Reisebericht Januar 2007 Mozambique

Hier kann man auch als Gast schreiben. Anonyme Beiträge sind möglich, aber nicht erwünscht, man sollte wenigstens seinen Namen drunter setzen.

Beitragvon fleisspelz » Mi 19 Sep, 2007 14:20

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Die Schlaglöcher füllen sich mit Wasser und werden dadurch unsichtbar. Tanzende Menschen mit lachenden Gesichtern laufen auf der Fahrbahn. Überall Kinder, die in Pfützen spielen. Als habe die Regierung einen Feiertag befohlen. Sobald wir in den Regen kommen sind wir vonLebensfreude umringt. Das macht das Fahren zwar nicht einfacher, aber fröhlicher. Es ist ein Geschenk des Himmels, wenn es in diesem Jahr wieder regnet. Keine Selbstverständlichkeit und erst recht keine Last. Wenn man mal von Nebensächlichkeiten wie dem seifigen Asphalt absieht, selbst wenn die mich grade stark beschäftigen.
An der Grenze zum Bezirk Zambezia ist es wieder ein wenig trockener. Ich atme auf. Noch mehr Regen und Schlamm als auf der Hinfahrt kann ich nicht gebrauchen.
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Die Freude währt nur etwa zehn Minuten, dann ziehen die ersten Wolken auf. Das geht rasend schnell. Die Fahrbahn wird zusehends schlammiger.
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Wir passieren die ersten Schlammlöcher. Ich achte darauf, nach Möglichkeit nicht in die LKW Spur zu geraten. Zum Einen, weil unser Antichrist mit der geringen Bodenfreiheit einfach in der Mitte aufsetzen und alle vier Räder in die Luft stecken könnte, zum Zweiten, weil zumeist neben den LKW-Rinnen etwas mehr Grip vorhanden ist und zum Dritten, weil ich das Auto nicht vermeidbar beschädigen möchte.
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Die Freude am Strassenrand bleibt ungebrochen. Winkende Kinder, lachende Mütter, aufgeregt hin und her flatternde Hühner. Selbst die Ziegen scheinen vergnügt zu sein.
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Selbst in scheinbar ausweglosen Situationen denken die Menschen hier stets nach vorne. Ein überladener Bus bleibt stecken. Die Fahrgäste schimpfen nicht auf den Fahrer, sondern auf den Schlamm. Sie steigen aus und beginnen Zweige und Blätter unter die Räder zu füttern, den Bus mit blossen Händen freizugraben und gemeinsam anzuschieben. Keiner sorgt sich um einen Fleck auf dem Hemd oder Schmutz an den Händen. Es gilt einfach, den Bus aus diesem Loch zu schieben.
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Ich verfluche mich innerlich: "Justus, Du bist ein verantwortungsloser Cretin. Ein Hornochse. Du hast Deine Schwester im Auto und die Frau, die Du liebst, setzt Dich hunderte von Meilen fernab jeder Zivilisation in ein absolut ungeeignetes Fahrzeug und spielst Abenteuerurlaub. Wenn Du hier steckenbleibst, dann kannst Du weder den Autovermieter rufen, noch den ADAC. Du bist auf Dich alleine gestellt. Warum bringst Du Vollkorken andere Menschen in Gefahr? Wenn Du hier von der Piste in den Graben rutscht, dann hast Du gute Aussichten auf eine langwierige Krankengeschichte. Der nächste Arzt dürfte mehrere hundert Kilometer entfernt sein...."

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Als ich den ersten Allradwagen einer humanitären Organisation sehe, der in der LKW-Spur stecken geblieben ist, rutscht mir mein Herz ein wenig in die Hose. Ich bemühe mich, von meiner inneren Anspannung die beiden Fahrgäste nichts merken zu lassen. Fragt Tina, ob es mir gelungen ist, ich weiss es nicht.
Ich frage den Fahrer, ob ich ihm helfen kann, aber er winkt mit stoischer Gelassenheit ab und erklärt mir, es sei Hilfe unterwegs. Ich fahre rechts an dem Liegengebliebenen vorbei und vernehme zum wiederholten Male diese sägend-kratzenden Schleifgeräusche vom Fahrzeugboden, die meine Gedanken nicht weniger sorgenvoll werden lassen. Etwas weiter find ich ein etwa dreihundert Meter langes Schlammloch vor mir. Das geht nur mit Anlauf.
Ich blockiere die Automatik im ersten Gang, gebe Gas und erkenne im letzten Moment eine Pfütze. Das rechte Vorderrad sinkt ein. Der Truckway war mit Wasser vollgelaufen und ich habe ihn nicht gesehen. Der Motor dreht hoch, das rechte Rad dreht durch, es tut einen dumpfen Ruck von vorne gegen einen Widerstand. Ich reisse das Lenkrad nach links, sofort wieder nach rechts, das Auto bäumt sich förmlich vorne auf, es gibt ein schreckliches Mahlgeräusch vom Fahrzeugboden und ich finde uns mitten in dem Schlammloch wieder. Noch bewegt sich der Antichrist langsam nach vorne. Ich schlingere nach links und nach rechts und wieder zurück. Nur noch fünfzig Meter, noch dreissig, noch zehn, der Rand, durch....
Uff.
Tina hatte die Luft angehalten. Sie atmet wieder. Aber etwas von der frisch erworbenen Farbe im Gesicht hat sie verloren. Wir kommen jetzt wieder auf die halbfertige, geschotterte neue Strasse. Die Kühlwassertemperatur steigt. Ich halte an, da ich den Motor nicht beschädigen möchte und sehe nach. Der Keilriemen ist in Ordnung. Im Kühler und im Ausgleichsbehälter fehlt viel Wasser. Ich trinke eine Mineralwasserflasche leer und befülle sie mit Wasser aus eine Pfütze. Ich lasse den Motor laufen und fülle Wasser nach. Es gehen um die drei Liter rein. Was mir mehr Gedanken macht ist die Tatsache, dass auch fast ebensoviel wieder rauslaufen. Ich stelle den Motor wieder ab und untersuche die Schläuche auf Leckagen. Ich finde keine.
Ein Inder hält mit seinem Jeep an. Er möchte uns nicht abschleppen, da er fürchtet, ich könne ihm ohne Servobremse hinten draufrutschen. Er bietet sich aber an, meine Schwester nach Alto Moloque mitzunehmen. Das muss nach meinen Berechnungen ungefähr dreissig Kilometer voraus sein.
Hier, wo wir stehen haben wir noch nicht einmal Handy-Empfang. Selbst wenn ich Hilfe herbeitelefonieren könnte, ich wüsste nicht womit. Wir verabreden, dass Claudia (meine Schwester) in Alto Moloque eine Werkstatt ausfindig macht, die uns abschleppen kommt, oder andernfalls dort wenigstens mit dem Handy Hilfe herbeitelefonieren kann. Ist mir gerade egal, ob Europcar aus Beira jemanden schickt...
Währenddessen wollen wir versuchen, den Wagen mit etwas abgekühltem Motor und frischer Wasserbefüllung Richtung Alto Moloque weiter zu bewegen. Wir fahren etwa fünf Kilometer, dann ist der Motor wieder an der 100 Grad Grenze. Ich fülle gerade Wasser auf, da hält ein 40 Tonner Sattelschlepper. Der Fahrer und seine beiden Beifahrer fragen garnicht erst, ob ich Hilfe brauchen kann, das sehen sie schliesslich selbst. Zu dritt liegen die unter dem Antichrist und kratzen erst Mal den Schlamm aus allen Ritzen.
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Beitragvon lallemang » Mi 19 Sep, 2007 15:37

