Reisebericht Januar 2007 Mozambique

Hier kann man auch als Gast schreiben. Anonyme Beiträge sind möglich, aber nicht erwünscht, man sollte wenigstens seinen Namen drunter setzen.

Beitragvon fleisspelz » So 23 Sep, 2007 01:33

Inhambane war schon lange eine Handelsniederlassung, als Vasco da Gama 1498 hier als erster Portugiese von Bord ging. Nachdem er zuvor an etlichen anderen Ankerplätzen feindselig empfangen wurde, gingen die
Menschen aus Inhambane, die ja Fremde bereits gewohnt waren, freundlich auf ihn zu. In Inhambane wurde bereits mit Indern aus der Gegend um Goa, mit Osmanen die aus Sofala in den Süden kamen und mit Shona-Völkern aus Mwene Mutapa Handel getrieben. Die Portugiesen haben die Region Inhabane deshalb "Terra da boa gente" genannt, die Welt der freundlichen Menschen. Genützt hat es den freundlichen Bewohnern freilich wenig. Sie wurden dennoch als Sklaven verkauft. Bereits im 11. Jahrhundert kamen die ersten Araber mit ihren Dhaus bis nach Inhambane und begannen moslemisch zu Missionieren. Im 16. Jahrhundert wurde in Inhambane das erste Jesuitenkloster in Südostafrika gebaut und die Hindus waren schon längst aus Indien hier gelandet. Diese multikulturelle Offenheit hat die arabisch anmutende Stadt bis heute geprägt.

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Die Moschee, die alte Kirche und die neue Kirche des Bischofssitzes liegen dicht beieinander in der Nähe des natürlichen Dhau-Hafens.
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Inhambane ist eine Stadt mit einsetzendem Tourismus und wegen seiner Lebensqualität haben sich etliche NGOs hier niedergelassen. Man ist hier fremde gewohnt, sieht sie aber leider sehr häufig als wandelnde Geldbeutel. Der Markt ist wunderschön und üppig.
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Neben Obst und Gemüse gibt es allerlei Gewürze, Zauberartikel, Fisch, Fleisch, lebende Hühner, Feuerzüge, Flusskrebse und Flechtwaren. Und dann gibt es noch Dinge, die es nur in Inhambane zu finden gibt: Schmauchbrandwaren und Homda-Motorräder.
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Ich beschränke mich für heute auf die Lebensmittel und kaufe für ein typisch mozambikanisches Abedessen ein. Wir wohnen bei Thomas und Shantini. Thomas stammt aus Bayern, seine Frau Shantini aus Malaysia und beide leben seit fünf Jahren in Mozambique. Heute Abend gibt es Gulasch mit Knödeln und Salat. Thomas strahlt.
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Beitragvon fleisspelz » So 23 Sep, 2007 16:06

Nach dem Essen sitzen wir im Speisezimmer und unterhalten uns über die Fortschritte von Thomas Entwicklungshilfeprojekt. Eine kleine Gruppe Ameisen hat einen herabgefallenen Brotkrümel erbeutet, der etwa doppelt so gross ist, wie alle neun oder zehn Ameisen zusammen. Im Augenblick sind sie etwa einen Meter vom Fussboden entfernt auf Höhe des Lichtschalters angekommen. Sie folgen einer Ameisenstrasse, die vom Fussboden an der Innenwand zur Küche senkrecht auf ca. 120 cm Höhe verläuft, dann waagerecht die Wand entlang, einmal mittendrin einen halbkreisförmigen Umweg macht, auf die Fensterwand abbiegt, am Fensterrahmen senkrecht nach unten bis zur Fensterbank verschwindet, um anschliessend quer über die Fensterbank an ein Loch im Holzrahmen zu gelangen, durch das die Ameisen hereingekommen sind. Zwei Ameisen sitzen auf dem Brotkrümel und laufen aufgeregt nach rechts und links. Vorarbeiter schätze ich mal. Als unser Gespräch bei der Allgegenwärtigen Korruption in Mozambique angelangt ist machen die Ameisen irgendeinen Fehler. Sie sind kurz vor der Fensterbank, da fällt ihnen der Krümel runter. Mit dem Krümel zusammen stürzt ein Vorarbeiter ab. Alle anderen Ameisen machen sich jetzt nicht etwa auf den Heimweg, oder klettern auf direktem Weg zu dem Unfallkrümel und dem Kollegen, nein: sie laufen alle an der Fensterwand zurück, biegen auf die Küchenwand ab, machen den halbkreisförmigen Umweg, laufen bis zum Lichtschalter, dann senkrecht die Wand hinunte bis zum Boden, dort angekommen die Sockelleiste entlang zur Fensterwand und dann zum Teamleiter auf dem Krümel.
Jetzt wird erst mal beratschlagt, dann schnappen sich die Ameisen den Krümel, der Teamleiter bekommt wieder einen Adlatus, die beiden klettern auf dem Krümel aufgeregt von links nach rechts, es geht entlang der Sockelleiste zurüch zur Küchenwand, vor bis kurz vor die Tür, senkrecht hoch bis zum Lichtschalter....
Als die Ameisen dort angekommen sind benutzen wir ihn und gehen schlafen.
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Beitragvon fleisspelz » Mo 24 Sep, 2007 02:34

