Reisebericht Schweden/Norwegen/Finnland 2010

Hier geht es um AiA-taugliche Motoren, Maschinen, Fahrzeuge. Wyrdiges Zeug kwasi :D

Reisebericht Schweden/Norwegen/Finnland 2010

Beitragvon Blechroller » Fr 23 Jul, 2010 22:50

Soderle,

damit ich nicht wieder die kleinen, feine Dinge im Urlaub vergesse bzw. zeitlich nicht mehr zuordnen kann, dann mal einen chronologischen Reisebericht. Das tröpfelt -so der Plan- hier dann mal nach und nach rein.


Der Plan:
14 Tage, ein Dieselkrad mit 11PS an der Kurbelwelle und "etwas" Gepäck. Zielrichtung Nordskandinavien, eigentlich vorzugsweise Finnland, aber die eigentliche Reisentscheidung wird wie immer unterwegs getroffen. Inari-See in Nordfinnland und Lofoten in Nordnorwegen sind so zwei Punkte, die mir im Hirn rumspinnen. Das berühmte Nordkap(p) als Wunschziel vieler Motorradfahrer, Womo-Kapitänen usw. reißt mich nicht mehr vom Hocker. Zuviel darüber gelesen, zuwenig davon positiv. Aber vielleicht wird das ja unterwegs noch anders und ich "muss" da dann doch hin.

Die letzten Tage vor der Abfahrt sind wie immer hektisch. Es muss so einen Arbeitstroll geben, der immer kurz vor einem Urlaub das Chaos anschürt. Es bleibt keine Zeit für langes Lesen von Reiseführern usw. Das Gepäck im Arbeitszimmer aufschichten, das Krad mehr schnell als detailverliebt serviceieren, die fetten Aluboxen anspaxen und -daüber werde ich noch kreuzfroh sein- die Winterverkleidung "Nasenbär" anhängen.
Wenige Tage vor der Abreise dann noch einen Blick ins Netz zum ADAC und dessen Stauprognose: Das schlimmste Stauwochenende des Sommers wird angekündigt und ich soll da meinen Teil wohl zu beitragen. Kürzen wir es an dieser Stelle ab: Das Daumendrücken, dass `Schland Samstag um Platz 3 bei dieser Weltkommerzveranstaltung kickt und nicht Sonntag das Finale bestreitet hat mir wahrscheinlich unwissentliche Anfeindungen von Millionen eingebracht, hat aber genützt. Und ich hatte auf dem ganzen Hinweg keinen Stau, sondern eigentlich recht leere Straßen.
Dass es auch am Samstag noch einer der heißesten Tage des Jahres mit Temoperaturen über 36°C werden soll, ist dann halt so...

<Einschub: Der Nachtreisezug von München nach Hamburg ist nur vermeintlich eine Alternative. Wer nicht Monate vorher bucht, hat im Sommer keine Chance auf einen sicheren Platz. Und wie mir Leute unterwegs berichteten, sollte der Nachtzug nicht gerade kühl, dafür aber voll mit Schulklassen gewesen sein. Dann doch lieber selber fahren...>

Und los:
Nun ja, vor dem Losfahren haben die Götter das Packen und die Beladung gesetzt. Da gut die Hälfte eines Seitenkoffers mit Werkzeug und Ersatzteilen gefüllt ist und ich an dem Punkt mit mir auch nicht diskutiere, wird der Packraum wieder zum limitierten Faktor. Nach 3x Umpacken und Sortieren, meine ich dann, dass Unumgängliche dabei zu haben. O. K. , es war wieder zuviel, aber dass ich eine Daunenjacke und die Winterfutter für Motorradjacke und -Hose mitgenommen habe, war eine gute Idee.

Start am Samstag so um kurz nach 6 in der Früh.
Der beladene Bock fährt sich furchtbar. Wie eine Gummiwurst. Aber das Gefühl gibt sich erfahrungsgemäß.
Nach 20km Autobahn der erste Schreck. Einige Bodenwellen, etwas spurrillig und es schaukelt die Kiste auf, dass ich denke, eine Reifen ist geplatzt. Gerade noch so bekomme ich das Ungetüm bockig auf dem Seitenstreifen zum Halten. Uff! Jetzt bin ich mal wach...
Keine Reifenpanne zu sehen, kein gebrochener Rahmen, sondern einfach nur ein schweres Krad mit bekannt beschissenem Fahrwerk.
Also weiter und etwas experimentiert. Immer wenn der Bock wieder anfängt zu schaukeln, das Gas NICHT wegnehmen. Lenker nur locker halten und nicht festkrallen und die Knie voll gegen den Tank pressen. Schon ist Ruhe.