Als ich das letzte Mal einem tourenden Nobelallradler mein Hilfe anbot, da ihm auf der befestigten 4m breiten und 1m langen Bachüberfahrt doch glatt ein Rad daneben und in eben diesen gefallen war, wurde mein Ansinnen empört abgelehnt - schlie§lich sei der Spezialist von Toulouse (200km) schon unterwegs und ich wohl auch kaum ausreichend versichert, um in einem solch edlen Fall zu intervenieren. :-D

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Beitragvon fleisspelz » Mi 19 Sep, 2007 15:44

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Der Fahrer ist klar der Boss von den dreien. Er weist einen an, den Schlamm zu entfernen, einen zweiten, einen Ast von einem bestimmten Busch abzuschneiden. Ich gebe jedem eine Dose lauwarmes Tonic-Water. Er strahlt. Mich lässt er garnicht mehr an den Motor. Ich würde schmutzig werden sagt er.
Zunächst glaube ich, der abzuschneidende Ast sei für das "Afrikanische Warndreieck". Ein Fahrzeug mit Panne oder eine Unfallstelle wird in Afrika "gesichert", indem ein Zweig von irgendwas abgeschnitten und unmittelbar dahinter auf die Strasse gelegt wird. Da Pannen unter Umständen lange dauern können, mutet es absurd an, wenn Du an einen riesigen Truck heranfährst, unter dessen Auflieger ein oder zwei Menschen auf Schilfmatten dösen, hinter dem ein Zweig liegt und der offensichtlich schon eine Zeit lang so steht. Ein paar Stunden, einen Tag, drei Wochen, wer weiss das schon... Natürlich sieht man den Warnzweig Tag wie Nacht erst dann, wenn man den LKW auch sieht, deshalb schlafen die Bewacher auch stets hinter den Rädern der Zugmaschine und mittig. Vor den Aufliegerreifen liegt bei Sicherheitsfanatikern zusätzlich ein kopfgrosser Stein, damit ein aufprallender LKW den Auflieger nicht nach vorne schieben kann.
Als die Jungs den Schlamm überall rausgekratzt haben sehe ich die Ursache des Dilemmas.
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Die untere Wanne des Kühlers ist aus Kunststoff. Die beiden Zapfen nach senkrecht unten sitzen in Gummi gelagert in einem vorderen Querträger. Beim Eintauchen in die LKW-Spur hat es diesen Ruck gegeben. Das war wohl der Querträger, den es nach hinten verschoben hat. Dabei sind die beiden Zapfen unten herausgebrochen und dadurch hat der Kühler in der Wanne unten zwei fingerdicke Löcher.
Mist.
Der eine Adlatus des big Boss ist schon dabei, aus dem Ast einen entsprechenden Stopfen zu schnitzen, den man vor Ort von unten mit einem faustgrossen Stein vom Fahrbahnrand in den Kühler hineinschlagen kann.
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Ich überlege fieberhaft, was noch helfen könnte. Gestern Nacht haben wir den Geburtstag meiner Schwester gefeiert. Infolgedessen sind alle Rotweinreserven geleert. Ergo gibt es nicht den allerkleinsten Korken mehr an Bord. Ausgerechnet jetzt! Ich sage das Tina. Tina assoziiert und grinst plötzlich über das ganze Gesicht.
"Ich hab da was" sagt die beste Freundin von allen. Sie kramt in ihrem Koffer und holt einen Tampon raus. "Dichtet grosse Mengen Flüssigkeit zuverlässig in nicht geometrisch geformten Öffnungen" sagt sie triumphierend.
Ein Versuch ist das allemal Wert.
"He Meista ich habben Lösunk,"sage ich zu dem Kapitän der Buschpiste. Der spricht nicht viel besser portugiesisch als ich. Nur etwa die Hälfte der Mozambikaner sind ihrer Regierungssprache überhaupt mächtig. Ich zeige ihm den Tampon und bedenke dabei nicht, dass er so etwas noch nie im Leben gesehen hat. Also erkläre ich ihm den Zweck:
"Das ist für Frau wenn blutet unten. Macht Loch zu damit nix mehr Blut kommt."
Er nickt mit dem Kopf, grinst breit und sagt irgendwas auf Makonde zu seinen beiden Kollegen. Die sehen sich das Ding an und da ist wieder der Lieblingslaut, diesmal dreistimmig:
"Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeeeeeeeeeeeeehhhh...."
Ich zeige den Jungs, wie man die Zellophanhülle entfernt und der Tampon sitzt auf anhieb in dem zweiten Loch des Kühlers. Wir füllen Wasser auf, der Kühler ist dicht.
Ich starte den Motor, der Kühler ist immer noch dicht. Ich entlohne meine drei Retter mit einem Wochenlohn als Trinkgeld, gebe jedem noch eine Dose Tonic-Water und fahre mit Tina weiter richtung Alto Moloque. Nach etwa zwanzig Kilometern steigt die Wassertemperatur wieder langsam an. Ich halte und fülle etwa zwei Liter Wasser nach. Beim Ast läuft etwas davon, der Tampon ist dicht. Ich klopfe den Ast ein wenig tiefer mit meinem Leatherman und beschliesse, dass ich so auf jeden Fall die letzten zehn oder fünfzehn Kilometer bis Alto Moloque fahren kann.
Kurz vor Alto Moloque kommt mir ein Land Cruizer mit meiner Schwester als Passagier entgegen. Der Schwager der Werkstatt in Alto Moloque ist unterwegs, uns abzuschleppen.
Sie drehen und geleiten uns zu der Werkstatt. Wir werden eine Lösung finden.
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Beitragvon fleisspelz » Mi 19 Sep, 2007 16:16

