Reisebericht Januar 2007 Mozambique

Hier kann man auch als Gast schreiben. Anonyme Beiträge sind möglich, aber nicht erwünscht, man sollte wenigstens seinen Namen drunter setzen.

Beitragvon fleisspelz » Mo 03 Sep, 2007 13:23

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In der Stadt Alto Moloque hat sich ein Lastwagen auf der Hauptdurchgangsstrasse festgefahren. An dem Versuch, sich seitlich durch ein Schlammloch vorbeizuquetschen scheitert ein Land Cruiser. Nichts geht mehr. Und wenn ein Landcruiser das nicht schafft, habe ich Zweifel, ob ich das mit dem Antichrist hinbekomme. Der Unterboden hat unter den Böschungen bis hierher schon gelitten. Der Auspufftopf gleicht in der Oberfläche einem Kraterfeld.

Ich fahre knapp einen Kilometer rückwärts bis zur nächsten Kreuzung, biege Richtung Westen ab und nehme den nächsten "Abzweig" Richtung Norden. Vorbei an Strohhütten und Maniok stampfenden Frauen. Hühner flattern aufgeregt davon und ein Fünfjähriger, der einen Felgenring mit einem Stöckchen vor sich hertreibt rennt uns vor die Haube, um dann erschreckt sozusagen im Sprung die Felge zu schnappen und sich ins Gebüsch zu retten. Dort guckt er uns mit tellergrossen Augen nach. Nach einigen weiteren Bekanntschaften des Fahrzeugbodens mit einheimischem Schlamm stossen wir irgendwo wieder auf die Hauptstrasse.

Am Ortsausgang habe ich eine schwarze Toyota Limousine am Kofferraum kleben. Ich fahre ihm nicht todesverachtend genug, also ziehe ich nach links, um ihn überholen zu lassen. Ein mozambikanischer Macho mit dunkel getönten Fenstern schiesst durch den Schlamm. Etwa 12 Kilometer weiter steht der Toyota mitten auf der Strasse. Vor ihm eine Schlange von ungefähr acht Schwerlastwagen. Ich fahre neben den Toyota, der öffnet die Scheibe und sagt: "You can pass, you can pass"
Ich schiebe mich langsam an der LKW Schlange vorbei. Irgendwann sehe ich die Ursache des Staus. Bei dem Versuch, aneinander vorbeizufahren haben sich zwei LKW in einem Schlammloch festgefahren und sind gegeneinandergekippt. Das kann dauern.
Ich sehe rechts von der Strasse Reifenspuren im hohen Gras. Also erstmal an den Kofferraum und die Turnschuhe gegen festes Schuhwerk getauscht. Dann den Abhang ein Stück hochlaufen, um zu sehen, wie es da weitergeht. Ich sehe nach etwa 500 Metern, dass sich da offenbar ein paar Fahrzeuge eine Art Behelfspiste seitlich durch den Busch gebahnt haben.
Also kehre ich zum Auto zurück und fahre mit Schwung die rutschige Steigung hoch. Erstaunlich, mit wiewenig Grip man bei Durchdrehenden Reifen immer noch Vortrieb behält. Nach ungefähr 300 Metern, die ich oben bin machen die Reifenspuren eine Linkskurve. Dahinter die Mutter aller Schlammlöcher und darin ein festgefahrener LKW.
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Ich bleibe mit laufendem Motor und beschlagenen Scheiben vor dem Schlammloch stehen. Es ist etwa dreihundert Meter lang, mit einem etwas trockenerem Stückchen nach vielleicht 80 Metern. Ich signalisiere mit den Menschen, die dabei sind, den LKW freizuschaffen. Sie sind offenbar nicht weit von einer Lösung. Bevor ich riskiere, durch unbefahrenen Schlamm seitlich vorbeizuschlittern und womöglich zu kollidieren warte ich lieber ein paar Minuten. Plötzlich steht der Toyota wieder hinter mir und hupt. Der Schlauberger hat mal abgewartet, wie weit der Weisse mit seinem noch schlechter geeigneten Auto wohl kommen mag. Als er sah, dass ich den Abhang hochgekommen war, dachte er sich, na dann schaffe ich das auch. Jetzt wollte er mich dazu bewegen, mich an dem Lastwagen vorbeizuquetschen. Ich bedeutete ihm, er möge ruhig vorbeifahren. Das wollte er dann doch nicht....