Was macht man so auf fast 1.000km Dosenbahnfahrt? Nix! ;-)
Meine übliche Hauptunterhaltung, das Überholen von LKWs ist fast gestrichen. Es herrscht LKW-Fahrverbot. Also müssen Wohnmobile älteren Baujahrs und Campinggespanne, vulgo Imbissbuden dran glauben. Ich zuckel so mit 95 bis 100km/h dahin, wenigstens keine Gegenwind. Der übliche Rhythmus stellt sich ein; so alle 50 bis 80km je nach Lust eine Kippe, alle 100 bis 150km einen Kaffee. So eine Stunde lang habe ich Walkman -ähh- MP3-Player gehört, aber das hat mich dann genervt. Es wird langsam richtig warm. Das schattig, fern der Motorwärme montierte Thermometer erreicht die 30°C. Ich schwitze und zum Kaffee kommt immer noch ein halber Liter Wasser in mich rein.
Bei Schweinfurt dann mal eine meiner Lieblingsbeschäftigungen auf langen Reisen: Essen auf diesen neumodischen Autohöfen neben der Bahn, immer im Industrie- oder Gewerbegebiet und fast immer mit MCDoof. Es ist einfach großes Kino, die Reisenden beim Einfall in MCDoof zu beobachten, einen gut trinkbaren Kaffee zu schlürfen und irgendeinen Pampf zu essen. Die Kinder sind völlig überdreht von stundenlangem Stillsitzen in der Dose, Vatern ist genervt, weil es sich ungewohnt stundelang mit seiner Familie auseinander setzen muss und Muttern versucht -vergeblich- das Chaos zu organisieren. Nach 10 Minuten sind die Kinder mit einer Mischung aus tropfender Eiscreme und Ketschup eingesaut, der mütterliche, fest an der Hand angewachsene Familienputzlappen versorgt dreckige MCDoof-Sitze, Kinderhände und Kindermünder und Vatern studiert wichtig die Reisekarten.
Oder es kommt das unsägliche Ehepaar auf "Bikes" um die Ecke. Er voraus auf einer neuen BMW-GS oder einer jabbbananischen Reisesäge mit 44.000 Ventilen und mindestens so vielen Zylindern. Sie auf einer 650er BMW, die ihr trotz ewiger Abpolsterung der Sitzbank, so dass die Mitte der Maschine schon fast wie ein Loch aussieht, immer noch viel zu hoch ist. Er immer vorweg und munter, aber mit verkniffenem Blick in sein Helmmikro braselnt, sie immer hinterher. Er vermeintlich der tolle Biker, der aber nur besser kaschieren kann, dass er auch nur am Sonntag-Vormittag seine 150km auf bekannter Strecke abrollert, sie völlig überfordert mit dem Krad und ihre alle zwei Stunden drohende Tagesaufgabe angstvoll erzitternd; das Ding muss in die Parklücke, sie muss heil da runter und der Bock muss auf den Ständer. Erkennungszeichen dieser Pärchen: Rukka- oder BMW-Klamotten und die montierten Topkäs sind etwa doppelt so breit, wie das ganze Motorrad.
Dieses Pärchen unterhält sich bei MCDoof nicht; nach dem Urlaub wird er seinen Freunden berichten, wie toll es war, aber dass er wegen seiner Frau nicht mehr als 250km/Tag fahren konnte, wo doch 300 geplant waren. Sie wird ihren Freundinnen von unglaublichen Abenteuern berichten, die sie ganz alleine gemeistert hat. Er wird sich ein Jahr auf eine Tour mit seinen Motorradfreunden freuen, die nie was wird, weil sie doch mit will. Sie wird sich 1 Jahr auf eine Kicherreise mit ihren Freundinnen freuen, aber sich dann doch entschließen, ihm auf der Reise ins Alpenvorland/die Nordseeküste zu folgen und ab diesem Entschluss wieder dem Aufstellen des Krades auf den Ständer entgegenfürchten. Unglücklichere Pärchen hab ich nur noch bei deren gemeinsamer Radtour erlebt, bei der er den ganze Tag so 150m vor ihr fährt...
Gaaaanz großes Kino und DIE Unterhaltung auf Tour. Man wird ja anspruchslos auf 1.000km Dosenbahnfahrt mit dem Dieseligen Diesel.

Ein neues Unterhaltungsprogramm stellt sich ein. Der Amperemeter schlägt ab und an voll ins Negative aus. Definitiv ein heftiger Kurzschluss im Kabelbaum. Hatte ich vor Wochen schon mal, aber bin der Ursache nie auf den Grund gekommen. Wildes Wühlen im Gedärm der Leitungen hinter der Lampenfassung während der Fahrt können das Gezucke der Amperemeternadel immer wieder für einige Zeit abstellen, aber es kommt doch wieder. Nach so 200km ohne Kabelbrand oder Schäden ist das Übel plötzlich verschwunden und kommt so auch bis zur Heimreise nicht wieder.

Es ist sauheiß! Erste Überlegungen, sämtliche Sicherheitsbedenken über Bord zu werfen und in Treckinghose und T-Shirt weiter zu fahren, werden verworfen. Wohin mit dem Motorradklamotten?
O. K., die Handschuhe verschwinden dann mal im Tankrucksack, die Jacke wird an den Bündchen geöffnet und wenn ich den Lenker links ganz außen am Ochsenauge halte, strömt Fahrtwind in den linken Ärmel, zieht am Rücken vorbei und am rechten Ärmel kommt ein heißer Föhn hervor; die warme Luft aus der Jacke. So geht das einigermaßen; das Thermometer zeigt bis zu 37°C.

Ich komme Richtung Hamburg. Keinen Bock, an dem vermeintlichen Superstauwochenende auf den Autobahnen rund um die Stadt zu stehen. Also runter von der Bahn und HH weiträumig östlich umfahren. Dass ich dabei Kuddewörde tangiere und den Dirk kurz besuche, ist eh klar. Zu gerne wäre ich weiter in seinem kühlen Haus sitzen geblieben und hätte 1 bis 5 Hopfenkaltschalen vernichtet. Aber ich habe ein Tagesziel und keine Lust, Sonntag mit der zweiten Reisewelle am späten Vormittag in Puttgarden stundenlang auf einen Platz auf der Fähre nach Dänemark zu warten. Also weiter.

Ich erreiche gegen 20 Uhr nach 940km Puttgarden. Noch mal rasch zu MCDoof, ein Kaffee und beobachten, wie gegen 20.15 Uhr die Massen hektisch werden und die Lokalität verlassen. `Schland spielt um 20.30 Uhr.

