In der Stadt Alto Moloque hat sich ein Lastwagen auf der Hauptdurchgangsstrasse festgefahren. An dem Versuch, sich seitlich durch ein Schlammloch vorbeizuquetschen scheitert ein Land Cruiser. Nichts geht mehr. Und wenn ein Landcruiser das nicht schafft, habe ich Zweifel, ob ich das mit dem Antichrist hinbekomme. Der Unterboden hat unter den Böschungen bis hierher schon gelitten. Der Auspufftopf gleicht in der Oberfläche einem Kraterfeld.
Ich fahre knapp einen Kilometer rückwärts bis zur nächsten Kreuzung, biege Richtung Westen ab und nehme den nächsten "Abzweig" Richtung Norden. Vorbei an Strohhütten und Maniok stampfenden Frauen. Hühner flattern aufgeregt davon und ein Fünfjähriger, der einen Felgenring mit einem Stöckchen vor sich hertreibt rennt uns vor die Haube, um dann erschreckt sozusagen im Sprung die Felge zu schnappen und sich ins Gebüsch zu retten. Dort guckt er uns mit tellergrossen Augen nach. Nach einigen weiteren Bekanntschaften des Fahrzeugbodens mit einheimischem Schlamm stossen wir irgendwo wieder auf die Hauptstrasse.
Am Ortsausgang habe ich eine schwarze Toyota Limousine am Kofferraum kleben. Ich fahre ihm nicht todesverachtend genug, also ziehe ich nach links, um ihn überholen zu lassen. Ein mozambikanischer Macho mit dunkel getönten Fenstern schiesst durch den Schlamm. Etwa 12 Kilometer weiter steht der Toyota mitten auf der Strasse. Vor ihm eine Schlange von ungefähr acht Schwerlastwagen. Ich fahre neben den Toyota, der öffnet die Scheibe und sagt: "You can pass, you can pass"
Ich schiebe mich langsam an der LKW Schlange vorbei. Irgendwann sehe ich die Ursache des Staus. Bei dem Versuch, aneinander vorbeizufahren haben sich zwei LKW in einem Schlammloch festgefahren und sind gegeneinandergekippt. Das kann dauern.
Ich sehe rechts von der Strasse Reifenspuren im hohen Gras. Also erstmal an den Kofferraum und die Turnschuhe gegen festes Schuhwerk getauscht. Dann den Abhang ein Stück hochlaufen, um zu sehen, wie es da weitergeht. Ich sehe nach etwa 500 Metern, dass sich da offenbar ein paar Fahrzeuge eine Art Behelfspiste seitlich durch den Busch gebahnt haben.
Also kehre ich zum Auto zurück und fahre mit Schwung die rutschige Steigung hoch. Erstaunlich, mit wiewenig Grip man bei Durchdrehenden Reifen immer noch Vortrieb behält. Nach ungefähr 300 Metern, die ich oben bin machen die Reifenspuren eine Linkskurve. Dahinter die Mutter aller Schlammlöcher und darin ein festgefahrener LKW.
Ich bleibe mit laufendem Motor und beschlagenen Scheiben vor dem Schlammloch stehen. Es ist etwa dreihundert Meter lang, mit einem etwas trockenerem Stückchen nach vielleicht 80 Metern. Ich signalisiere mit den Menschen, die dabei sind, den LKW freizuschaffen. Sie sind offenbar nicht weit von einer Lösung. Bevor ich riskiere, durch unbefahrenen Schlamm seitlich vorbeizuschlittern und womöglich zu kollidieren warte ich lieber ein paar Minuten. Plötzlich steht der Toyota wieder hinter mir und hupt. Der Schlauberger hat mal abgewartet, wie weit der Weisse mit seinem noch schlechter geeigneten Auto wohl kommen mag. Als er sah, dass ich den Abhang hochgekommen war, dachte er sich, na dann schaffe ich das auch. Jetzt wollte er mich dazu bewegen, mich an dem Lastwagen vorbeizuquetschen. Ich bedeutete ihm, er möge ruhig vorbeifahren. Das wollte er dann doch nicht....
Nach einer Viertel Stunde war der LKW frei und bewegte sich rückwärts aus dem Loch. Jetzt die Automatik in den ersten Gang, damit sie nicht zur Unzeit hochschaltet. Gut aufpassen, dass ich nicht die LKW-Spur erwische, um mir nichts abzureissen. Gas und los! Tina klammert sich am Beifahrersitz fest und hält die Luft an. Ich bemühe mich, äusserlich gelassen zu wirken, um Zuversicht zu sähen. Die Vorderräder drehen haltlos durch. Ich drehe die Lenkung des Antichrist nach rechts und links, mal erhaschen sie hier ein wenig Grip, mal dort, mit fünftausend Umdrehungen und fürchterlichen Geräuschen vom Fahrzeugboden schiebt sich der Wagen langsam in den Schlamm... Ich suche mir vor meinem geistigen Auge schon einen der Einheimischen aus, den ich anspreche, wenn wir stecken bleiben. Der mit dem ehemals roten T-shirt, der so heftig gestikuliert, oder der mit der viel zu grossen grünen Hose?
Der Antichrist stampft wie ein Bananendampfer, schlingert, heult auf und findet irgendwo Grip.
Wir sind durch.


Traumhaft zu lesen! Schreib doch a Buch!