Nach einer Viertel Stunde war der LKW frei und bewegte sich rückwärts aus dem Loch. Jetzt die Automatik in den ersten Gang, damit sie nicht zur Unzeit hochschaltet. Gut aufpassen, dass ich nicht die LKW-Spur erwische, um mir nichts abzureissen. Gas und los! Tina klammert sich am Beifahrersitz fest und hält die Luft an. Ich bemühe mich, äusserlich gelassen zu wirken, um Zuversicht zu sähen. Die Vorderräder drehen haltlos durch. Ich drehe die Lenkung des Antichrist nach rechts und links, mal erhaschen sie hier ein wenig Grip, mal dort, mit fünftausend Umdrehungen und fürchterlichen Geräuschen vom Fahrzeugboden schiebt sich der Wagen langsam in den Schlamm... Ich suche mir vor meinem geistigen Auge schon einen der Einheimischen aus, den ich anspreche, wenn wir stecken bleiben. Der mit dem ehemals roten T-shirt, der so heftig gestikuliert, oder der mit der viel zu grossen grünen Hose?
Der Antichrist stampft wie ein Bananendampfer, schlingert, heult auf und findet irgendwo Grip.
Wir sind durch.
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Beitragvon fleisspelz » Mo 03 Sep, 2007 21:48

Ich möchte nicht mit Tina tauschen. Sie ist dazu verdammt auf dem Beifahrersitz Stossgebete auszusenden ohne wirklich eingreifen zu können. Ich bin stolz auf dieses Mädchen. Sie vertraut mir, ohne Murren und Wehklagen. Sie zickt nicht rum, sie jammert nicht und sie gibt immer seltener diese kleinen kieksenden Laute von sich. Und das obschon ihre Handflächen schweissnass sind und die Fingerknöchel schneeweiss.
Wir passieren noch etwa zwanzig Kilometer weit tiefe Schlammlöcher, die meisten aber nicht mehr als fünfzig Meter lang.
"Das geht" sage ich, haue den ersten rein und trete das Gas durch. Schauderhafte Geräusche vom Fahrzeugboden, ein wenig Schlingern, ein wenig Motorenjaulen und schon sind wir durch.
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Bis zur Provinzgrenze zwischen Zambezia und Nampula dauert die Strassenbaustelle und damit die stellenweise miserable Strecke an. Pünktlich an der Grenze beginnt es zu regnen. Es wird schlagartig dunkel und wir haben noch ca. hundert Kilometer bis Nampula, etwa 350 bis zur Ilha de Mocambique. Die schlechte Strasse hat uns erheblich aufgehalten.
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An der Grenze die übliche Polizeikontrolle
"Guten Abend mein Herr, wie geht es Ihnen?"
"Gutten Abbänd Härr Offisier, gätt gutt und Du?"
"Danke, es geht mir auch sehr gut"
"Wie gätt Deine Kinder und Frau?"
"Danke auch sehr gut mein Herr, ihre Fahrzeuglegitimation bitte."
"Bittä ist nurr vorrläufiges Legitimationn weill istä gemittete Auto. Bin ich Tourista aus Deutschelande."
"Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiieh."

Das war keine Ekelbekundung von dem Polizisten, sondern der typisch afrikanische Laut des Erstaunens. Amtsinhaber schieben begleitend zu dem langanhaltenden Iiiiiiiii zunächst die Schirmmütze in den Nacken, kratzen sich an der Stirn und schütteln breit grinsend den Kopf. Der Ton selbst steigt in der Melodie zur Mitte hin leicht an, fällt dann ab und wird immer leiser.

"Woher kommen Sie mit diesem Auto?"
"Maputo"
"Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeehh!!! Mit diesem Auto?" (tellergrosse Augen unter der Schirmmütze)
Der Polizist deutet die Strasse zurück Richtung Matschlöcher:
"Sie sind diese Piste gefahren? Über Alto Moloque?"
Ich nicke
"Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeeeeeeeeeh!!!!!"
Ich halte die ganze Zeit den Führerschein bereit. Der Polizist reicht mir meine KFZ-Papiere salutiert formvollendet, zeigt auf meinen Führerschein und sagt: "Den brauche ich nicht, Sir, da wo sie herkommen muss man fahren können."