Der Campingplatz neben dem Fähranleger ist eine Mischung aus Dauerzelter und Fährenwarterei. Irgendwie klasse. Es ist nur verdammt ruhig dort. Alle hocken sie in ihren Kisten bzw. in den Zelten vor dem des Wohnzimmers entraubten Fernseher. Ab und an eine dieser unsäglichen Tröten, aber sonst himmlische Ruhe. Ich geh dann mal Duschen und noch ein kurzer Spaziergang am abendlichen Strand.

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Beitragvon lallemang » Sa 24 Jul, 2010 17:57

;-) ...fängt ja gut an! :-D

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Re: Reisebericht Schweden/Norwegen/Finnland 2010

Beitragvon Michael » Sa 24 Jul, 2010 18:08

Blechroller hat geschrieben:Was macht man so auf fast 1.000km Dosenbahnfahrt? Nix! ;-)
Meine übliche Hauptunterhaltung, das Überholen von LKWs ist fast gestrichen. Es herrscht LKW-Fahrverbot. Also müssen Wohnmobile älteren Baujahrs und Campinggespanne, vulgo Imbissbuden dran glauben. Ich zuckel so mit 95 bis 100km/h dahin, wenigstens keine Gegenwind. Der übliche Rhythmus stellt sich ein; so alle 50 bis 80km je nach Lust eine Kippe, alle 100 bis 150km einen Kaffee. So eine Stunde lang habe ich Walkman -ähh- MP3-Player gehört, aber das hat mich dann genervt. Es wird langsam richtig warm. Das schattig, fern der Motorwärme montierte Thermometer erreicht die 30°C. Ich schwitze und zum Kaffee kommt immer noch ein halber Liter Wasser in mich rein.
Bei Schweinfurt dann mal eine meiner Lieblingsbeschäftigungen auf langen Reisen: Essen auf diesen neumodischen Autohöfen neben der Bahn, immer im Industrie- oder Gewerbegebiet und fast immer mit MCDoof. Es ist einfach großes Kino, die Reisenden beim Einfall in MCDoof zu beobachten, einen gut trinkbaren Kaffee zu schlürfen und irgendeinen Pampf zu essen. Die Kinder sind völlig überdreht von stundenlangem Stillsitzen in der Dose, Vatern ist genervt, weil es sich ungewohnt stundelang mit seiner Familie auseinander setzen muss und Muttern versucht -vergeblich- das Chaos zu organisieren. Nach 10 Minuten sind die Kinder mit einer Mischung aus tropfender Eiscreme und Ketschup eingesaut, der mütterliche, fest an der Hand angewachsene Familienputzlappen versorgt dreckige MCDoof-Sitze, Kinderhände und Kindermünder und Vatern studiert wichtig die Reisekarten.
Oder es kommt das unsägliche Ehepaar auf "Bikes" um die Ecke. Er voraus auf einer neuen BMW-GS oder einer jabbbananischen Reisesäge mit 44.000 Ventilen und mindestens so vielen Zylindern. Sie auf einer 650er BMW, die ihr trotz ewiger Abpolsterung der Sitzbank, so dass die Mitte der Maschine schon fast wie ein Loch aussieht, immer noch viel zu hoch ist. Er immer vorweg und munter, aber mit verkniffenem Blick in sein Helmmikro braselnt, sie immer hinterher. Er vermeintlich der tolle Biker, der aber nur besser kaschieren kann, dass er auch nur am Sonntag-Vormittag seine 150km auf bekannter Strecke abrollert, sie völlig überfordert mit dem Krad und ihre alle zwei Stunden drohende Tagesaufgabe angstvoll erzitternd; das Ding muss in die Parklücke, sie muss heil da runter und der Bock muss auf den Ständer. Erkennungszeichen dieser Pärchen: Rukka- oder BMW-Klamotten und die montierten Topkäs sind etwa doppelt so breit, wie das ganze Motorrad.
Dieses Pärchen unterhält sich bei MCDoof nicht; nach dem Urlaub wird er seinen Freunden berichten, wie toll es war, aber dass er wegen seiner Frau nicht mehr als 250km/Tag fahren konnte, wo doch 300 geplant waren. Sie wird ihren Freundinnen von unglaublichen Abenteuern berichten, die sie ganz alleine gemeistert hat. Er wird sich ein Jahr auf eine Tour mit seinen Motorradfreunden freuen, die nie was wird, weil sie doch mit will. Sie wird sich 1 Jahr auf eine Kicherreise mit ihren Freundinnen freuen, aber sich dann doch entschließen, ihm auf der Reise ins Alpenvorland/die Nordseeküste zu folgen und ab diesem Entschluss wieder dem Aufstellen des Krades auf den Ständer entgegenfürchten. Unglücklichere Pärchen hab ich nur noch bei deren gemeinsamer Radtour erlebt, bei der er den ganze Tag so 150m vor ihr fährt...
Gaaaanz großes Kino und DIE Unterhaltung auf Tour. Man wird ja anspruchslos auf 1.000km Dosenbahnfahrt mit dem Dieseligen Diesel.


zammbrech....... :smt005


...........ist aber so. :roll:

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Beitragvon Blechroller » So 25 Jul, 2010 12:45

Weiter gehts am Sonntag.
Es ist jedes Mal das gleiche Theater. Man wirft zu Hause die Sachen auf und an das Krad und nach der ersten Nacht ist das Chaos wieder perfekt. Irgendwie wollen Zelt, Schlafsack, Isomatte, Kocher, Bücher... nicht mehr in die gedachten Positionen. Es dauert immer so 2 Nächte, bis sich da ein Routine eingestellt hat und der morgendliche Aufbruch schnell geht.