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Toyota Niederlassung Alto Moloque oder so ähnlich. Der Shopbetreiber fängt fleissig an, drauflos zu schrauben. Klar ist, der Kühler muss erstmal raus. Das ist bei der verbauten Dose nicht einfach. Da bereits zehn Hände und alles verfügbare Werkzeug im Einsatz sind, beschliesse ich, zunächst mal alle mit gekühlter (!) Cola aus dem benachbarten "Restaurant" zu versorgen. Die beiden zuschauenden Jungs, von denen einem infolge eines Schlangenbisses ein Bein fehlt bekommen auch eine. Ein Festtag heute.
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Dann gehe ich, da es jetzt erstmal mindestens eine Stunde dauern wird, bis der Kühler ausgebaut ist mit Claudia und Tina etwas essen. Das Restaurant stellt Sandwiches in Aussicht. Das kann eine gute Nachricht sein, muss aber nicht.
"Was fürr Sandwich haschde Du?"
"Sandes de Porcu (Sandwich mit Grillspiess von Schwein)."
"Ischde Haussschwein, oder ischde Stachelschwein, oder ischde Wildschwein?"
"Porcu da Galinha (Hühnerschwein)."
Aha.
Wir bestellen drei mal Hühnerschweinsandwich. Die Mozambikaner backen ein hervorragendes portugiesisches Weissbrot. Eine Art Baguette, nur teigiger und fester. Uns zu ehren wird ungetoastetes Toastbrot von irgendwo besorgt. Wie ich doch die Zivilisation zuweilen hasse!
Als wir aufgegessen haben ist der Kühler ausbebaut.
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Das Stöckchen ist mit wenigen Handgriffen entfernt, beim Tampon dauert es eine halbe Stunde oder länger, bis es Faser für Faser herausgefieselt ist.
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Ich setze mich zu dem Schwager des Werkstattchefs in den Wagen und wir fahren zu einem Markt. Dort kaufen wir zwei Packungen Zweikompomponentendichtmasse mit der Kunststoff-Abwasserrohre geflickt werden können. Das ist das einzig Verfügbare. Löten kann man ja den doofen Kunststoffeimer nicht.
Claudia hat zwischenzeitlich Europcar in Maputo erreicht und die Panne gemeldet und geschildert. Die Europcar-Trulla sagt nur lakonisch, dass sie uns da auch nicht helfen kann.
Wir kehren zur Werkstatt zurück. Dort ist der Kühler jetzt gereinigt und die letzten Tamponreste werden entfernt. Die Dichtmasse wird geknetet, die Umgebung der Löcher wird mit der Feile vom Leatherman aufgerauht. Dann kommt die Dichtmasse drüber und wir müssen 90 Minuten Abbindezeit abwarten.
Der Werkstattchef sieht meine Stiefel an. Das wären sehr schöne Schuhe sagt er, woher ich die hätte. Ich sage ihm, dass das Armeestiefel wären, die eigentlich für den Wüsteneinsatz konzipiert wären. Ich hätte sie in Afrika gerne an, da sie geschlossenes festes Schuhwerk, aber dennoch leicht seien und man darin nicht sehr schwitzt. Er fragt, von welcher Armee.
"Von Amerikanern."
"Bis gerade eben habe ich Dich gemocht."
"Ich sonst nix vill mit Amis am Hut, aber gut Schuh machen Amis."
Red was Du willst Justus, ist Einerlei. Der Reparaturpreis ist eben gestiegen. Basta
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Beitragvon fleisspelz » Mi 19 Sep, 2007 20:02