Wir fahren die hundert Kilometer bis Nampula im strömenden Regen und beschliessen dort zu übernachten. Das Hotel gehört einem Inder und kostet 90 Euro pro Nacht. Viel Geld, aber bis hierher ist alles gut gegangen und ich will das Schicksal nicht herausfordern. Afrika ist dunkel nachts. Wer jemals eine Afrikanische Strasse bei Nacht gefahren ist, der weiss, woher die Redewendung vom schwarzen Kontinent kommt.
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Beitragvon fleisspelz » Di 04 Sep, 2007 00:04

Abends gehen wir essen. Wir suchen ein Restaurant, das vor zwei Jahren mal sehr gut war. Zwei Polizisten kontrollieren den Verkehr Richtung Stadtauswärts. Sie winken mich vorbei. Ich halte dennoch und frage:
"Entschulligen Härr Obapolisist. Wo finden Restaurant Arco Iris?"
Der angesprochene wendet sich an seinen Kollegen:
"Hier ist ein Herr, der das Restaurant Arco Iris sucht!"
"Fahren Sie die zweite Strasse Strasse rechts, dann die erste rechts und sofort wieder links. Dort ist das Museum und gegenüber ist das Restaurant"
"Dankärschenn."
Zweite rechts, erste wieder rechts, erste links. Kein Museum. Auch kein Restaurant. Das ist ein Afrikanischer Klassiker. Der hochachtungsvolle Afrikaner gibt eine Antwort, wenn man ihn etwas fragt. Keine Antwort ist unhöflich. Dann lieber eine falsche Antwort.

Ich fahre zurück zu dem Polizisten und frage ihn, ob er ein Restaurant empfehlen kann, das jetzt noch geöffnet hat. Er sagt mir, dass er das nicht darf. 5000 Meticais später darf er doch. Wir essen bei einem moslemischen Wirt. Kein Rotwein zum Abendessen....

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Diese Nacht im 90 Dollar Luxushotel war nicht an Schlaf zu denken. Die Klimaanlage funktioniert nur dann wenn sie schnaubt und stampft wie Frau Mahlzahn bei Jim Knopf. Wenn man sie ausschaltet schmilzt man einfach weg. Die Sicherungen der Hoteltüren wirken auch nicht eben beruhigend und die Matraze ist weicher als Marshmallows.

Ich weigere mich den vollen Preis zu bezahlen, als ich feststelle, dass wir kein Wasser zum Duschen haben. Zu meinem Erstaunen willigt der Hotelier sofort in einen deftigen Preisnachlass ein. Ich habe bestimmt irgendwas übersehen....

Wir wollen einige Tage auf der Ilha de Mozambique bleiben und wissen, dass Obst und Gemüse dort stets Mangelware sind. Also suchen wir Shoprite, eine Filiale des Südafrikanischen Woolworth-Konzernes. Woolworth gilt im südlichen Afrika als Nobel-Marke, etwa mit Boss bei uns vergleichbar. Shoprite sind die Woolworth Lebensmittelhändler. Alles, was man nicht vom lokalen Häufchen-Manager kaufen kann findet man dort. Ich halte neben einem Polizisten und frage:
"Wo finden Shoprite?"
Ein kleiner Strassenjunge kommt angespreisselt und ruft: "Ich führe Euch, ich führe Euch, ich fahre mit Euch zu Shoprite, ich kenne den Weg..."
Der Polizist zieht ihn am Ohr zurück und sagt "Du willst die ja doch nur beklauen, verzieh Dich." Dann beschreibt er uns den Weg. Wir sind ungefähr einen Kilometer oder etwas mehr vom Supermarkt entfernt.

Kaum sind wir dort angekommen flitzt der kleine von eben um die Ecke und verlangt 10000 Meticais für seine Wegbeschreibung. Ich lache und sage ihm, der Polizist habe mir doch den Weg beschrieben. Der Junge lacht auch und sagt, dann will er wenigstens mein Auto bewachen während des Einkaufs. Ich willige ein.
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Beitragvon AIAndy » Di 04 Sep, 2007 09:33

:-D Traumhaft zu lesen! Schreib doch a Buch! :smt023 :respekt:
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Beitragvon Nanno » Di 04 Sep, 2007 09:52

das mit dem Buch kann ich nur unterschreiben... mindestens so unterhaltsam wie Jupiter's Travels! :smt023

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Beitragvon fleisspelz » Di 04 Sep, 2007 10:55

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Um die Mittagszeit herum kommen wir an der Brücke zur Ilha de Mozambique an.