An der Kassenstelle der Fähre von Puttgarden nach Rödby ist wenig los. Ich ordere gleich das Kombiticket inkl. der 2. Fähre von Dänemark nach Schweden. Ist zwar keinen Cent billiger, aber ich muss in Helsingör nicht mehr zur Kassenstelle (eigentlich doch, aber nur eigentlich...). Die Fähre geht alle halbe Stunde und es ist wenig los.
Die ankommende Fähre ist schnell leer, aber es dauert ziemlich, bis es los geht. Es steckt noch ein "Bike" in der Fähre fest. Ein Klassiker: Hoarli in extraschwer, drauf ein chromstahlhelmierter Fransenträger und der Ofen springt nicht an. Mit hochrotem Schädel hat er seinen Ofen bis zum Beginn der Abfahrt geschoben und bekommt die Kiste auf der Abfahrt endlich angerollt. Saukomische Situation, aber trotz Chromhelm und "Biker" hat der Kollege mein Mitgefühl. So was braucht man nicht.

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Dank "Spur 1" für Motrorräder bin ich der Erste auf der Fähre. Ich kenne noch von vor 3 Jahren diese verdammte Auffahrt. Ein Schießgitter, das man entweder mit 60 km/h und Augen zu oder in Schrittgeschwindigkeit und füsselnd hochfahren kann. Ersteres traue ich mich nicht, beim Füsseln kann ich ein Ablegen verhindern. Den Dieseligen Diesel verzurrt und rauf aufs Deck; unterwegs noch ein Frühstückskaffee gezogen und die Überfahrt genießen.
Als Kind war diese Fährfahrt für mich immer die große Nummer. Es dauerte immer "ewig", es schaukelte und ich bin immer übers Deck gestromert und hab die Schilder auf den Rettungsbooten studiert, wie viele Leute da rein passen und wie viele wohl auf der Fähre sein könnten. Damals dauerte die Überfahrt noch 1 Stunde, da die Fähren im Hafen drehen mussten. Heute sind es beidseitige öffnende Durchfahrtsfähren und die Überfahrt dauert noch undramatische 45 Minuten. Ich finde solche Fährereien klasse. Die haben so was von Urlaub. Aber auch das wird nicht mehr ewig gehen. Der Brückenbau ist schon in Planung. Es wird was auf der Welt fehlen und die Erde wird sich noch schneller drehen.

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Dänemark mag ein schöne Land sein. Wenn man auf der Dosenbahn möglichst direkt von Rödby nach Helsingör will, kann man zu dem Land nur sagen, dass es NICHT flach ist (mit einem 11PS-Diesel) und dass es 200km dauert. Das Wetter ist wieder übergut und das Thermometer knackt wieder die 30°C-Marke. Mir schwitzt...

Heslingör war für mich als Kind auch immer toll. Ich hatte die Stadt als lustig und bunt mit vielen kleinen Fähnchen in Erinnerung, aber vor 3 Jahren bin ich da mal durch gestromert und hab eine leicht gammelige Stadt gesehen, die keinen besonderen Reiz hat. Die Erinnerung beschönigt viel und durch den Bau der Brück nach Malmö hat die Stadt wahrscheinlich auch viel verloren.
Ach ja, die Brücke. Kenne ich bisher nicht. Es spart zwar rund 40km in Dänemark und diese auch noch rund um Kopenhagen, aber wenn man in Schweden auf die E4 will, "verliert" man die 40km wieder von Malmö nach Helsingborg. Wer allerdings in Schwde an der Ostküste über die E22 hoch will, der ist mit der neuen Brücken-Tunnelkombination besser bedient. Preislich ist es egal.

Also ich mit meinem Kombiticket an die automatische Schranke für Leute mit Ticket. Denkste! Nix geht! Kommt so ein Obermensch an und meint nur, dass das für Motorräder nicht funktioniere. Aber ich könne ihm das Ticket geben, eine Quittung hätte ich ja und "Spur 1". Geht doch ;-)

Sagte ich bereits, dass es heiß war?

Der Plan für Südschweden: E4 hoch bis zur Mitte des Vätternsees und dann entscheiden, ob weiter auf der Bahn bis Stockholm und dann Nachtfähre nach Finnland oder ab auf die Landstraße und in Schwedens Innland hoch gen Norden. Bis zur Entscheidung haben die Erbauer der Infrastruktur noch eine recht reizlose Dosenbahn gebaut. Also Kurs Nord und den reichlich starken Rückenwind ausgenutzt mit immer so 105 km/h ab und der übliche Rhythmus von Kippe und Kaffe steht wieder auf dem Plan.
Zwei nette Abwechslungen hatte die Fahrt.
In Südschweden scheint MCDoof der große Hit zu sein (im Norden gibts das Zeug nicht, zumindest nicht unter dem Namen. Es gibt ein eigenes, offizielles Autobahnschild, das so alle 70km den MCDoof ankündigt. Man kann ja von der Konzern halten was man will und im Zweifel ist da nicht nur Gutes bei, aber deren Marketingkonzept in Schweden ist überzeugend. Da steht nicht eine mächtig schlecht gelaunte (und bezahlte) Hilfskraft, der man das Bedauern, dass man nicht "Essen Nr. 23" bestellen kann, an der Theke, sondern superfreundliche und dermaßen ausnehmend hübsche Schwedinnen...
Was sich allerdings auf dem Motrrad mit den 3 Colagläsern fürs "Supermenue" soll, weiß ich dann auch nicht.