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In Inhambane gibt es viele Indischstämmige Familien. Häufig sind sie Händler, manche auch Handwerker. Die Türen sind häufig mit einer Blätterschnur geschmückt. Das ist wohl eine Art Haussegen, wenn ich es richtig verstanden habe. Die Mauern zu den Innenhöfen sind da weniger einladend gestaltet.
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Auch die Schule und der Schulhof sind nicht wirklich einladend. obwohl Inhambane eine vergleichsweise reiche Stadt ist.
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Mittags fahren wir an den Strand von Tofo, etwa 20 km ausserhalb und wunderschön gelegen. Auf dem Weg dorthin können wir Einbaumbauern bei der Arbeit zusehen.
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In Tofo findet man traumhafte Strände hinter einem vorgelagerten Riff. Kilometerlange, kaum bevölkerte Traumstrände, an denen zuweilen Fischer und Muschelfischerinnen anzutreffen sind.
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Dieses Mal fahre ich nicht an die wunderschönen Strände der Baia do Coco, weil man ohne Allradauto keine Chance hat dort hinzukommen. An der "Coconut Bay" kann man häufig Wale in nur etwa dreissig bis fünfzig Metern Entfernung vom Strand beobachten, da hier das Meer hinter dem Riff sehr Steil abfällt. Das Haus auf dem Foto gehört zu einer Ferienanlage und kann für etwa 20 Dollar pro Tag gemietet werden. Es bietet fünf Betten eine Küche und ein Bad. Hin und wieder sieht man hier Skorpione. Einer der Gründe für meine amerikanischen Stiefel.
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Beitragvon fleisspelz » Mo 24 Sep, 2007 02:51

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Abends sitzen wir wieder im Esszimmer neben der Küche zusammen. Ich habe gekocht, wir trinken Rotwein und sind gespannt, was die Ameisen heute anstellen. Der Brotkrümel ist jedenfalls weg. Heute haben die Ameisen eine langbeinige Spinne erlegt. Bei uns würde ich "Schneider" dazu sagen, aber ich habe keine Ahnung wie das Tier wirklich heisst. Wieder sitzt der Vorarbeiter auf der Beute und so ca. 12 Ameisen transportieren sie die Fensterbank entlang zu einer Ritze, die wohl auf verschlungenen Wegen nach draussen führt. Ein paar Mal stürzen sie beinahe ab.
An der Ritze angekommen schieben die Ameisen an der Spinne, stellen aber fest, dass sie nicht hineinpasst. Sie laufen ein Stück zurück, legen die Spinne kurz ab, und dann gehen ein paar Ameisen voraus und ziehen von innen an der Spinne, während die restlichen von hinten schieben. Klappt auch nicht.
Also nochmal Stellungwechsel. Die Ameisen von drinnen gehen raus, die von draussen gehen rein, wieder schieben und drücken. Klappt immer noch nicht. Mist.
Die Spinne wird abgelegt und die Ameisen beratschlagen. Glaubt ihr nicht? Ich schwöre es, sowahr ich hier sitze, so ist es gewesen.
Dann schnappen sich alle Ameisen zusammen die Spinne und laufen in die entgegengesetzte Richtung. Wir nehmen an, dass sie einen anderen Weg suchen. Doch halt: was ist das? Die Bande hält kurz inne und startet dann wieder Richtung Ritze. Diesmal rennen sie. Sie haben tatsächlich Anlauf genommen. Das war ein Desaster....
Wir sehen uns an und lachen. Die Ameisen haben uns für bestimmt eine halbe Stunde in ihren Bann geschlagen. Wahrscheinlich waren die nur das Ablenkungskommando, um uns zu beschäftigen, während 5000 Kollegen in der Küche mit der Ananas stiften gehen....
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Beitragvon fleisspelz » Mo 24 Sep, 2007 12:27