Die Ilha war in der Blütezeit der portugiesischen Kollonie die Hauptstadt von Mozambique. Da die Südafrikaner immer wieder versuchten, die Bucht von Delagoa und die 1875 gegründete Hafenstadt Lourenco Marques in Ihren Besitz zu bekommen, um einen Ozeanzugang für Johannesburg einzurichten, verlegten die Portugiesen 1898 den Regierungssitz und ihre Streitkräfte dorthin. Ihren heutigen Namen, Maputo, erhielt die neue Hauptstadt erst 1976 als die verhassten Portugiesen abgezogen waren.
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Die Ilha de Mozambique verfiel seit sie nicht mehr Hauptstadt war zunehmend. Dieser Trend kehrt sich seit 1991 langsam um: sie wurde wegen ihrer Kolonialbauten zum UNESCO-Welterbe erklärt.

Seit ca. 1100 nach Christus trieben islamische Kaufleute aus Sansibar hier Handel und liessen sich nieder. Geschichtsschreibung ist stets die Geschichte der Europäer. Auch wenn die Hochkulturen weit älter sind. Vasco da Gama traf 1498 als erster Weißer den Scheich der Insel, Moussa Ben Mbiki, von dem sich der Name Mozambique ableitet. Die Begegnung soll friedlich verlaufen sein. 1506 besetzten die Portugiesen Tristão da Cunha und Alfonso de Albuquerque die Stadt und errichteten ab 1508 an der Nordspitze der Insel das Fort Sao Sebastian mit einem ungeheuern Geldaufwand. Sie liessen sich die Steine nummeriert aus Europa liefern.

Die Insel wurde zum bedeutendsten Hafen Südostafrikas. Von hier wurden die beiden wichtigsten Exportartikel in die ganze Welt verschifft: Gold und Sklaven.

Die Ilha de Mozambique war bis 1898 Sitz des Generalgouverneurs, eines Bischofs und eines deutschen Konsuls. Noch heute zeugen der Gouverneurspalast, eine Kathedrale, das Zollhaus, etliche Faktoreien ein riesiges Krankenhaus, Jugendstillaternen und vieles mehr von dem vergangenen Glanz. Die Bevölkerung bestand 1895 aus 150 Weißen, meist Portugiesen, mehreren hundert Mischlingen, häufig mit indischen Genen, die vom Handel mit Goa lebten, einigen Chinesen und Arabern und 4000–5000 Makua. Heute leben in Folge des mörderischen Bürgerkrieges über 50 000 Menschen auf der nur 1,5 km² grossen Insel. Die Ilha beherbergt viele Flüchtlinge, weil sie aufgrund ihrer geographischen Lage nie Schauplatz des Bürgerkrieges war.

Die Brücke ist gerade so breit, dass ein Landrover oder ein Minibus noch zwischen den Pollern an der Einfahrt hindurch passt. Sie ist 3400 Meter lang und einspurig. 5 Ausweichstellen bieten Raum, um den entgegenkommenden Verkehr passieren zu lassen. Die Brückenmaut beträgt umgerechnet etwa 8 Cent pro Automobil. Auf der Ilha wird man von einem gigantischen Luftwurzelbaum in Empfang genommen, dessen Krone den Sammeltaxis Schatten spendet.
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Beitragvon AIAndy » Di 04 Sep, 2007 12:49

:P Mehr, mehr, mehr.............
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Beitragvon fleisspelz » Mi 05 Sep, 2007 12:18

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Wir fahren auf der holprigen ausgewaschenen Schlaglochpiste das Ostufer der Ilha entlang. Die Ilha ist nur etwa eineinhalb Kilometer lang und um die 300 Meter breit, das heisst, nichts ist wirklich weit. Unser Quartier haben wir bei Donna Flora im "Casa Branca". Wir residieren im "Weissen Haus", schräg gegenüber von der Sommerresidenz des Gouverneurs.