> Einschub: Wer jetzt meint, die ganzen blonden Schwedinnen aus den Mistfilmchen der 70er und 80er Jahre entsprechen der Realität, der wird enttäuscht sein. Frauen sind überall auf der Welt hübsch oder nicht hübsch, nett oder nicht nett, dick oder dünn und ... Auffallend ist aber, dass die Schwedinnen nach meiner Beobachtung, deren Subjektivität natürlich niemals nicht gegeben ist, im Durchschnitt ein deutlich größeres Gewichtsproblem mit sich rumschleppen, als die Frauen bei uns. Dafür sind die Männer deutlich weniger mit Wohlstandskugeln ausgestattet. Komische Welt...<

Irgendwann ist es dann wieder so weit. Ich muss tanken und der Mäk ruft. Ich steh so vor dem Mäk mit meinem Kaffe in der Hand, kommt ein Knieschleifeisen der Fraktion mit den vielen Buchstaben vom Ende des Alphabetes an. Fette Gepäckrolle auf dem Soziussitz, Fahrer mit Spiegelvisier und Rucksack. Stellt den Ofen neben meinem ab. Ein Nicken, das Visier öffnet sich und der Helm runter. Zum Vorschein kommt nicht der erwartete Mittfünfziger mit Grauhaar, sondern eine mächtig hübsche junge Schweden, die mich mit einem Blick auf den Dieseligen Diesel und dem Spruch "Not fast, but furious" gegrüßt. Oha! Sie meint dann noch, dass sie mir wohl besser noch einen Kaffe mitbringt, damit ich auf der weiteren Fahrt nicht einschlafe. macht sie dann auch und wir unterhalten uns kurz mit dem Üblichen "Woher und wohin". Die Dame wohnt eigentlich am Wochenende in Malmö und arbeitet nd wohnt unter der Woche in Stockholm. Sie ist gerade auf dem Weg nach Stockholm und fährt die Strecke außer bei Eis jede Woche mit ihrer Heizflunder.

Beim nächsten Kaffe und der Wassereinfüllung (ich arbeite mit Wasserkühlung und sagte ich bereits, dass es heiß war?), kommt eine neue Triumph Boneville um die Ecke. Der Fahrer reißt die Jacke auf und trägt ein Royal-Enfield-Shirt. Er grinst und begutachtet mein Eisen.
Ein in Spanien lebender Britte, der sich 2 Monate in Skandinavien mit dem Krad rumtreiben will. Ist ein nettes Gespräch und wir "verplempern" 2 Stunden mit Reden.

Dann steht ja noch die Entscheidung an, wie ich weiter nach Norden fahren will. In der Tankstelle gibt's Internet und der Wetterbericht sagt für Nordschweden recht gutes, für Finnland eher feuchtes Wetter an. Also fällt die Entscheidung, nicht nach Finnland zu fahren, sondern die nach Osten und Stockholm abzweigende E4 etwa in der Mitte des Vätternsees zu verlassen und am Ufer des Sees weiter direkt gen Norden zu rumpeln.

Endlich ein Ende mit der langweiligen Dosenbahnrüttelei; die Landstraße ruft. Ist aber erst auch nicht so wirklich spannend. Alles auf 60 bzw. 70 km/h beschränkt und alle 2 bis 5km kommt ein stationärerer Passbildautomat. Gut, die Dinger werden angekündigt und blitzen augenscheinlich nur von vorne. Aber ich will bei den doch recht hohen Gebühren für die fotografische Abbildung nix riskieren und halte mich an die Vorgaben.
Dafür wird das Wetter spannend. Über dem Vätternsee baut sich eine riesige Gewitterfront auf und es ist absehbar, dass ich etwas langsamer bin, als die Gewitterfront voran schreitet.

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Gegen 20.00 Uhr lass es dann mal gut sein. Es ist kurz vor dem Losgewittern, die Straßen sind schon teilweise nass und nach 610km reicht es dann auch. Ich finde südlich von Örebro einen netten Campingplatz an einem See. Interessante Variante der Zutrittsbeschränkung: Man erhält einen Zahlencode für Dusch- und Toilettenhaus nach Bezahlung der Platzgebühren.
Das Endspiel der Fussball-WM wäre im Fernsehraum zu sehen, interessiert mich aber nicht wirklich. Nach 5 Minuten Glotzen geh ich noch 1 Stunde am See spazieren, dann Duschen, Kochen, lesen, Pennen...

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Beitragvon porcus » So 25 Jul, 2010 20:43

Lieber Olly

DANKE, ich finde meine Erfahrungen wieder. Schön geschrieben, ich freu mich auf das nächste Kapitel.

Gruß und kiitos

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Beitragvon fleisspelz » So 25 Jul, 2010 21:49

Allerfeinste Berichterstattung mal wieder :smt023
..........................
... wannst mim Deifi danzt, dann brauchst guate Schuah ...
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Beitragvon Roll » Mo 26 Jul, 2010 00:49

Blechroller hat geschrieben:Heute sind es beidseitige öffnende Durchfahrtsfähren und die Überfahrt dauert noch undramatische 45 Minuten. Ich finde solche Fährereien klasse. Die haben so was von Urlaub. Aber auch das wird nicht mehr ewig gehen. Der Brückenbau ist schon in Planung. Es wird was auf der Welt fehlen und die Erde wird sich noch schneller drehen.
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SIC!!

Genau wie in Orkney, den Outer Hebrides etc. . Dämme, Brücken statt Fähren.

100 % zustimm.

Und ich finds soooo schad. Irgendetwas vom "Reisen" bleibt auf der Strecke.
Vor allem auch DAS Entdecken, wo nicht ALLE entdecken.
Sie wollten mich schon gefügig machen mit Fellatio und Absinth, aber ich sagte nein.
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Beitragvon Fränky » Mo 26 Jul, 2010 17:02

wieterschreiben
da kann man gar nicht genug kriegen - Klasse Bericht und tolle Bilders!!
;-) ;-)
Ciao
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Beitragvon T. » Mo 26 Jul, 2010 17:17

Sehr fein...macht Lust auf mehr ....viel mehr. :smt023
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Beitragvon Blechroller » Mo 26 Jul, 2010 22:14

Danke für die Blumen. Die Fortsetzung folgt, dauert aber etwas. Muss ja auch immer noch bei die Builders bei...