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So um ca. halb fünf am Nachmittag mache ich die ersten Probefahrten in Alto Moloque. Auf der linken Seite leckt es noch ein kleines bisschen. Der Mechanix drückt von aussen noch ein wenig von der Zweikomponenten-Dichtpampe auf die Leckstelle und wir warten nochmal eine halbe Stunde zu. Ich habe einen Jungen losgeschickt, er möge mir auf dem Markt ein Ei kaufen. Das Geld reicht für hundert Eier, aber ich hatte es nicht kleiner. Ich werde den Bengel wahrscheinlich nie wieder sehen.
Wir testen kurz nach fünf nochmal. Jetzt schwitzt es nur noch ein ganz klein wenig. Ich möchte aber sicher gehen. Wir haben immerhin noch mehr als 2000 Kilometer bis Maputo vor uns. Ich fahre mit dem Schwager des Mechanix zu dem nach Hause und kaufe ihm ein Ei ab. Dann bezahle ich den Mechaniker. Er verlangt knapp 30 Euro, also einen Mechanikerwochenlohn. Bei den Preisen kann ich es mir gerade noch leisten, amerikanische Stiefel zu tragen. Ich fahre mit dem Antichrist zur Tankstelle. Dort öffne ich den Kühler und schlage das Rohe Ei hinein. Die letzte Leckstelle hört nach wenigen Minuten auf, zu schwitzen.
Ich beratschlage mich mit Tina und Claudia, wie wir weiter vorgehen wollen. Wir haben jetzt die Auswahl zwischen Teufel und Beelzebub. Vor uns liegen etwa 340 km Piste. Davon sind 50 km ordentliche Strasse, 90 km Schlagloch an Schlagloch und 200 km Staubstrasse. Im Moment regnet es nicht. Wenn aber nachts Regen einsetzt, so wie in den vergangenen Nächten, dann wird die Piste mit jedem Tropfen schlimmer. Andererseits ist Afrika des Nachts tatsächlich der schwarze Kontinent. Tiefes dunkles schwarz. Keine Verkehrsschilder, keine Leitpfosten, keine Laternen, keine Strassenmarkierungen. Aber jede Menge nachtaktives Getier und reichlich Menschen, die die ganze Nacht hindurch auf der Piste irgendwohin laufen oder auf unbeleuchteten fahrrädern plötzlich aus dem Nichts auftauchen. Wenn wir schnell sind und keine Pausen machen, dann können wir günstigstenfalls einen Schnitt von 50 km/h schaffen. Jetzt ist es halb sechs. Das bedeutet, wir können um halb eins oder eins in Quelimane sein. Zur Not gibt es in Mocuba ein miserables und überteuertes dreckiges Hotel. Bis Mocuba sind es 200 km. Aber in Mocuba haben wir auch den allerschlimmsten Teil hinter uns. Die alternative dazu ist, bei einem hier in Alto moloque ansässigen Schullehrer in dessen überfüllter und enger Hütte bis morgen früh kein Auge zuzutun und dann die Piste womöglich noch aufgeweichter vorzufinden als jetzt. In Mozambique dürfen Busse nur bei Tageslicht verkehren. Busse bleiben gerne im Schlamm stecken und blockieren alles, was danach kommt.
Wir entscheiden uns, zu fahren.
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Beitragvon fleisspelz » Mi 19 Sep, 2007 20:58

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Etwa eine Viertelstunde nach der Abfahrt in Alto Moloque setzt die Dämmerung ein. Anfangs ist die Piste erträglich, aber nach einer halben Stunde, in der wir guten Mutes sind beginnt es zu regnen. Schlagartig fahren wir in einem Flussbett, anstelle einer Piste, rutschen von Schlammloch zu Schlammloch und begegnen wieder den ersten steckengebliebenen Lastern. Es regnet immer stärker und der Scheibenwischer gelangt auf höchster Geschwindigkeit zuweilen an die Grenze seiner Kapazität. Wir schlittern und rutschen mitten durch das finsterste Afrika. Na super Justus. Du lernst es nicht schreit mir die innere Stimme ins Ohr. Warum bist Du nicht in Alto Moloque geblieben und hast das Tageslicht abgewartet?
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Für etwa sechzig endlose Kilometer folge ich dem Land Rover einer ausländischen NGO. Die Piste gleicht zuweilen mehr einem See, als einer Strasse. Immer wenn der Landy in den Truckway sinkt sehe ich wo der verläuft und kann ausweichen.
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Leider biegt der Landy irgendwo in the Middle of Nowhere in ein Strassenarbeitercamp ab. Er ist am Ziel. Wir noch lange nicht. Ich kontrolliere den Kühlwasserstand. Der Kühler ist dicht. Irgendwann höre ich in dieser Nacht auf, einzelne Ereignisse, wie festgefahrene LKW oder aus dem Nichts auftauchende Verkehrshindernisse noch zu beachten. Ah, ein Leguan. Soso, ein Canter-LKW. Ach was, ein umgestürzter Baum. Hmmm, mal wieder ein Schlammloch. Das längste Schlammloch hatte am Stück vier Kilometer. Vielleicht war irgendeines auch länger. Ich weiss es nicht mehr.
Klonk.
Chrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr

