Reisebericht Januar 2007 Mozambique

Hier kann man auch als Gast schreiben. Anonyme Beiträge sind möglich, aber nicht erwünscht, man sollte wenigstens seinen Namen drunter setzen.

Beitragvon fleisspelz » Do 13 Sep, 2007 18:20

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Am nächsten Tag sitzen all die Autowäscher, Kettenhändler, Reiseführer und Jerry schon ungeduldig an der Kaimauer vor dem Casa Branca und warten, bis wir Faulpelze endlich fertig gefrühstückt haben. Papa Abdallah, der nicht hier wohnt, sondern täglich mit seinem Fahrrad herkommt hat unsere Wäsche schon gewaschen und fragt, ob er die Jungs verscheuchen und das Auto waschen soll. Wir verneinen.
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Wir sagen Genito bescheid, der eigentlich Harry Potter genannt werden möchte, dass er uns das Fortaleza und einige andere Sehenswürdigkeiten der Insel zeigen soll und senden Mohammed Number One aus, eine Dhau für uns ausfindig zu machen, mit der wir am nächsten Tag zum Festland segeln wollen. Papa Abdallah bitten wir, seine Tochter zu beauftragen am kommenden Tag eine Mussiro-Maske der Makuafrauen für Tina zuzbereiten. Ich möchte einen Zopf geflochten haben. Das macht die Schwester von Genito. Dann soll Papa Abdallah noch einen Termin mit dem Feticeiro vereinbaren. Das ist eine ernste Angelegenheit und braucht grossen Respekt, würdevolles Auftreten und seine Zeit. Papa Abdallah radelt nach Hause, zieht seinen besten (und einzigen) Anzug an und sucht den Zauberer auf. Während dessen ist Genitos Schwester eingetroffen, um mir den Zopf zu flechten.
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Noch niemals hat mir jemand derart an den Haaren gerissen. Die Afrikanerinnen flechten nicht wie bei uns Sitte den äusseren Strang nach innen, sondern den inneren nach aussen. Dadurch können sie stärker an den Haaren ziehen und die Zöpfe werden so steif, dass sie zwei Wochen ohne Haargummi halten. Aisha schimpft fürchterlich über mein dünnes Haar und braucht vier Anläufe, bis sie mit dem Zopf fertig ist. Genügend Zeit für Jerry, mit mir zu besprechen, dass er mir noch heute eine sehr grosse Freude machen wird und bereits ausbaldowert hat, bei welchem Händler es besonders günstige Schulhefte gibt.
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Beitragvon fleisspelz » Do 13 Sep, 2007 18:21