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Beitragvon Blechroller » Di 27 Jul, 2010 22:13

Montag.
Das Geraffel finde schon wesentlich schneller seinen Weg auf den Dieseligen Diesel. Bin noch etwas müde, weil ich doch recht lang im Reiseführer gelesen hatte. Das macht unterwegs einfach mehr Spaß, als zu Hause als theoretische Trockenübung.

Wald, Wald, Wald; das Thema des Tages (und nicht nur dieses). Erst kleinere Nebenstraßen mit dreistelliger Nummer, um die Nordrichtung ein zu halten, dann auf die E 45, dem so genannten "Inlandsvägen", der Verbindung mitten durch Schweden nach Norden.
Die Straße läuft häufig parallel zur Eisenbahn "Inlandsbanan", einer heute bedeutungslosen Bahnlinie, deren südlicher und mittlerer Teil stillgelegt wurde und aus touristischen Gründen mit Draisinen befahren werden darf. In der bösen Zeit des Dritten reiches hatte diese Bahn dagegen eine ganz erhebliche Bedeutung. Dieser Geisteskranke hat damit seine Truppen durchs "neutrale" Schweden nach Norwegen gebracht. Das hatte eine enorme politische Bedeutung, galt es doch zum einen die eisfreien Häfen Norwegens an der Nordsee zu sichern und die für die Rüstungsindustrie so bedeutenden Erzminen bei Kiruna unter Kontrolle zu halten. Nicht nur böse Zungen behaupten heute, dass der legendäre schwedische Sozialstaat der 60er bis so Ende 80er Jahre seine finanzielle Basis aus den Einnahmen der kriegswichtigen Erzlieferungen der Schweden an Deutschland hatte. Die Schweden mögen das meist nicht so furchtbar gerne hören; stellen sich aber zunehmend dieser Historie. Wobei es uns als Deutsche wohl weniger ansteht, über unrühmliche Vergangenheiten anderer Staaten zu urteilen.

Genug des Geplapper; Fahren durch Wald ist angesagt.
Man muss das mögen. Mag man das stundenlange Fahren durch vermeintlich öde Waldlandschaften nicht, hat man keinen Spaß an der Route. Ich mag es und es ist wesentlich abwechslungsreicher, als man denkt. Im Gegensatz zu Finnland ist die Straße recht kurvig, man erreicht ab und an mal einen höheren Punkt und kann über die Wälder und Seen schauen. Das Licht ändert sich mit jeder Wolke (von denen es leider nicht viele gab; es schwitzt immer noch, aber nicht mehr über 30°C) und die Inseln in den Seen, ab und an mit kleinen, roten Ferienhäusern drauf, sind mir Abwechslung genug. Der Verkehr ist trotz dieser Hauptverbindung nach Norden gering. Ab und an lauf ich auf ein Wohnmobil oder einen Holztransporter auf, ab und an schürt ein schwedischer PKW an mir vorbei. Erst kommt so alle 20km eine kleine Ortschaft, dann werden die Abstände größer und pendeln sich bis in den hohen Norden so auf 70km ein. Man muss sich das vorstellen; man würde in Deutschland fahren und nur alle 70km käme ein Ort... Schon hier in Mittelschweden ist das Land fern der Küste sehr dünn besiedelt.






Die Annäherung an einen Ort verraten neben den Verkehrsschildern auch so komische schwarze Reifenspuren auf der Straße. Erst rätzel ich, dann komme ich drauf. Die jungen Schweden vertreiben sich die Zeit in der Kultur der amerikanischen Kleinstädte. Abends wird die Karre, vorzugsweise so 8-Zylinder Schlachtrosse aus den 60er und 70er Jahren aus dem Stall geholt. Die Goldkette um den Hals, eine Baseballmütze auf die gefettete Haarpracht, der Ellenbogen zum Fenster raus und es wird um den Ort gecruist. Dann ab und an mal das Gaspedal gegen das rostige Bodenblech gedonnert und "lustige" schwarze Zeichen mit den Reifen auf die Straße gemalt. Kein billiges Substitut für die Zeit ohne Schneescooter...

Es ist schwer bzw. mir unmöglich, mit Worten zu beschreiben, wie diese Landschaft ist, welche Eindrücke sie hinterlässt.


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Mir fällt nur auf, dass diese "unendlichen" Nordwälder schon lange nicht mehr unendlich sind. Der Holzeinschlag ist aktuell und auch in der Vergangenheit enorm. Der Wald wächst schon hier verdammt langsam und man sieht die Rodungen, die vor 30 oder mehr Jahren stattgefunden haben, immer noch. Steht man auf einen höheren Punkt, sieht man einen Flickenteppich verschiedener Baumalterzonen. Einen durchgehenden "Altwald" sieht man nur noch, wenn man auf einen der vielen Nationalparks schaut. Warum das so ist, verstehe ich erst später -und berichte dann auch später drüber.

In irgendeinem Kaff steht eine alte Erzmine an der Straße. Gleich mal angehalten und die Sache betrachtet. Sehr eindrucksvoll, mit welchen Mitteln dem harten Boden das Erz entrissen wurde.

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In Mora ein Schock: Ich steh im Stau! Der Siljansee ist ein Tourismusmagnet und dementsprechend geht es zu. Schon komisch, nach Stunden in der Einsamkeit der Wälder steht man im Stau an einer Ampel und am See flanieren die Muttis mit den Kinderwagen... Schnell weg hier! Damit will ich nix gegen Mütter mit Kinderwagen sagen, aber das passt überhaupt nicht in meine gegenwärtige Gedankenwelt.