Ich halte hinter dem Schlammloch an.
Nur ein ligengebliebener Warnast, der sich im Radkasten verfangen hat. Ich bin wieder hellwach. Jetzt halte ich alle zehn Kilometer an, um die Scheinwerfer von ihrer Schlammschicht zu befreien. Ich muss zum Teil mit dem Leatherman dran rum meisseln. Jedes Mal wenn ich am Fahrbahnrand stehe, hält sofort der nächste LKW und sein Fahrer fragt, ob ich Hilfe brauche. Afrika ist klasse. Mein Sicherheitsgefühl steigt und der Regen weckt meine Lebensgeister. Wir sind jetzt nicht weit entfernt von dem Dorf, dessen Bewohner auf dem Hinweg für uns gebetet haben. Klar kann uns da nichts passieren.
Eine halbe Stunde später fahre ich über die Brücke von Mocuba. Tina lässt einen Jubler los. Der Schlamm ist gemeistert. Es ist jetzt elf. Das Stück bis Quelimane schaffen wir auch noch.
Es regnet jetzt ununterbrochen und so stark, dass der Scheibenwischer auf höchster Stufe angeschaltet bleibt. Ich habe nie zuvor in meinem Leben solche Wassermassen vom Himmel stürzen sehen. Ich kurve um die sichtbar gebliebenen Schlaglöcher herum, falle mit lautem Gepoltere in die anderen hinein und kämpfe mich Kilometer für Kilometer weiter. Die Pension in Quelimane ist telefonisch auf unsere Nachtankunft vorbereitet. Der Regen nimmt immer noch zu. Wir fahren durch eine Wasserwand. Ich habe zuweilen Mühe, die Strasse zu identifizieren. Ich weiss nicht, wie vielen riesigen Fröschen ich auf den letzten 50 Kilometern vor Quelimane ausgewichen bin. Beim Froschgeist habe ich mich für diejenigen entschuldigt, denen ich nicht ausweichen konnte. Der Antichrist schwimmt auf dem besten Stück Strasse zuweilen tänzelnd auf, die Räder drehen kurz frei und finden wieder Halt. Schneller als 40 geht nicht.
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Um kurz vor halb drei Uhr Morgens kommen wir bei der Pension an. Ich bin erleichtert und schlagkaputt. Ich stelle mich unter die Dusche und habe mich gerade eingeseift, da geht das Licht aus. Ich sage: "He!" Tina ruft "Ich wars nicht". Na gut, dann wird eben kalt geduscht auch egal. Wir fallen erledigt in unsere Betten. Am nächsten Tag erfahren wir, dass das Elektrizitätswerk nachts abgesoffen ist. Ganz Quelimane ist ohne Strom. Tina wars nicht.
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Beitragvon lallemang » Mi 19 Sep, 2007 22:04

:-D Keep on rollin'! :smt023

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Beitragvon fleisspelz » Fr 21 Sep, 2007 12:27

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Eigentlich wollte ich bei Tageslicht den Antichrist im Matschteig fotografieren, aber als ich gegen zehn erholt und ausgeschlafen über den Hof zum Frühstück gehe ist der Guarda der Pension grade mit der Zwangswäsche fertig. Nur die etwas mutlos weghängende Spoilerlippe aus Kunststoff zeugt von bestandenen Abenteuern. Unspektakulär.
Wir Frühstücken, packen und bezahlen. Tina lässt ihre Outdoorjacke hängen. Es regnet zwar nach wie vor in einer Tour, aber es ist angenehm warm dabei. Quelimane hat keinen Strom. Wir müssen hier aber Geld aus dem Automaten ziehen, da es sonst eng werden kann. Nun funktionieren Automaten auch in Afrika in der Regel mit Strom. Vor den Geldautomaten sind am ersten eines Monats stets gewaltige Schlangen. Selbst wenn man nichts abheben möchte oder kann, gehört es dennoch zum guten Ton, sich wenigstens in der Schlange sehen zu lassen und damit zu belegen, dass die Bank einen für busy genug hielt, eine Karte auszustellen. Das bleibt uns erspart. Vor dem ersten Automaten steht ein Mensch, der das gleiche Problem hat wie wir. Hier funktioniert der Automat nicht.
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Wir geben dennoch die Hoffnung nicht auf. Da Stromausfälle keine grosse Besonderheit in Afrika sind, verfügen die meisten Banken über eigene Notstromversorgungen. Irgendein Automat wird schon gehen. Wir schwimmen mehr durch die absaufende Stadt, als wir fahren. Wir fragen uns durch, wo noch ein Automat sein könnte. Der Herr da hinten auf dem Foto, der sein Fahrrad trägt, damit es in der Nässe nicht kaputt geht, der gibt uns den entscheidenden Tip für den Weg zu einer Bank, bei der es auch jetzt noch Geld gibt.
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Leider trifft der Tip nicht zu. Es gibt in der Strasse weder eine Bank, noch einen Automaten, noch Geld. Wir kalkulieren scharf, und errechnen, dass wir eine Reserve von etwa hundert Dollar haben, wenn das Benzin bis Inhambane bezahlt ist.. Das ist wenig, aber wir wollen bei dem Regen nicht so lange in Quelimane bleiben, bis die Zambezi Fähre in Caia ihren Dienst wegen Hochwasser einstellt. Also verlassen wir Quelimane.
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In Nicuadala, knapp 40 km nach Quelimane kommt die letzte Tankstelle vor dem Zambezi. Wir tanken voll und füllen auch die beiden 20 Liter Reservekanister. Durch den Gorongoza Nationalpark hindurch existiert keine Tankstelle. Die erste wird erst in Muxungue wieder kommen. Das sind etwa 650 km. Der Tank reicht für nicht ganz 500 und ein Reservekanister für etwa 170 km. Die Tankstelle hat auch keinen Stom. Es gibt aber keine afrikanische Tankstelle ohne Handpumpe.
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Diese Tankstelle ist besonders modern. Sie besitzt einen etwa 20 Jahre alten Feuerlöscher.
Zuletzt geändert von fleisspelz am Di 30 Jun, 2009 13:47, insgesamt 2-mal geändert.
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Beitragvon fleisspelz » Fr 21 Sep, 2007 13:42