Am nächsten Tag erreicht der Regen auch Inhambane. Wir bummeln noch mal durch die Stadt.
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Ich muss noch zum Reifendienst, weil ich einen Nagel in der Lauffläche des Vorderrades stecken habe. Ist mir unbegreiflich, wie es ein Nagel in Afrika schafft, als Abfall auf der Strasse zu landen. Abfälle gibt es in Afrika selten, weil eigentlich alles noch gebraucht wird. Du hast eine PET-Wasserflasche kaum ausgetrunken, schon findet sich jemand, der sie haben möchte, auch ohne dass da Pfand drauf ist... Es ist sowieso erstaunlich, was afrikanische Handwerker und Künstler so alles Upcyclen.
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Beim Reifendienst wird qualitativ einwandfrei mit dauerelastischem Naturkautschuk geflickt. Der Mann ist ungefähr eine Stunde mit meinem Wagen im strömenden Regen beschäftigt und verlangt danach den unverschämten Touristenpreis von umgerechnet ca 40. Cent. Arbeitszeit in Afrika hat keinen wirklichen Gegenwert.
Ich bezahle freiwillig das doppelte und gehe noch einen Kaffee trinken. Dann will ich langsam nach Hause. Ich war für meinen Geschmack lange genug faul jetzt, und habe schönen Menschen hinterhergesehen....

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Beitragvon fleisspelz » Mo 24 Sep, 2007 12:49

Wir verabschieden uns von Shantini und Thomas und treten das letzte Stück Reise zurück nach Maputo an. Unterwegs kaufen wir Mineralwasser und Lebensmittel ein, bei einem Laden, der sich nach dem südafrikanischen "Shoprite" benannt hat, einer mondänen Supermarktkette nach europäischem Vorbild, in der der Einkauf für den normalen Mozambikaner unerschwinglich ist.
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Wenn man es in Mozambique so richtig geschafft hat, dann kauft man seine Bekleidung in einer der seltenen und unvorstellbar exclusiven Luxusboutiquen von "Woolworth". Die nobelsten Möbel in Maputo gibt es in einem shop, den ein Italiener eröffnet hat namens "Ikea". Dort kann man aus einem farbigen Katalog die unglaublichsten Möbelstücke auswählen und etwa sechs Wochen nach Bestellung und Bezahlung dort abholen. Es gibt sogar schon vorab detaillierte Bemassungen und Zeichnungen, obwohl die Möbel noch garnicht gebaut sind.