Donna Flora und Papa Abdallah, der Haushälter empfangen uns freudig. Wir beziehen unsere Zimmer und gehen erst mal an den Strand unterhalb des Fortaleza.
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Es ist unvermeidlich, dass all die "Perlenkettenhändler" sofort um uns herum sind. Sie sind älter geworden seit meinem letzten Besuch vor zwei Jahren und erste Spuren von bescheidenem Wohlstand sind zu sehen. Nur ganz wenige haben keine Schuhe, fast alle schicke Klamotten. Das heisst ohne Löcher und mit coolen Fussballernamen oder ähnlichem drauf. Das muss ich noch ergründen....
Ich schicke die Jungs erst mal alle weg und mache ihnen klar, dass ich jedem, der mich noch einmal anspricht nichts mehr abkaufen werde. Das zieht immer. Der einzige, der es jetzt noch wagt, seine Stimme zu erheben, als ich ins Wasser gehe ist ein etwa zehnjähriger Bengel namens Jerry
"How are you my friend?"
"Fine thanks, and how are you?"
"Thank you, I'm fine. My Name is Jerry"
"Hallo Jerry I am Justus"
"You stay in Casa Branca Jussuf?"
Ich muss grinsen. Klar wissen die Bengel schon längst, wo wir wohnen und wie lange wir bleiben werden. Wahrscheinlich haben sie schon ihre gesamte Verkaufsstrategie zurechtgelegt und sind jetzt nur noch dabei den möglichen Erlös zu taxieren.
"Yes I am in Casa Branca. How old are you Jerry?"
"Yes I am Jerry."
"Do you go to school here Jerry?"
"Yes, school Jussuf. My name is Jerry."
Der Bengel spricht genausowenig Englisch, wie er Jerry heisst. Das aber sehr überzeugend. Jerry heisst wahrscheinlich wie fast alle anderen Jungs auf der Insel Mohammed. Die Kids geben sich selbst aber "hip-hop-names" weil das einfach cooler ist. Wir treffen Garry, Jerry, Johnson, Mohammed Number One, Mikel, Sunny, Harry Potter und Mister T.
"Do you have a pen for me?"
Ah, daher weht also der Wind. Ich sage Jerry, er soll um sechs Uhr zum Casa Branca kommen, dann habe ich einen Kuli für ihn. Ich habe den verlumpten Knirps mit den wachen Augen ins Herz geschlossen. Er weiss das.
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Zuletzt geändert von fleisspelz am Di 30 Jun, 2009 13:02, insgesamt 3-mal geändert.
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Beitragvon fleisspelz » Do 06 Sep, 2007 00:35

Die Ilha de Mozambique hat ein Luxushotel "Omuhi'piti", das von der Familie Bin Laden gebaut wurde und überwiegend leer steht. Es gibt eben keiner 90 Dollar in der Nacht aus, um sich mit Armut konfrontieren zu lassen. Und irgendwann musst Du raus. Eine wunderschöne Allee aus Bäumen mit verschlungenen Stämmen führt vor dem Hotel zum Strand beim Fortaleza. Neben dem Strand liegt die Marina eines deutschen Unterwasserarchäologen, die Basis für Tauchausflüge und Bar ist. Der Strand wird regelmässig von den Hotelbesitzern und den Betreibern der Marina gereinigt. Es ist damit der einzige Strand dieser paradiesischen Insel, der nicht zum Verrichten der Notdurft verwendet wird.
Auf der Ilha leben sehr viele Schüler. Es gibt etliche Internatsschulen und es gilt selbst unter den Ärmsten der Armen als Statusbeweis, irgendwie das Schulgeld zusammenzubetteln oder zu verdienen. Manche Kids sind von ihren Familien protegiert und müssen sich um Schulgeld keine Sorgen machen. Die meisten können sich keine Schule leisten. Ein paar sind clever genug, den Touristen Dienstleistungen wie z.B. Führungen über die Geschichtsträchtige Insel anzubieten, oder selbstgefädelte Ketten zu verkaufen.
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Die Ketten werden aus Perlen gefädelt oder aus Muscheln. Für die Muschelketten werden kleinen Muscheln die Spitzen abgeschlagen, wobei etwa zwei Drittel der Muscheln unbrauchbar wird. Die brauchbaren werden auf Angelschnur gefädelt. So verbringen die Kids schon mal drei bis vier Stunden mit der Produktion einer einzigen Kette, die dann für ca. 80 cent feilgeboten wird. Klar, der erste Preisvorschlag liegt bei etwa 5 Dollar.
Die Perlenketten bestehen aus allerlei Strandgut, aus "Sklavengeld", also den antiken Glasperlen mit denen Sklaven von einheimischen Händlern abgekauft wurden und aus Keramikscherben. Rund um die Ilha liegen mehr als zweihundert antike Schiffswracks auf Grund.
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Die Jungs tauchen illegal und ohne Ausrüstung zu den Wracks, die nicht zu tief liegen, also bis ca. 8 Metern Tiefe. Dort graben sie nach Sklavengeld und fädeln das dann auf. Diese ketten kosten dann schon mal 2 Dollar.

