Die Schlaglöcher füllen sich mit Wasser und werden dadurch unsichtbar. Tanzende Menschen mit lachenden Gesichtern laufen auf der Fahrbahn. Überall Kinder, die in Pfützen spielen. Als habe die Regierung einen Feiertag befohlen. Sobald wir in den Regen kommen sind wir vonLebensfreude umringt. Das macht das Fahren zwar nicht einfacher, aber fröhlicher. Es ist ein Geschenk des Himmels, wenn es in diesem Jahr wieder regnet. Keine Selbstverständlichkeit und erst recht keine Last. Wenn man mal von Nebensächlichkeiten wie dem seifigen Asphalt absieht, selbst wenn die mich grade stark beschäftigen.
An der Grenze zum Bezirk Zambezia ist es wieder ein wenig trockener. Ich atme auf. Noch mehr Regen und Schlamm als auf der Hinfahrt kann ich nicht gebrauchen.
Die Freude währt nur etwa zehn Minuten, dann ziehen die ersten Wolken auf. Das geht rasend schnell. Die Fahrbahn wird zusehends schlammiger.
Wir passieren die ersten Schlammlöcher. Ich achte darauf, nach Möglichkeit nicht in die LKW Spur zu geraten. Zum Einen, weil unser Antichrist mit der geringen Bodenfreiheit einfach in der Mitte aufsetzen und alle vier Räder in die Luft stecken könnte, zum Zweiten, weil zumeist neben den LKW-Rinnen etwas mehr Grip vorhanden ist und zum Dritten, weil ich das Auto nicht vermeidbar beschädigen möchte.
Die Freude am Strassenrand bleibt ungebrochen. Winkende Kinder, lachende Mütter, aufgeregt hin und her flatternde Hühner. Selbst die Ziegen scheinen vergnügt zu sein.
Selbst in scheinbar ausweglosen Situationen denken die Menschen hier stets nach vorne. Ein überladener Bus bleibt stecken. Die Fahrgäste schimpfen nicht auf den Fahrer, sondern auf den Schlamm. Sie steigen aus und beginnen Zweige und Blätter unter die Räder zu füttern, den Bus mit blossen Händen freizugraben und gemeinsam anzuschieben. Keiner sorgt sich um einen Fleck auf dem Hemd oder Schmutz an den Händen. Es gilt einfach, den Bus aus diesem Loch zu schieben.
Ich verfluche mich innerlich: "Justus, Du bist ein verantwortungsloser Cretin. Ein Hornochse. Du hast Deine Schwester im Auto und die Frau, die Du liebst, setzt Dich hunderte von Meilen fernab jeder Zivilisation in ein absolut ungeeignetes Fahrzeug und spielst Abenteuerurlaub. Wenn Du hier steckenbleibst, dann kannst Du weder den Autovermieter rufen, noch den ADAC. Du bist auf Dich alleine gestellt. Warum bringst Du Vollkorken andere Menschen in Gefahr? Wenn Du hier von der Piste in den Graben rutscht, dann hast Du gute Aussichten auf eine langwierige Krankengeschichte. Der nächste Arzt dürfte mehrere hundert Kilometer entfernt sein...."
Als ich den ersten Allradwagen einer humanitären Organisation sehe, der in der LKW-Spur stecken geblieben ist, rutscht mir mein Herz ein wenig in die Hose. Ich bemühe mich, von meiner inneren Anspannung die beiden Fahrgäste nichts merken zu lassen. Fragt Tina, ob es mir gelungen ist, ich weiss es nicht.
Ich frage den Fahrer, ob ich ihm helfen kann, aber er winkt mit stoischer Gelassenheit ab und erklärt mir, es sei Hilfe unterwegs. Ich fahre rechts an dem Liegengebliebenen vorbei und vernehme zum wiederholten Male diese sägend-kratzenden Schleifgeräusche vom Fahrzeugboden, die meine Gedanken nicht weniger sorgenvoll werden lassen. Etwas weiter find ich ein etwa dreihundert Meter langes Schlammloch vor mir. Das geht nur mit Anlauf.
Ich blockiere die Automatik im ersten Gang, gebe Gas und erkenne im letzten Moment eine Pfütze. Das rechte Vorderrad sinkt ein. Der Truckway war mit Wasser vollgelaufen und ich habe ihn nicht gesehen. Der Motor dreht hoch, das rechte Rad dreht durch, es tut einen dumpfen Ruck von vorne gegen einen Widerstand. Ich reisse das Lenkrad nach links, sofort wieder nach rechts, das Auto bäumt sich förmlich vorne auf, es gibt ein schreckliches Mahlgeräusch vom Fahrzeugboden und ich finde uns mitten in dem Schlammloch wieder. Noch bewegt sich der Antichrist langsam nach vorne. Ich schlingere nach links und nach rechts und wieder zurück. Nur noch fünfzig Meter, noch dreissig, noch zehn, der Rand, durch....
Uff.
Tina hatte die Luft angehalten. Sie atmet wieder. Aber etwas von der frisch erworbenen Farbe im Gesicht hat sie verloren. Wir kommen jetzt wieder auf die halbfertige, geschotterte neue Strasse. Die Kühlwassertemperatur steigt. Ich halte an, da ich den Motor nicht beschädigen möchte und sehe nach. Der Keilriemen ist in Ordnung. Im Kühler und im Ausgleichsbehälter fehlt viel Wasser. Ich trinke eine Mineralwasserflasche leer und befülle sie mit Wasser aus eine Pfütze. Ich lasse den Motor laufen und fülle Wasser nach. Es gehen um die drei Liter rein. Was mir mehr Gedanken macht ist die Tatsache, dass auch fast ebensoviel wieder rauslaufen. Ich stelle den Motor wieder ab und untersuche die Schläuche auf Leckagen. Ich finde keine.
Ein Inder hält mit seinem Jeep an. Er möchte uns nicht abschleppen, da er fürchtet, ich könne ihm ohne Servobremse hinten draufrutschen. Er bietet sich aber an, meine Schwester nach Alto Moloque mitzunehmen. Das muss nach meinen Berechnungen ungefähr dreissig Kilometer voraus sein.
Hier, wo wir stehen haben wir noch nicht einmal Handy-Empfang. Selbst wenn ich Hilfe herbeitelefonieren könnte, ich wüsste nicht womit. Wir verabreden, dass Claudia (meine Schwester) in Alto Moloque eine Werkstatt ausfindig macht, die uns abschleppen kommt, oder andernfalls dort wenigstens mit dem Handy Hilfe herbeitelefonieren kann. Ist mir gerade egal, ob Europcar aus Beira jemanden schickt...
Währenddessen wollen wir versuchen, den Wagen mit etwas abgekühltem Motor und frischer Wasserbefüllung Richtung Alto Moloque weiter zu bewegen. Wir fahren etwa fünf Kilometer, dann ist der Motor wieder an der 100 Grad Grenze. Ich fülle gerade Wasser auf, da hält ein 40 Tonner Sattelschlepper. Der Fahrer und seine beiden Beifahrer fragen garnicht erst, ob ich Hilfe brauchen kann, das sehen sie schliesslich selbst. Zu dritt liegen die unter dem Antichrist und kratzen erst Mal den Schlamm aus allen Ritzen.








