatisiert". Die lange und herrliche Phase dazwischen, in der geschmeidige Bewegungen ineinander fließen, in der man den Duft des anderen genießt und unausgesprochene Worte, Gedanken und Gefühle direkt ineinander verschwimmen.

Die BIG rollt an einer recht lieblos hingekackten Autobahnraststätte aus. Umso angenehmer ist das Plaudern mit der Kellnerin, die mir angesichts meiner starren Finger genau nach meinen Anweisungen eine Zigarette dreht und es danach locker übersieht, dass hier rauchen verboten ist. Ich habe auch noch einen dicken Rammel [Popel] in der Nase, der gehört eigentlich auch raus, doch ich möchte die Hilfsbereitschaft des Mädels nicht über Gebühr strapazieren. Sie lädt auch mein Smatfon ein bisschen auf. Aus einem Kaffee werden zwei und meine Finger beginnen sich wieder zu bewegen. Einen weiteren Tschick drehe ich mir diesmal selber, verabschiede mich dankbar und zahlend und auf geht's zur letzten Etappe, noch etwa 70km.

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Die jetzt verwaiste Autobahnstation Föhrenberg leuchtet mir heim und bleibt hinter mir. Dort stand ich mit Martina mangels Geld bei jener mythenumwobenen GS400-Mürzzuschlag-Wasserschwall-Tour unter einem Vorbau, rauchten eine und sie wunderte sich, dass bei all dem klatschnassen Zeug ihre Turnschuhe trocken geblieben waren. Doch dann machte sie einen Schritt und je 3 Wasserstrahlen spritzten waagrecht beidseits aus den Entkäsungslöchern der Schuhe. Es war eben so warm gewesen, dass das Wasser in den Turnschuhen Körpertemperatur hatte und somit nicht mehr spürbar war. Wieder mal hatten wir was zu lachen. Wir lachten überhaupt viel, 11 Jahre lang. Was eine Beziehung ohne schon morgendliches Lachen ist, weiß ich nicht - und will es auch gar nicht wissen.

Und ich schmunzle, während ich in Erinnerung daran weiter fuhr. Die restlichen 40km sind geschichtslos, das Stück Stadtautobahn bringt mich heim und Olaf's Big kracht auf den Mittelständer. Rauf, duschen und weg. Im Einschlafen fällt mir noch ein, dass der Ortsname "Mürzzuschlag" tatsächlich beknackt klingt. Möglicherweise ist diese Erzählung etwas ausgeufert, denn eigentlich wollte ich nur sagen - Olaf's BIG war ein guter Kauf und das bis heute, nach vielen tausend Kilometern.
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Am nächsten Tag wurde das brave orange-weiße Aggregat gewaschen und neben die ebenso brave Blau-Weiße zur Ruhe gestellt.

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Die Geschichte von der Überführung von Olaf's BIG ist hier zu Ende. Scrollen bringt nichts.












Scrollen bringt wirklich nichts mehr.

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Re: Etwas wird heuer 30 - a Homasch an die BIG

Beitragvon lallemang » Mo 22 Jan, 2018 00:32

Ne Big Story halt :D

Dankegry§e :wink:
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Re: Etwas wird heuer 30 - a Homasch an die BIG

Beitragvon motorang » Mo 22 Jan, 2018 07:36

Uh so viel Text,
das muss warten bis nach dem TT :D

Gryße!
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Re: Etwas wird heuer 30 - a Homasch an die BIG

Beitragvon altf4 » Mo 22 Jan, 2018 08:45

guten morgen. fett. gut, dass ich frueh aufgestanden bin. :-D

g max ~:)
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Re: Etwas wird heuer 30 - a Homasch an die BIG

Beitragvon gatsch.hupfa » Mo 22 Jan, 2018 12:26

Hat sich gerade mächtig gelohnt, die Mittagspause für deinen Text zu opfern.
danke
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Re: Etwas wird heuer 30 - a Homasch an die BIG

Beitragvon sittich » Di 23 Jan, 2018 08:26

Jo eh! (sinnentleerte Verlegenheitsfloskel)
Jemfalls danke. Da machtz Schreiben Spaß (auch wenn's schon was Älteres war :grin:

A bissl unter'gangen is', das die BIG heuer 30 wurde. Kam 1988 auf'n Markt :oops:
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Re: Etwas wird heuer 30 - a Homasch an die BIG

Beitragvon kahlgryndiger » Di 23 Jan, 2018 08:42

altf4 hat geschrieben:guten morgen. fett. gut, dass ich frueh aufgestanden bin. :-D

g max ~:)

Genau so.
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Re: Etwas wird heuer 30 - a Homasch an die BIG

Beitragvon fleisspelz » Di 23 Jan, 2018 11:44

Danke für das Vergnügen einer äußerst freudvollen Lektüre :smt023
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Re: Etwas wird heuer 30 - a Homasch an die BIG

Beitragvon koarrl » Do 22 Mär, 2018 09:53

Oidaa!

Wie konnte es nur geschehen, daß ich diesen Beitrag erst heute lesen tat - erst, nachdem ich den Lambert beim letzten AIA-Ö-Ost-Stammtisch persönlich kennenlernen durfte?
Seeehr korrekt, in der Tat, Schreiber wie Geschriebenes.
Wollte ich nur noch mal sagen.

k.


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P.S.: Weiterscrollen bringt auch hier nix :-)



...
And so castles made of sand slip into the sea. Eventually.
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