Da seit eineinhalb Jahren ca. alle sechs Wochen ein Kreuzfahrtdampfer aus Südafrika vor der Ilha ankert und im Anschluss schlagartig ca. 400 Touristen für acht bis zwölf Stunden die Insel kahlfressen wie ein Heuschreckenschwarm, gedeiht langsam der aufkeimende Reichtum bei den Kettenverkäufern.
Die Kettenverkäufer sind allesamt Jungs. Sie sind witzig und quirlig und allgegenwärtig. Und wenn Du den einen weggeschickt hast und ihm gesagt, dass Du nicht interessiert bist, dann kommt der nächste, bietet Dir das gleiche Produkt zum gleichen Preis an und ist völlig erstaunt, wenn Du es von ihm auch nicht kaufst.
Kaufst du aber bei Johnson eine Kette, dann kommt Mikel mit grossen Dackelaugen und fragt Dich, warum Du Johnson hilfst, ihm aber nicht.
Kaufst Du Mohammed Number One eine blaue Kette ab, dann kommen fünf andere Mohammeds und zeigen Dir ihre blauen Ketten. Du bist eben ein Blaue-Ketten-Kunde.
Die Kids wissen auch, welche Ketten Du vor zwei Jahren gekauft hast, welche im vergangenen Jahr und welche gestern. "Du hast noch keine gelbe Kette gekauft. Du brauchst noch eine gelbe!"
Du kannst keinen Schritt aus dem Haus tun, nirgens sitzen und Kaffee trinken oder schwimmen gehen oder irgendwas tun, ohne diese Jungs. Wenn Du von der Pension zum Strand gehst sind sie da, sie sitzen am Strand um Dich herum und begleiten Dich nach Hause. Sie lesen Dir jeden Wunsch von den lippen ab und würden dir alles besorgen, jede Dienstleistung, jede Ware. Die Jungs sind lieb und sie nerven entsetzlich.
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Beitragvon nattes » Do 06 Sep, 2007 08:59

Bitte.....weiter.....

Ich glaube,ich zeige schon erstes Suchtverhalten. :roll: :-D

Gruß Norbert
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Beitragvon lallemang » Do 06 Sep, 2007 09:53

Einfach schön Dein Fortsetzungsroman! :smt023

Gry§e Peter
Wherever You Go There You Are :gruebel:
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Beitragvon fleisspelz » Do 06 Sep, 2007 10:40

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Zuletzt geändert von fleisspelz am Di 30 Jun, 2009 13:04, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Oelbrenner » Di 11 Sep, 2007 15:40

:smt023 :smt023 :smt023
:danke:
Super Schreibe, spannend, fesselnd, herzerfrischend und gelungen, mit hohem Suchtpotenzial!
Weiter so und viel Erfolg bei der Vermarktung!

Mehr davon könnte nicht schaden :roll:
der Oleid
Indogermanischer Rapsölmafiosi


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Beitragvon ragman » Di 11 Sep, 2007 16:39

fleisspelz hat geschrieben:Bitte seid nicht bös wegen meiner neuen Signatur. Ich würde sie lieber da nicht stehen haben, aber ich möchte den Bericht vielleicht einem Magazin verkaufen und deshalb braucht es das. Sorry.