Je näher wir an den Zambezi kommen, desto bewusster wird uns das Ausmass des Regens. Die Menschen freuen sich immer noch, danken ihren Ahnen, dass die Regen gesendet haben, lassen ihre vergnügten Kinder in Regenpfützen spielen und lachen dabei zufrieden. Die nächste Ernte ist nicht mehr in Gefahr. Ich bin selbst heilfroh, die nächtliche Tortur auf mich genommen zu haben. Zwischen Alto Moloque und Mocuba bleiben gerade in diesem Moment die ersten Allradfahrzeuge stecken, wie wir später erfahren.
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In der Nähe von der Stelle, an der ich mir den Kühler aufgerissen habe verunfallt an diesem Morgen ein Militärlastwagen.
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Ungefähr siebzig Kilometer vor dem Zambezi beobachten wir erste Rettungsaktionen. Menschen verlassen ihre überschwemmten Dörfer.
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Schlagartig sind die Bilder aus den Flüchtlingscamps wieder präsent. Warum bekommt dieses wunderschöne Land mit seinen freundlichen Bewohnern keinen Frieden? Hier leben doch jetzt schon die ärmsten Menschen dieser Welt. Es ist so absurd, wenn ich daran denke, zu welchen Angelegenheiten in meiner Heimat das Wort Katastrophe in den Mund genommen wird und mit welcher Gleichmut hiesige Menschen Katastrophen aushalten.

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Dieses Bild zeigt gemessen an unseren Massstäben Armut. Keine der Frauen besitzt Schuhe, jede hat als Besitz vier oder fünf Capulanas und mindestens ebensoviele Mäuler zu stopfen. Und dennoch haben diese Frauen Handelsware zum tauschen. Sie hatten irgendwann ausreichend Geld, sich Bluse und T-Shirt aus europäischen Kleidersammlungen zu kaufen. Ja, Du hast richtig gelesen. Das meiste, was Du in Europa spendest, und sei es an würdige Organisationen, wird in Afrika den ärmsten der Armen auf den Märkten verkauft. Das sind keine armen Afrikanerinnen, sondern durchschnittliche.
Arme Afrikaner sind die aus den Flüchtlingscamps.

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Das sind keine romantischen Strohgarben vor diesen zerlumpten Jungs, das sind die Hütten in denen vier bis sechs Personen leben. Schlafen kann man nur abwechselnd. Genügend Platz, dass alle gleichzeitig rein können gibt es nicht.

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Eine reiche Frau ist die, die bei der Hilfsgüterlieferung bedacht werden konnte. Häng mal hierzulande einer zwanzigjährigen vorne und hinten ein Baby in einem Tragetuch um und sag ihr, sie soll sich fünfzig Kilo drittklassiges Mehl auf den Kopf legen und da noch eine Schüssel mit fünf Kilo Reis draufpacken. Die fühlt sich nicht reich...

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Und die, die am wenigsten haben, die haben ihr Lachen. Statt diesem Reichtumsgewinsel und Gejammere hierzulande.
Und wisst ihr, warum sie lachen? Sie sind in Sicherheit. Irgendeine NGO aus irgendeinem fernen Land ist auf sie aufmerksam geworden. Sie werden überleben. Das ist bei weitem nicht jedem gegönnt. Die Flüchtlingscamps werden in der Regel nicht überfallen, so wie das in den entlegenen Dörfern passiert. Aber davon später. Ich hab mich grade in Rage geschrieben. Arme Leute in Mozambique sehen so aus:
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Zuletzt geändert von fleisspelz am Di 30 Jun, 2009 13:49, insgesamt 4-mal geändert.
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Beitragvon lallemang » Fr 21 Sep, 2007 14:18

Hallo Fleispelz,

Deinen Bericht find ich immer besser. Was Du hier "in Rage reden" nennst, kommt genau richtig.
Es würd' was fehlen, wenn gewisse "Besonderheiten" zu nicht rüberkämen.
Zudem bin ich beeindruckt (ja!) einmal wie Du die Bilder wählst.
Kein Drama, kein Apell, kein Blosstellen, aber es kommt rüber!
Und es kommt diese Lebendigkeit rüber, die ich oft eher (oder grad) bei denen finde,
die nicht "ganz oben" sind.

Très bien et très juste! :respekt:

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Beitragvon fleisspelz » Fr 21 Sep, 2007 15:24