Wir kommen heute an wunderlichen Transportlösungen vorbei,
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an mondänen Bürohäusern in Inharrime,
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machen halt dort um etwas zu trinken und eine Ananas zu kaufen,
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laufen nochmal kurz über den Markt,
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und erfreuen uns an dem Blick über die Lagunen.
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Unterwegs überholen wir einen Schulbus und ich stelle mir die Demetermutti aus dem Haus nebenan in Aschaffenburg vor, die ihr Kind jeden Morgen mit ihrem Zafira und den sieben Airbags zur zwei Kilometer entfernten Grundschule karrt. Nicht immer sieht das Kind dann ähnlich zufrieden aus, wie eines von diesen.
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Wir kommen am Nachmittag nach einer ereignislosen Fahrt in Maputo an, duschen uns und gehen Abends ins Miramar zum Essen. Maputo ist laut und geschäftig.
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Beitragvon fleisspelz » Mo 24 Sep, 2007 15:16

In Maputo wohnen wir gleich gegenüber von dem Park "Jardim Craveiro", der genauso als Schulsportfläche genutzt wird, wie er auch Heimat zahlreicher Obdachloser ist. Da Maputo ein weitgehend rechtsfreier Raum ist, haben sich manche, die schon länger da sind kleine Hütten in den Park gebaut. Es gibt auch einen Kinderspielplatz, den eine europäische NGO gebaut hat. Nur Kinder gibt es auf dem Spielplatz nicht. Die Spielgeräte sind auch längst geklaut worden und zu irgenwas umgenutzt, womit der Dieb mehr anfangen konnte.
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Die fliegenden Händler verkaufen allerlei am Strassenrand.
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Am anderen Ende des Jardim steht eine der meistfotografierten Villen von Maputo. Es ist das metereologische Institut, dass von der EU rennoviert wurde. Mit einem Bild von dieser Villa lässt sich ein sauberes Maputo in die Hochglanzbroschüre zaubern, dass es in dieser Form nicht gibt.
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Das normale Maputo sieht eher so aus,
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und so.
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Freilich, es gibt das Hotel Polana, in dem die Reichen dieser Welt absteigen, und nicht wenige Entwicklungshelfer. Oder das Cardoso, das sehr ähnlich aussieht. Aber es gibt kaum einen Afrikaner, der es sich leisten kann, hier zu wohnen, der nicht mittelbar oder unmittelbar durch Korruption zu diesem Reichtum gekommen ist.
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Und wenn ich Afrikaner sage, dann meine ich ebenso einen guten Teil unserer europäischen Entwicklungshilfefachleute, die sich in Afrika ein schlaues Leben machen. Auf unsere Kosten und auf die der Menschen in den afrikanischen Slums und den absaufenden Dörfern.
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Beitragvon fleisspelz » Mo 24 Sep, 2007 15:17

Afrika säuft ab. Jetzt, in diesem Moment flimmern die Bilder über unsere Heimberieselung. Es regnet seit Wochen heftig in Afrika. Straßen und Felder sind überschwemmt, das haben wir im Fernsehen gesehen. Ist das die "schlimmste Flutkatastrophe des Kontinents"?

Die eine Seite der Medaille ist das Leid der Obdachlosen, der Heimatvertriebenen und der Kriegsflüchtlinge, deren bisschen Hab und gut von den Wassermassen fortgetrieben wurde, weil ihnen die Auffanglager dort hingebaut wurden, wo sonst keiner wohnt und auch weiss, warum.

Hilfsorganisationen schlagen Alarm: "Land unter von Ost bis West". Der interessierten Öffentlichkeit wird ein Bauer präsentiert, der sagt, er könne sich nicht erinnern, schon einmal so viel Wasser gesehen zu haben. Das ist noch nicht einmal gelogen.
Stunden später schlagen die Agenturmeldungen ein: "Afrika erleidet die schlimmste Flutkatastrophe seit Menschengedenken," und keiner stellt sich die Frage, wie lang so ein Menschengedenken in einem Kulturkreis währt, in dem Geschichte von Mund zu Mund transportiert wird und nicht schriftlich niedergelegt. Es hinterfragt überhaupt keiner mehr etwas, wenn das Unicef Kinderhilfswerk zu Spenden aufruft.

Offenbar müssen Hilfsorganisationen heute aus jeder Überschwemmung eine Flutkatastrophe oder aus jeder Dürre eine Hungerkatastrophe machen, um ihre persönliche Spendenkassen zu füllen. Weiter hinten in der gleichen Pressemitteilungen folgt in der Regel unverhohlen moralischer Druck und der unvermeidbare Vorschlag zum Ablasshandel via Spendenkonto:
Wenn nicht schnellstens soundsoviel Millionen Euro auf Konto XY eingezahlt werden, dann drohen Hunger, Seuchen und Tod. Da wird es schwierig zu differenzieren, zu relativieren und neutral zu bleiben.