Viel Erfolg und danke sehr für das Seelenfutter :pray:
Das beste Werkzeug ist ein Tand in eines tumben Toren Hand.
(D. Düsentrieb)
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Beitragvon fleisspelz » Do 13 Sep, 2007 18:18

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Jerry lungert seit fünf vor dem Casa Branca herum. Schliesslich habe ich ihm einen Kugelschreiber versprochen. Um sechs gehen wir los und wollen zum Restaurant Reliquias, der ersten Adresse, was Restaurants auf der Insel angeht. Insgesamt gibt es vier Restaurants und das Nobelhotel Omuhipiti, das auch eine Küche hat. Das Reliquias ist mit Abstand das beste und zugleich das schönste.
Jerry bekommt natürlich seinen Kugelschreiber, bedankt sich sehr artig dafür und gibt seiner Freude Ausdruck, jetzt ein beinahe vollwertiger Schüler zu sein. Einzig die Tatsache, dass er jetzt noch kein Heft habe sei etwas störend. Jerry begleitet uns zum Reliquias, wie immer sind einige Kettenverkäufer zufällig in der Gegend.
“Look, this very nice neckless. Its colours of Mozambique. This very antique. Look Jussuf, its red, white, brown and blue...” Woher nehmen diese Kerlchen nur den Langmut, mir stets das Offensichtliche zu erklären und mir die spannende Geschichte dahinter zu verschweigen?
“I make you very good price because you are my friend.”
Der Preis ist immer sehr gut. Der zuerst genannte ist sehr gut für ihn, der nach und nach reduzierte ist sehr gut für mich und der, zu dem ich die Kette letzten Endes erwerbe, obschon ich sie eigentlich garnicht brauche, ist in etwa landesüblich.

Das Reliquias hat geschlossen. Es hat zum Jahreswechsel den Besitzer gewechselt und wird jetzt umgebaut. Hoffentlich erkennt der neue Besitzer, dass er mit einem weiteren auf Nobel getrimmten Fresstempel keine dauerhafte Chance hier haben wird.
Ich kann jetzt noch ins Escondidinho gehen, ein französisch geführtes sehr gutes aber eben nicht ursprüngliches Haus im Kern der Insel, in das amerikanisch-sterile Omuhipiti, in das Casa d'Oru, eine Art Schnellrestaurant, wobei das Wort schnell nicht recht kompatibel mit Mozambique ist. Alles nicht so sehr reizvoll. Also gehe ich an den Mercado Municipal, in das O Palador, das von der apparten Chinesin Kiu-Kiu betrieben wird, und in das sich in der Regel keine Weissen verirren. Es sieht ein wenig nach Barracke aus und wird von Strassenkindern umlagert. Hier kann ich die Zutaten selbst mitbringen wenn ich möchte.
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Ich kaufe ein paar Langusten und Jacobsmuscheln bei Fischern, bringe eine Ananas aus Nampula und bestelle Reis dazu, Rotwein und Ricoes. Wir speisen fürstlich, bezahlen wie die Bettler und gehen satt und zufrieden zurück zu unseren Betten.
Auf dem Weg zum Casa Branca erklärt mir Jerry, der während des Essens respektvolle Distanz gewahrt hat, dass es sehr schade sei, dass er so garkein Heft für die Schule habe, jetzt wo er doch einen so schönen und zweckmässigen Kugelschreiber besässe. Ich sage ihm:
“Morgen Jerry, gehen wir ein Heft für Dich kaufen”.
Er antwortet: “Ja, aber ich brauche fünf.”
Ich brauche eine Weile, mein Lachen zu unterdrücken.
“Okay Jerry, ich werde Dir fünf Hefte kaufen. Aber Du musst auch etwas für mich tun.”
“Ich kann doch nichts...”
“Überleg Dir etwas Jerry. Jeder kann etwas. Die Jungs hier zum Beispiel verkaufen Muscheln oder Ketten...” - sofort ist Mikel da um mir die Vorzüge einer sehr schönen schwarz-weissen Kette zu erklären,- “...andere bewachen das Auto...” mir ist bis heute unklar warum man ein Auto auf der Ilha bewachen muss, “...oder sie waschen mein Auto.” Ihr kennt mich. Wenn ich etwas für überflüssig halte ist es, ein Fahrzeug zu waschen. Aber wie soll ich meine kleinen Gaben an die Jungs rechtfertigen, damit sie denen nicht wie Almosen erscheinen? Sofort ist Johnson zur Stelle, um zu vereinbaren dass er mein Auto am nächsten Tag waschen wird. Er sagt, er sei ein hervorragender Autowäscher. Ich willige ein.
Jerry sagt, er kann nichts, aber er will nachdenken, ob er etwas für mich tun kann. Ich verrate ihm, dass ich Muscheln sehr schön finde.
Dann gehe ich zu Bett.
Zuletzt geändert von fleisspelz am Di 30 Jun, 2009 13:06, insgesamt 2-mal geändert.
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