Wir kommen an der Fähre in Caia an. Der Zambezi ist sehr unruhig. Wechselnd schnelle Strömungen machen es den Einbaumfähren nahezu unmöglich, den Fluss zu queren, während die Ufergegend trügerisch friedlich aussieht.
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Weite Teile des Flachlandes sind bereits überschwemmt. Immer wieder bekommen wir Rettungsaktionen für Hab und Gut zu sehen, die aber in Afrikanischer Gleichmut und Gelassenheit von statten gehen, und daher oft garnicht wie eine Rettungsaktion erscheinen, sondern wie Afrikanischer Alltag.
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Wir warten bei den Buden auf die Fähre. Sie verkehrt noch. Es gibt eine grosse Auswahl an lauwarmer Cola oder gegrilltem Hähnchen, das aber dauert wenn Du es bestellst, weil dem Hähnchen dann erst der Hals umgedreht und das Federkleid ausgezogen werden muss. Bauern warten mit Ziegen oder ohne Ziegen, der Polizist versucht sich eine Cola zu erbetteln und die Menschen gucken Deinen Wohlstand neugierig an.
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Zwei Tage später hat die Fähre den Verkehr für vier Wochen eingestellt. Die alte fähre, mit der ich vor zwei Jahren hier noch unterwegs war, würde es wohl schon jetzt nicht mehr zur anderen Seite schaffen mit ihrem schwächlichen Motor.
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Etwas über eine Stunde später sind wir auf der anderen Seite des Flusses. Mir fällt ein mittlerer Stein vom Herzen. Insgesamt war ich ziemlich besorgt. Mit recht. Nur zehn Tage nach unserer Zambeziüberquerung bei Caia liefen die Internationalen Hilfsaktionen rund um die Stadt Caia/Zambezi an. Land unter.
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Die Fahrt durch den Gorongoza Nationalpark ist wie zumeist ereignislos. Auf den ungefähr 320 km bis zum Complexo Touristico Arco Iris begegnen wir ein paar Affen und wenigen Menschen. Ich hatte ursprünglich überlegt, die Staubstrasse über Inhaminga und Inhamitanga nach Dondo zu fahren. Dort kommt man durch dichten Urwald, sieht die Wracks von Eisenbahnzügen im Busch vor sich hinrosten und es stehen alte zerschossene Panzer am Strassenrand. Eine aufregende Strecke, aber sowohl Claudia als auch Tina haben die Nase voll von Abenteuer und ich kann die beiden verstehen. Das Wetter hellt zusehends auf und wir kommen gegen fünf am Nachmittag nach flotter Fahrt an. Zeit genug, dort nochmal in den Pool zu hüpfen. Dekadent, aber äusserst erfrischend.
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Beitragvon fleisspelz » Sa 22 Sep, 2007 03:50

So, ich habe den Serverausfall woanders zum Anlass genommen, die Bilder nochmal zu überarbeiten. Bald geht es weiter nach Inhambane.... ;-)
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Beitragvon fleisspelz » Sa 22 Sep, 2007 13:43

Am Morgen bekommen wir vom Besitzer des Arco Iris ein T-Shirt geschenkt und revanchieren uns mit einem Sparkassenkalender. Der Tank ist fast leer und ich fülle zwanzig Liter Benzin aus einem meiner beiden Kanister in den Tank. Kurz hinter der Inchope Kreuzung gibt es eine lustige "Tankstelle".
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Heute hat die auch kein Benzin mehr. In der gesamten Gegend des Gorongoza Nationalparks gibt es nicht wirklich Tankstellen. Seit Ende des Bürgerkrieges vor über zehn Jahren verstecken sich noch immer versteckte Ex-Renamo-Kämpfer im unwegsamen Urwald, die heute auf eigene Rechnung plündern. So eine Art Subsistenzsöldner. Von Zeit zu Zeit überfallen die die umliegenden Tankstellen mit vorgehaltenen Kalashnikovs um Benzin und Diesel zu erbeuten. Geld zum bezahlen haben sie halt nicht. Deshalb gibt es zwischen Zambezi, Chimoio und Beira nur zwei Tankstellen, die beide vom Militär mit entsicherten MG's bewacht werden. Die eine ist in Dondo bei Beira, also ca. 70km von unserer Strecke weg, die andere in Chimoio, also 80 km ausserhalb unserer Strecke. Es gibt ein paar "auf eigene Faust" Benzinhändler, wie diesen hier. Die verkaufen sehr teuer, aber selbst das nützt nichts, wenn nur noch Diesel vorrätig ist...
Macht ja nichts, wir haben noch für etwa 360 km Sprit an Bord. Also weiter auf unserem Weg. Wir überholen Maxibombos,
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sehen Männer auf dem Weg zum Hausbau,
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sehen Hütten im Bau,
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und fertige Hütten
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Irgenwann erreichen wir Muxungue und fahren an die Tankstelle.
"Gasolina, cheio..." sage ich, also "Benzin, voll"
"No Gasolina" antwortet der Tankwart.
Ich frage nochmal nach, ob ich ihn richtig verstanden habe. In Mozambique gibt es nur Gasoleo (Diesel) oder Gasolina (Benzin ROZ 95). Das klingt zuweilen ähnlich, je nach dem, wer es ausspricht. Er hat wirklich kein Benzin. Nur noch Diesel. Nagut, für 180 km reicht mein Tank noch und in ca. 90 km kommt die nächste Tanke.
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Beitragvon fleisspelz » Sa 22 Sep, 2007 14:50