Was wir in den vergangenen Tagen gesehen haben, ist zum Teil ungewöhnlich. Ein gutes Dutzend Länder zwischen West- und Ostafrika erlebt Regenfälle zur gleichen Zeit. In einigen Regionen findet das außerhalb der normalen Regenzeit-Zyklen statt. Und in mehreren Ländern regnet es ungewöhnlich stark. Straßen sind überschwemmt, die Menschen waten knietief durchs Wasser, Bauern klagen über Ernteausfälle. Es sollen in den letzten Wochen und Monaten mehr als 200 Menschen ums Leben gekommen sein.

Stop. Seit wann werden in Afrika Tote gezählt? Wer soll das machen? Vergiss das Afrikanische Land mit einem statistischen Bundesamt. Die einzigen Statistiker in Mozambik stammen - na woher schon? - aus Deutschland.

Tatsache ist genauso, dass der Regen für andere ein Segen ist. Die Böden, die Menschen und das Vieh brauchen das Wasser.
In Äthiopien werden übernacht aus schmalen Flüsschen Überschwemmungsgebiete größer als der Bodensee. Die Leute warten darauf, sie sind vorbereitet, nach dem Wasser mit der Aussaat zu beginnen.

Es ist heute noch so, wie bei den alten Ägyptern: Wenn der Nil über die Ufer tritt und das Land mit seinem fruchtbaren Schlamm bedeckt, dann gibt es ein gutes Jahr. Das ist ein anderer Aspekt der gleichen Wahrheit.

Wenn erst einmal die Katastrophe ausgerufen und bebildert ist, dann zählt das nicht. Wenn sich die weiße Flotte des Welternährungsprogramms durch die Matschlöcher kämpft, wenn sich endlich mal der 4,3 Liter-Turbodiesel Allrad bezahlt macht, dann haben die NGO's in Afrika humanitäre Lufthoheit! Und wehe, einer stellt deren Inszenierungen in Frage, der ist ein kaltherziger Zyniker und Ignorant. Also lieber mitmachen, eine Story haben, Spendenkonto veröffentlichen, gut aussehen. Am Ende gibt es einen grossen Gewinner bei "Afrikas schlimmster Flutkatastrophe seit Menschengedenken" und viele kleine Verlierer.

Natürlich ist es ein wunderbarer Ansatz, die Hungernden zu speisen und die Kranken zu pflegen. Natürlich bin ich dankber für jeden Cent eines Spendeneuros, der doch noch in Form einer handvoll Mehl bei den Flüchtlingen in Mozambique ankommt.
Abernoch viel sinnvoller ist es, unser Wissen zu transferieren. Wir helfen doch nicht wirklich mit einem Laib Brot. Mit einer Unterrichtsstunde helfen wir sehr viel mehr. Aber mit welchem Unterricht? Solange sich ein Lehrer nicht die Mühe macht, seine Schüler und deren Sorgen und Nöte, aber auch ihre Freuden zu verstehen, wird er auch nichts vermitteln können. Solange wir nicht beginnen, afrikanisch zu denken und die Menschen dort zu akzeptieren, statt ihnen zu sagen wie sie es "besser" machen sollen, werden wir all die Entwicklungshilfemillionen einfach in den Sand setzen.

In Maputo gibt es offiziell ca. eine Million Einwohner. Tatsächlich sind es wohl eher drei mal so viele. Die Daten stammen aus der letzten Volkszählung 1997. Da all diese Nachgezogenen Wohnraum benötigen, haben sie sich welchen gebaut. Da die Regierung überwiegend mit sich selbst beschäftigt ist, stellt der Mozambikaner nicht lange Fragen. Er baut eben irgendwo eine Hütte und wohnt darin. Daraus folgt, dass es keinen Stadtplan gibt, der stimmt, weil kaum hast du den gezeichnet, steht irgendwo mitten auf einer Kreuzung ein Haus. In Mozambique arbeiten zur Zeit etliche deutsche Statistiker als Entwicklungshelfer, um den Status Quo als Planungsgrundlage zu ermitteln. Die armen Leute sammeln heute gewissenhaft Daten, die morgen nicht mehr stimmen. Das meine ich mit europäisch denken. So funktioniert Afrika nicht.