Der Tag geht dahin und plötzlich dreht der so toll unterstützende Rückwind auf Seiten- oder Gegenwind. Die Temperatur fällt recht flott von angenehmen 25°C auf frische 12°C. Erst ist das nach der Hitze der letzten Tage ganz angenehm, aber dann fang ich doch an zu Frösteln. Futter für Jacke und Hose und der Fleecepulli sind im Koffer verstaut und ich im "Ewigfahrnirwana" . Keine Lust, jetzt die Karre abzupacken, also weiter.

Ich erreiche Östersund, mein Tagesziel. Wieder 655km runter gerissen. Es ist kühl, als ich mein Zelt aufbaue. Statt kurzer Hose und T-Shirt sind Treckinghose und Fleecepulli angesagt. Und es wird nicht mehr dunkelt. Ich bin noch ein gutes Stück südlich des Polarkreises. Manche behaupten, bei Östersund beginnt Lappland; für andere beginnt das erst ab dem Polarkreis. Mir wurscht. Kaffeekochen, Essen kochen, Lesen, Pennen.

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Hier ein paar Bilder von so 23.30 Uhr:

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Das mit dem Pennen wird dann noch seltsam. Erst haut es mir im Zelt so die Augen zu, dass ich um 1.00 Uhr Nacht bei Helligkeit mit dem Schädel auf dem Reiseführer und mit einer Landkarte zugedeckt wach werde. Erst mal Zähneputzen. Dann werde ich wieder wach und es ist taghell. Ich beginne, meine Sachen im Zelt zusammen zu klauben, um weiter zu fahren. Dann finde ich zufällig meine Uhr. Es ist 3.00 Uhr in der Nacht und nicht, wie geschätzt 8.00 Uhr am Morgen. Also weiter pennen...

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Beitragvon Dreckbratze » Mi 28 Jul, 2010 17:05

sehr stimmungsvolle s/w - bilder. gutes auge für motive, kompliment!
die optimale kurvenlinie ist aussen-innen-aussen und nicht oben-unten-platt...
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Beitragvon Blechroller » Mi 28 Jul, 2010 23:20

Dienstag

Es schifft!
Ich mag es trotz der etwas unangenehmen Konsequenzen, wenn ich morgens im Zelt wach werde, es ist warm und im Schlafsack gemütlich und dieses bekannte Prasselnd des Regens ist auf dem Zelt zu hören. Gut, es wird dann etwas schwierig und motivationsfressend, bis ich meinen Hintern aus dem Schlafsack getrieben habe, das ganze Zeug zusammengerupft und mich im Zelt in die Regensacken gestopft habe, um dann als letzten Schritt das tropfnasse Zelt ein zu packen. Aber oft genug gemacht und die Routine läuft.

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Der Plan für den Tag: Pampa!
Nördlich Östersund gibt es eine Schleife von so um die 400 km zur norwegischen Grneze, ein Stück parallel dazu und wieder zurück auf die E45 und das nur wenig nördlich. Für den "Ich-will-zum-Nordkap(p)-Heizer" natürlich nicht machbar, weil das fast einen Tag "kostet", aber ich will immer noch nicht "unbedingt" zu dieser Mautstelle im hohen Norden. Der "Vildnisvägen" ist angesagt.
Es schifft zwar immer noch, aber bis zur Abzweigung des " Vildnisvägen" nach 80 km mit Tankstelle (=Kaffee) klar es etwas auf und ist trocken.

Zum Thema Tankstelle; es gibt sogar eine eigene Zapfsäule fürs Fichtenmoped!


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und es gibt da ALLES!

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Die Wetterbesserung ist von kurzer Dauer und ein fieselige Landregen lässt mich erst mal nicht mehr los. Zuerst geht es recht gerade und wenig spektakulär dahin, aber dann wird es hügelig, bergig und immer mehr Seen bestimmen die Landschaft. Das herbe Wetter passt zu dieser Landschaft. Ich bin begeistert (noch).


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Nach irgendwelchen Kilometern kommt ein Hinweisschild zu einem Wasserfall in 20 km. Erreichbar laut Reiseführer nur über eine Schotterpiste. Die Kombination von Anratung des Reiseführers und das Wort Schotterpiste lassen für eine Abwägung bei der Entscheidungsfindung keine Raum ;-) Blinker links.
Oha! Mit dem beladenen Ofen und den Straßenreifen auf nassem und schmierigem Schotter erst mal ganz ungewöhnlich. Ich dümpele erst so mit 20 bis 30km/h dahin, bremse jedes Schlagloch an und umfahre es vorsichtig, werde mutiger und nach wenigen Kilometern steht dann 60km/h auf dem Tacho. Das reicht dann aber auch...




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Nass paniert:
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Pünktlich nach 20km kommt das nächste Hinweisschild. Noch 3km bergauf und ich bin da. Es gibt am Parkplatz an dem ein Auto steht eine Feuerstelle mit Überdachung, in der sich zwei Angler am qualmenden Feuer wärmen und ihren Fang grillieren. Karre abgestellt, Fototasche aus dem Tankrucksack und ab dem Trampelpfad zu dem schon hörbaren Tosen gefolgt. Noch schnell ein Foto rechts des Weges und die Speicherkarte ist voll. Wechseln dauert ja nur so ungefähr drei Minuten, aber diese drei Minuten reichen, mir etwa 40 Mückenstiche einzufangen; mein erster Kontakt mit den ach so gefürchteten lappländischen Mücken. Furchtbar! und das Mückenmittel ist natürlich im Tankrucksack...
Ich beschließe, die Mücken zu ignorieren, was mit auch so lange ich in Bewegung bleibe ganz gut gelingt. Ich hoffe, ich behalte noch etwas Blut übrige, um weiter fahren zu können.
Den Wasserfall beschreib ich nicht, das macht die Fotomaschine besser:


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Dann weiter 20km Schotterglitsch und mich hat der Asphalt wieder. Auch nett und es schifft immer stärker.
Jetzt wäre die Zeit, in der das Tagesende mit einem gemütlichen Campingplatz oder noch besser einer Hütte mit Heizung gerade recht kämen. Leider kommt nur ein Kaff mit der üblichen Riesentankstelle, in der neben Sprit auch eine Burgerbraterei (leckere Dinger), ein Kaffeehaus (meist wenig leckerer Kaffee), ein Baumarkt, ein Outdoorladen und ein Angelladen integriert sind. Typisch halt und wer braucht neben Sprit und Kaffee nicht auch eine neue Scheibe für die Flex, eine neue Axt, eine neue Kette für das Fichtenmoped oder gefrorene Rentiersteaks?