An der nächsten Tankstelle winkt ein schläfriger Guarda schon von weitem ab. Hier gibt es noch nicht einmal mehr Diesel. Der Tankwart ist folglich erst mal heimgegangen.
Ich fahre jetzt mit konstant 90 km/h, um möglichst sparsam mit dem verbleibenden Benzin umzugehen. Als wir die Brücke über den Rio Save erreichen habe ich noch für etwa 50 km Benzin im Tank und beide Reservekanister sind leer.
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Direkt am Brückenkopf ist eine Tankstelle. Kein Benzin, aber dafür eine Geste zum Motorraum hin. Ich steige aus und sehe, dass der Kabelbaum, der zu den Zusatzlüftern, aber auch zur Lichtmaschine führt sich als späte Folge des Schlammloch-Abenteuers gelöst hat und auf der Strasse schleift. Gerade noch rechtzeitig. Der Ummantelungsschlauch war schon durchgeschliffen, aber alle Isolierungsschichten noch heil. Als ich vorne zwischen dem querliegenden Motorblock und den Zusatzlüftern nach unten durchgreifen will, um das Kabel nach oben zu ziehen und irgendwo zu befestigen stosse ich aus Unachtsamkeit ganz kurz mit dem Handrücken an das Krümmerrohr. Die Freude darüber hielt sich in Grenzen. Ich sehe die Stelle noch heute, also acht Monate später deutlich.
Ich suche ein Stückchen Draht. In Afrika liegen Stückchen Draht nicht irgendwo am Wegesrand Justus. Das sind Kostbarkeiten. Ich fische eine Mullbinde aus dem Arzeneikasten, lasse sie an der Stelle nach unten, an der ich mir zuvor die Hand verbrannt hatte, und befestige das eine Ende der Mullbinde oben am Luftfilter. Dann knote ich das andere Ende unten um den Kabelstrang, ziehe das ganze nach oben und verknote die Mullbinde irgendwo an der vorderen Quertraverse. Davon habe ich aber immer noch kein Benzin.
Der Tankwart zuckt nur mit den Schultern. Er ist ungefähr acht Jahre alt und kann mit meinen bohrenden Fragen, woher es den nächsten Sprit gibt nichts anfangen. Ich gehe zu dem Polizisten am Brückenkopf.
"Gutten Tak Herr Obabolisist, wie gett Frau und Kinda?"
"Danke gut, wie kann ich Ihnen helfen?"
Oh ha. Er hat nicht nach meiner Familie und meinem Befinden gefragt. Mehr so der förmliche Typ.
"Wir nur wenigg Benzin, kommen von Quelimane, da letztes Tankschdell, können sagen wo finden Tankschdell?"
"Aber Sie stehen an einer Tankstelle mein Herr"
"Aber Tankschdell nix Benzin..."
"Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeh."
"Jetzt wollen wissen wo näxt Tankschdell..."
"Die nächste Tankstelle ist in Inhassoro."
"Aba Inhassoro 90 km oda hundat. Ich nua noch Benzin fur 50 km oda 60"
"Iiiiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeeeeeeeeeh..."
Der Polizist beratschlagt sich mit seinen Kartenspielenden Kollegen und erklärt mir anschliessend, dass nach ca. 16 km linkerhand an einer Kreuzung ein Benzinhändler sei.
Wir fahren dort hin. Der Benzinhändler hat kein Benzin, nur noch ein paar Kanister Diesel. Aus der Schar der rumlungernden Dorfjugend, in diesem Fall die arrivierte Version, einer mit klapprigem Auto, zwei mit Fahrrad, zwei mit Handies löst sich der Obermotz und mischt sich ein. Er kennt einen ehemaligen Minenarbeiter aus Südafrika, der in der Nähe wohnt und Benzin bevorratet hat. Für ein paar Meticais geleitet er uns auf unserem Beifahrersitz trohnend irgendwo in die mitte von Nirgendwo. Am Ende eines Staubweges ein paar Autos mit Südafrikanischen Kennzeichen. Der Chef mag offenbar keine Weissen, wird aber zusehends freundlicher, als wir ihm erzählen, dass wir aus Deutschland kommen und die Apartheid doof finden. Er betreibt mit einigen Kettensägen eine Art Sägewerk und handelt mit Holz. Deshalb hat er einen Benzinvorrat angelegt. Ich kauf ihm 10 Liter Zweitaktgemisch ab zum Preis von dreissig Litern Benzin und fülle das in den Tank.
Bis Inhassoro qualmt der Antichrist fröhlich vor sich hin wie ein russischer Militärlaster. In Inhassoro kaufen wir Benzin. Wir bekommen das letzte vorrätige. Ich habe jetzt noch etwa 20 Dollar. Das muss reichen bis Inhambane.
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Beitragvon fleisspelz » Sa 22 Sep, 2007 15:27

Die Anspannung löst sich ein wenig bei mir. Der Tank ist prallvoll, das reicht locker bis Inhambane. Es ist sonnig und warm, so als kenne dieses Land keinen Regen, in Inhambane warten liebe Freunde mit einem eigenen Haus auf uns und wir sind gut in der Zeit. Am Wegesrand sehen wir von weitem eine grössere Versammlung unter einem Baum.
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Als wir näher kommen sehen wir die Menschen tanzen. Wir beschliessen, dass Zeit ist für eine lauwarme Cola. Ich parke also den Wagen etwas abseits im Schatten eines grossen Baumes und wir werden von der tanzenden Menge freudig begrüsst.
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Wir erfahren vom Chief, dass sie das Ende eines Projektes und zugleich die Eröffnung einer Cantina feiern. Es gibt zwar keine lauwarme Cola, aber dafür Fanta und die noch dazu gekühlt!
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Die Frauen hier haben zum Teil noch Holzkohletätowierungen. Als ich beginne, die ersten Fotos zu machen, will jeder einmal fotografiert werden. Keiner kann warten, jeder tanzt ein bisschen und will dass ich ihn dabei ablichte. Dann muss ich das Display der Kamera zeigen und der oder die Fotografierte quittiert das mit erstauntem Gesichtsausduck und einem lauten:
"Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeh...!!!"
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Ich schenke dem Chief eine unserer zahlreichen glänzenden Kaurimuscheln von der Ilha und das T-Shirt vom Arco Iris. Der Chief bietet mir daraufhin ein Glas seines von ihm als "Bier" bezeichneten selbstfermentierten Getränkes an.
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Besonders die Muschel wird eifrig bestaunt. Schliesslich sind wir etliche Kilometer vom Meer entfernt.
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Auch die Bewohner von diesem Dorf beten für uns.

Wir biegen am Nachmittag in die Strasse nach Inhambane ab.
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In der Region Inhambane werden Schmauchbrandtöpferarbeiten gemacht, die einmalig schön sind. Überall am Wegesrand finden sich Häufchen mit Steingut. "Factory Outlet Stoes" auf mozambikanisch....
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Wir kommen noch an einem Krankentransport vorbei und erreichen nachmittags um vier Inhambane.
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