Wir müssen den Afrikanern sehr viel mehr Eigenverantwortung in ihren Projekten zugestehen. Das funktioniert aber in der Regel nicht bei urbanen Afrikanern, weil die entwurzelt sind. Also tun wir gut daran, uns aus dem Moloch Maputo zurückzuziehen. Hier herrscht im Augenblick sowieso Anarchie. Wie vermessen sind wir, das befrieden zu wollen mit ein paar sanften Sprüchen?
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Beitragvon fleisspelz » Mo 24 Sep, 2007 15:18

Jetzt muss ich doch mal ein bisschen was aus dem Nähkästchen holen.

Ein grosses Problem der Hauptstadt Maputo sind die Lost Children. Krieg in Afrika wird seit Menschengedenken mit Kriegskindern geführt. Die Miliz überfällt ein abgelegenes Dorf, vergewaltigt die Frauen, tötet die Männer und nimmt die Kinder mit.

Ab jetzt wird es grausam. Sanfte Gemüter vielleicht einfach weiter unten weiterlesen.

Üblich ist es, dass bei den Kindern jeweils ein Freundespaar herausgegriffen wird und wahllos einem der beiden erklärt wird, er müsse den anderen in Streifen schneiden, oder selbst sterben. Ich spreche davon, dass vier und fünfjährige eine Machete in die Hand bekommen, und ihrem besten Freund zuerst die Ohren absäbeln, dann die Nase, dann die Lippen. Dann werden die Finger einzeln abgehackt, danach der Rest der hand. In der Regel schneiden sie den Jungs dann noch die Genitalien ab und stecken sie ihnen in den blutverschmierten Mund. Anschliessend zwingt man die kleinen, das Blut des Opfers zu trinken. Der kleine muckt nie wieder auf.

Ich habe solche Berichte für schauderhafte Ammenmärchen gehalten, so lange bis ich solche Kinder gesehen habe. Leichen und Überlebende. Wenn die Kinder alt genug sind, ein Gewehr zu halten, dann bekommen sie auch eines. Diese Menschen sind sozialisiert, sich mit grausamer Gewalt zu nehmen, was immer sie wollen, oder was immer man ihnen befiehlt. Viele sterben im Einsatz als Kanonenfutter. Kindersoldaten bilden immer die ersten drei Linien auf afrikanischen Schlachtfeldern. Manche schaffen es, mit vierzehn oder mit sechzehn abzuhauen. Aber die Familien wollen sie nicht mehr, weil sie glauben, die seien vom bösen Geist befallen. Oder um es Europäisch zu formulieren: weil sie fürchten mit den traumatisierten Psychopaten nicht zurecht zu kommen.

Diese Kinder sind Zeitbomben, die unaufhaltsam ticken. Und sie sind heimatlos. Und jetzt kommen fettgefressene Weisse in das Land, dem sie geopfert worden sind, tragen Sonnenbrillen und Armbanduhren und fahren in Geländewagen mit Klimaanlage durch die Gegend. Bei dem einen oder anderen, der mit dem Ende des Bürgerkrieges vor zehn Jahren in Maputo gestrandet ist hat es irgendwann leise "klick" gemacht in irgendeiner Synapse und er hat sich zurückbesonnen auf das, was er kann. Er hat Kumpel gefunden, sie hängen jetzt gemeinsam rum. Irgendwann haben sie einen Film mit Micky Rourke gesehen. Seitdem sind sie eine Gang.

In diesem Jahr sind alleine in Maputo zwanzig Polizisten von Gangs auf offener Strasse erschossen worden.