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Das Fortaleza auf der Ilha de Mozambique wurde vom Teufel gebaut. Soviel ist sicher. Generationen von Einheimischen haben zugesehen, wie Ihre Töchter und Söhne, ihre Schwestern und Brüder, ihre Freunde oder die Kinder von den Portugiesen gefangen genommen wurden und in das Fortaleza verschleppt, die wie jedermann weiss, mit dem Dämon eng zusammen arbeiteten. Dort wurden Sie von dem unersättlichen und unerbittlichen Teufel, der das Fort bewohnt, mit Haut und Haaren verschlungen. Dieser Teufel schickte immer mehr seiner portugiesischen Knechte und Stadthalter aus, um seinen stetig wachsenden Hunger nach dem Fleisch, und den stetig wachsenden Durst nach dem Blut der einheimischen Bevölkerung zu stillen. Keiner der unglücklichen Menschen wurde jemals wieder lebend gesehen, keiner konnte je dem Dämon entkommen. Manche, die dem Teufel nicht schmeckten wurden ermordet und grauenvoll verstümmelt vor den Dörfern gefunden. Aus diesem Grund nähern sich nur sehr gottgefällige und mutige Schwarze dem Fortaleza, oder betreten es gar. Wenn Du auf der überbevölkerten Ilha irgendwo alleine sein möchtest, dann ist das nur im Fortaleza überhaupt denkbar. Und auch nur dann, wenn nicht gerade Harry Potter oder Mohammed Number One eine Touristengruppe durch das Fort führen, weil denen sowieso vor garnichts graut.
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Die andere Version der Entstehung des Fortaleza Sao Sebastiao ist die, dass portugiesische Schiffe in den Jahren 1558 bis 1620 Stein für Stein um das Kap der guten Hoffnung herum getragen haben. Jeder einzelne nummeriert und auf einem Bauplan katalogisiert, eine logistische Meisterleistung zu jener Zeit, zumal man sich mit den Holländern im Krieg um die Seerechte auf dem Weg nach Indien und die Territorialrechte in Ostafrika befand. Die Sage vom Teufel, der das Fort erbaut habe wurde von dem Bauherren, Alfonso d'Albuquerque bewusst genährt, um möglichst grossen Respekt bei den Bantu und Makua zu erlangen.
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Der aus einer fernen Gegend der Welt stammende dunkelgraue Granit, aus dem die gigantischen Mauern himmelhoch aufragen und das für afrikanische Verhältnisse riesige Ausmass des Bauwerkes tragen das Ihre zur Legendenbildung bei. Es gab nur zwei Eingänge zu jener Zeit. Einen gut bewachten und hermetisch verriegelbaren Zugang zur Ilha, der von der See aus nicht und von der Insel aus nur schwer erkennbar ist, und einen Ausgang vom Sklavenmarkt in den Katakomben direkt zur See.
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Jeder Schwarze, der diesen Ausgang des Forts je zu Gesicht bekam war ein Sklave, oder dem Tod geweiht. D'Albuquerque hat als Afrika-Kenner und erfahrener Seemann bedacht, was in dieser Gegend der Welt entscheidend ist.
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Er hat das Fort gross genug gebaut, um bis zu 2000 Menschen darin zu beherbergen, zusätzlich zu den Sklaven in den Kellern, die nicht als Menschen gerechnet wurden, sondern als Handelsware. Viele Menschen brauchen viel Nahrung, deshalb hat das Fort gewaltige Lagerräume, aber was in Afrika viel wichtiger ist, ist sauberes Trinkwasser. Aus diesem Grund ist die gesamte Dachfläche des Fortaleza so ausgelegt, dass sie möglichst viel Regenwasser aufnimmt und in die kühlen Gewölbezisternen des Fortaleza leitet. Die gesamte Anlage ist eine Art gewaltige Regenrinne. Die Menschen im Fort konnten Belagerungen von bis zu 12 Monaten standhalten, deshalb konnte das Fort nie eingenommen werden. So lang konnte keine Schiffsflotte je die Insel belagern, wie die Portugiesen in der Lage waren auszuharren, ohne darben zu müssen.
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Reihen von Kanonen säumen alle Mauern des Forts. Einzig die Nordostspitze der Festung weist keine Kanonen auf. Aus Respekt gegenüber der hier schon seit 1521 ausserhalb der Festungsmauern stehenden Capela de Nossa Senhora de Baluarte. Diese Kapelle ist nicht nur das älteste erhaltene Gebäude in Mozambique, sondern zugleich das älteste europäische Gebäude auf der südlichen Welthalbkugel.
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Ebenfalls aus Respekt vor der Kapelle wurde die Ilha nie aus Nordosten angegriffen. Alle Angreifer von See nannten sich gottesfürchtige Ehrenmänner.
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Für Portugal war die Ilha de Mozambique und das Fortaleza Sao Sebastiao ein wichtiger Flottenstützpunkt auf dem Seeweg nach Indien, den Vasco da Gama 1498 entdeckt hatte. Seit 1507 gab es auf dem Boden des späteren Gouverneurspalastes erste Befestigungsanlagen. Hier konnte Proviant und Wasser geladen werden, wenn die immens wichtigen Gewürze, allen voran der Pfeffer, vom portugisischen Goa nach Lissabon transportiert wurden. Als Mozambique 1752 offiziell zu portugiesischem Besitz erklärt wurde, begann der Bau von Kathedrale, Gouverneurspalast und Lazarett. Die auf der Ilha residierenden Portugiesen lebten fürstlich von den Ressourcen der Afrikaner. Gold, Diamanten, Elfenbein und Sklaven. Die Mädchen in Mozambique sind schön, die Jungs kräftig und duldsam.
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Als Meister der Logistik sorgten die Portugiesen dafür, dass kein Sklave länger als höchstens zwei Wochen im Fortaleza verblieb. So war sichergestellt, dass keine Fluchtpläne umgesetzt werden konnten, und kein Wissen über die Organisationsstruktur des Forts von alten Gefangenen an Neue weitergereicht werden konnte. Innerhalb kürzester Zeit wurden die glücklicheren in die Welt verschifft, einem ungewissen Schicksal entgegen, die unglücklicheren wurden ermordet und als Köder für den Fischfang gebraucht, oder den Einheimischen zur Warnung gegen Auflehnungsgedanken vor deren Siedlungen geworfen. Alleine auf die Zuckerrohrplantagen und in die Goldminen der portugiesischen Kolonie Brasilien sind zwischen 1700 und 1810 ca. 1 800 000 Sklaven aus Mozambique verschifft worden.
An der Ostseite des Fortaleza liegt am Fuss der unbezwingbaren Mauer der Hinrichtungsplatz. das letzte, was ein zum Tode verurteilter zu sehen bekam waren vier waffenstarrende Schiessscharten vor dem Dach der Kapelle, zu seiner Rechten den indischen Ozean und links den grauen Granit. Gerade als mir das durch den Kopf geht höre ich einen merkwürdigen Gesang. Draussen auf einer Klippe in der Brandung steht in weisse Tücher gehüllt die sechzigjährige Fatima und kantoniert auswendig gelernte Koransuren, deren Inhalt sie nicht kennt. Das tut sie jeden Tag zu dieser Zeit, seit vor dreissig oder vierzig Jahren ihr Mann nicht mehr mit seinem Fischerboot zurückgekehrt ist. Fatima hofft, er könne doch eines Tages wiederkehren, das Boot voller Fisch...
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Nachdenklich gehen wir zum Strand zwischen Fortaleza und Marina.
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Beitragvon fleisspelz » Do 13 Sep, 2007 18:22