Ein 120g-Burger mit frischem (!) Salat, zwei Kaffee und es kann weiter gehen. Natürlich nicht, ohne vorher der örtlichen Wirtschaftspolitik mit einem Photon Bedeutung zu verleihen:


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Ab jetzt wird der Tag erst mal ungemütlich, um nicht zu sagen scheiße! Es regnet "junge Katzen" und parallel der norwegischen Grenze sind es nur noch 10°C. Alles nicht so schlimm, aber ich bin seit Stunden im Regen unterwegs, es fröstelt mich und jetzt geht es erst hoch in Fjell...
Anfangs kann ich mich für diese karge Landschaft, in der außer Wiese und Flechten nur noch Rentiere wachsen, noch begeistern. Auch die ersten Schneefelder finde ich noch interessant, aber irgendwann ist es einfach nur noch nass und kalt. Das Thermometer zeigt noch 6°C.

Wer öfter längere Strecken nicht nur bei Sonnenschein mit dem Krad unterwegs ist, wird es kenne, wie man die Kilometer bis zum Tagesziel runter betet, sich selbst betrügt mit der Unterteilung der Reststrecke in einzelne Etappen von Kreuzung zu Kreuzung. Es sind noch 250km...
Angeblich gibt es da irgendwo eine alte Lappen-... äh Samensiedlung zu besichtigen. Ist mir scheißegal, ich will aus dieser Suppenküche raus (beim Schreiben dieser Zeilen kommt ein gewisser Ärger auf, dass ich dafür den Hintern nicht mehr hoch bekommen habe).

Noch 150km, noch 100km, noch 75km, Ein weiterer Wasserfall mit Hamburgerbraterei und Kaffee. Der Betreiber wird wahrscheinlich immer noch mit dem See kämpfen, den ich in seiner Stube hinterlassen habe...


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Noch 50km, noch 30km und plötzlich hört der Regen auf und der Himmel wird heller. Ich erreiche Wilhelmina und steuere auf den Campingplatz zu. An der Rezeption ein typisch schwedisches Phänomen. Eine nette und freundlich, höfliche Dame auf der einen Seite der Theke, auf der anderen Seite ein Schwede, der mehr oder weniger mit zwei geisitg linken Händen ausgestattet, versucht, mit der Dame zu flirten und gleichzeitig sein Wohnmobil ein zu checken, die Rechnung zu bezahlen, den genauen Ort seines Stromanschlusses für seinen Bumbsbomber zu klären, den Wetterbericht ab zu fragen und wahrscheinlich noch für seine Frau zu klären, wie man nach örtlichem Brauchtum Himbeermarmelade einkocht. Kurz, es dauert , bis ich die Auskunft bekomme, dass keine Hütte mehr frei ist. Fürs Zelten habe ich aber heute nicht mehr viel übrig. Ich will eine Hütte!
Eine kurze Befragung des Reiseführers ergibt einen weiteren Campingplatz vor Ort, den ich nach einiger Sucherei auch finde, der aber nicht mehr existiert.

Es regnet nicht mehr, meine Zähne klappern nicht mehr, also warum nicht noch die 70km bis Storuman abrütteln? Gedacht, getan und die letzte freie Hütte ergattert. Da es schon fast 21 Uhr ist und die Belegschaft nicht mehr davon ausgeht, dass sie diese letzte Hütte noch los bekommen, ergattere ich eine 6-Mann-Hütte mit 2 Räumen für den halben Preis, sprich umgerechnet 35 €.





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Herrlich! Heizung voll auf, ein Fertiggericht gekocht, geduscht und alle durchnäßten Sachen zum Trocknen aufgehängt (Warum schifft es eigentlich immer so nach 300km entweder vorne am Hals oder am Rücken in die Regenklamotten rein?).
Bleibt noch zu sagen, dass es 10 Minuten nach Abpacken des Motorrades ein heftiges Gewitter mit einem Platzregen gab....
Ich lese noch etwas und schlaf dann am Tisch mit dem Kopf auf dem Buch ein. Dunkel wird es ja eh nicht mehr und so putze ich nach kreuzschmerzbedingter Aufwachung mal geschwind draußen bei strahlendem Sonnenschein um 2 Uhr in der Nacht die Zähne. Bevor ich mir jetzt einen Frühstückskaffee braue, gehe ich dann doch ins Bett. Hab es schließlich bezahlt ;-)

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Beitragvon Wolfgang » Do 29 Jul, 2010 06:44

Mensch Olly, bin begeisert !! Ist bis jetzt fast die gleich Strecke, die wir ab nächster Woche unter den Rädern haben.


Ich hoffe, das Regenwasser ist denen bis dahin dann ausgegangen.



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Beitragvon ETZChris » Do 29 Jul, 2010 06:48

herrlich.

wenn ich mal groß bin, hoffe ich dass die strecken da immer noch so schön zu fahren sind...
Gruß
Christian

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