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Beitragvon fleisspelz » Mo 24 Sep, 2007 15:44

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Zuletzt geändert von fleisspelz am Mo 29 Okt, 2007 17:00, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon fleisspelz » Mo 24 Sep, 2007 15:51

Ich gebe den Leihwagen zurück, da ist das Hallo gross. Ich habe den Wagen zwar in Deutschland gebucht und bezahlt, und auch auf einer Vesicherung ohne Selbstbeteiligung bestanden, aber europcar Mozambique sagt mir, sie wollen den Schaden am Auto bezahlt haben, ich könne mir das in Deutschland zurückholen. Ich bleibe sachlich aber hart in meiner Argumentation. Zunächst wollen sie die Kreditkarte mit 1600 Dollar belasten. Ich drohe aber an, das Geld unmittelbar zurückzubuchen und unterschreibe nur, dass es an der Fahrzeugunterseite Beschädigungen gibt. Gott sei Dank habe ich rechtzeitig mit der Klärung angefangen, den Flieger hätte ich sonst verpasst.
"Der Wagen ist beschädigt"
"Ja, Sie haben mir kein geeignetes Auto zur Verfügung gestellt"
"Ja, aber sie haben ein Upgrade bekommen!"
"Das Auto war zwar teurer, aber nicht geeigneter!"
"Aber jetzt ist das Auto beschädigt!"
"Ja, aber ich habe eine Versicherung ohne Selbstbeteiligung"
"Ja, aber sie bekommen das Geld von dem Büro in Deutschland zurück"
"Dann können Sie ja direkt mit denen abrechnen, dazu brauchen sie mich nicht!"
"Aber mit dem Auto hätten Sie nie weiter fahren dürfen, als bis Xai-Xai"
"Meine Reiseroute habe ich in Deutschland bereits bekanntgegeben."
"Ja, aber da haben Sie ein anderes Auto bestellt."
"Warum geben Sie mir nicht das andere Auto?"
"J aber Sie haben ein Upgrade bekommen...."
und so weiter.....

Am letzten Tag haben wir reichlich Zeit, unser Gepäck zu packen. Alle Kleidungsstücke, ausser denen für die Reise werden verteilt. Das schafft zum einen Platz für all die Muscheln und Ketten und Mussirostöcke und Schüsseln und Körbe... ...und zum anderen weiss ich bei jedem einzelnen Stück sei es Anzug oder Schuh, sofort, wer das viel nötiger braucht als ich.
Wir setzen uns ein letztes Mal in den Garten der Verliebten, von dem man einen wundervollen Blick auf die Bucht von Maputo hat
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Ich esse eine letzte Portion Chamussas,
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Dann steigen wir in einen Maxibombo zum Flughafen
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Als wir in den Flieger nach Südafrika einsteigen laufen alle fünf Cabin-Crew-Mitglieder plötzlich mit beiden Händen sprayend und ohne die kleinste Vorwarnung mit einem Entlausungsmittel durch den Flieger. Ich bekomme Atemnot. Glücklich, wenn Du jetzt kein Asthmatiker bist. Die Crew erklärt auf meinen Protest lapidar: "Sonst müssen Sie in Südafrika in Quarantäne."
Aus der Luft ein letzter Blick auf den Molloch Maputo. Zwanzig Stunden später landen wir in Frankfurt
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Danke fürs mitfiebern
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Zuletzt geändert von fleisspelz am Di 30 Jun, 2009 14:10, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Riege » Mo 24 Sep, 2007 15:55

Toller Bericht! Danke! :smt023
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Beitragvon Nanno » Mo 24 Sep, 2007 17:54

Eindrucksvoll! Ich find den Bericht voi supa! :smt023

Greg
Frei ist, wer frei denkt.

Disco Inferno - I learn in hell.

Blog:http://greasygreg.blogspot.com/
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Beitragvon Robert » Mo 24 Sep, 2007 18:11

Danke!
Das einzige unlösbare technische Problem sitzt im Sattel
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Beitragvon kahlgryndiger » Mo 24 Sep, 2007 18:12

So ... und jetzt lese ich gleich noch mal von vorne.
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