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Wir suchen uns einen schattigen Platz im weissen Sand im Schutz der Bäume mit ihren verschlungenen Stämmen. Im Augenblick ist Ebbe und die Mangroven stehen im trockenen. Wir legen uns hin und wollen einfach ein wenig Sonne geniessen, aber das Business lässt das nicht ohne weiteres zu:
“Look Jussuf, this very nice Neckless. Its blue and white...”
Ich erkläre Mikel und Garry, dass ich jeden, der mich in den kommenden zwei Stunden anspricht komplett aus der Lieferantenliste streichen werde. Die Neuigkeit wird schnell unter den Kollegen verbreitet. Jerry sammelt im Abstand von einem Meter rund um unser Lager Muschelscherben aus dem Sand und bringt sie mir. Ich erkläre ihm, dass ich durchaus in der Lage bin, im Sand zu liegen und Muscheln von Steinen zu unterscheiden. “Schau Jerry, ich bin ein Fremder aus Europa. Du lebst hier auf der Ilha de Mozambique. Ich sehe diese Muscheln hier auch, aber Du kennst Dich aus und weisst, wo man Muscheln findet, die ein Fremder nicht finden kann.” Jerry grinst vom einen Ohr zum anderen. Er hat eine Idee.
“Look, Padrao, this neckless very nice, it's black and red and white...” Völlig verdutzt sehe ich in das strahlende unschuldige Lächeln eines vielleicht zehnjährigen, den ich noch nie unter den Kettenhändlern gesehen habe. Jackson hat seinen kleinen Bruder als U Boot vorgeschickt, um rauszufinden, ob ich mit meiner Drohung ernst mache. Ich erkläre dem kleinen, dass er jetzt raus ist und ich ihm keine Kette abkaufen werde, solange ich auf der Ilha bin. Erfreut rennt er zu Jackson um dem Bericht zu erstatten.
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Wir gehen zum Escondidinho und trinken einen Espresso. Die Weihnachtsdekoration hängt noch, es ist ja erst Mitte Januar. Weihnachtsmänner und Lametta in Afrika. Immerhin hat die Bedienung schon die rote Zipfelmütze mit dem weissen Plüschfell abgelegt. Schwarze mit Weihnachtszipfelmützen haben etwas kommödiantisches, wissen das aber nicht.

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Beitragvon fleisspelz » Do 13 Sep, 2007 18:23

Vor dem Escondidinho wartet Genito (aka Harry Potter) um uns mehr von der Insel zu zeigen.
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Der geschichtsträchtige Gouverneurspalast steht auf den Grundmauern der ersten portugiesischen Wehranlage von 1507 und ist kürzlich mit Geldern der UN renoviert worden. Er beherbergt eine Art heimatgeschichtliches Museum, das einen geringen Eintritt kostet. Im Eintrittspreis inbegriffen ist eine Führung durch eigens dafür ausgebildete konzessionierte Führer. Zumeist sind das Schüler der umliegenden Internate, da einzig diese genügend englisch, französisch oder portugiesisch sprechen. Unseren eigenen Führer, Genito, dürfen wir nicht mitnehmen. der spricht zwar unsere Sprache und ist auch in der Geschichte der Ilha unterrichtet und konzessioniert, aber er ist eben kein Wächter des Gouverneurspalastes. Wir sind unterwegs mit einem französischen Ärzteehepaar aus LaReunion. Daher werden Tina und ich von einem englischsprachigen Guide geleitet, die beiden Franzosen von einem französischsprachigen. Für Genito bezahlen wir Eintritt und nehmen ihn mit. Die Kasse am Eingang wird geschlossen, da nur die beiden Guides zur Verfügung stehen.
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Der Palast ist gestopft mit kolonialem Kitsch und den Giveaways der vergangenen Herrschaftsdynastien. Wir bewundern die brokatbehangenen Betten von Königen, Sänften aus Ebenholz mit Elfenbeinverzierungen, gewaltige funkelnde Kronleuchter, verfallende Ölgemälde die einäugige Dichterfürsten zeigen, oder die Beweinung Christi. Allerlei Vasen und Büsten und verzierte Waffen sind zu bestaunen.
Wir bekommen von dem englischsprachigen Führer den Novizinnensaal gezeigt, der nur bei hohen Festlichkeiten genutzt wurde, um die Novizinnen zu unterrichten, was sie beitragen können, um bei ihrer Aufnahme in die Gesellschaft bei Hofe ihre Familien nicht blosszustellen. Die französische Übersetzung dieser Nutzung scheint “Schlafsaal der Königin” zu sein. Jedenfalls erklärt der Französischkundige voller Hingabe zum Detail dem Ärztepaar, der Raum sei diesem Zweck gewidmet gewesen. Vielleicht war es das Speisezimmer. Die räumliche Lage neben der Küche würde das zumindest anbieten.
Eindeutiges Highligt der Führung für mich war eine etwa halbmeterhohe Vase aus dem 19. Jahrhundert, mit dem kitschigen Bild eines blonden behelmten Kriegers. Der Führer erklärt uns mit ernster Mine und grossen ehrfürchtigen Augen, diese Vase sei im Jahre 1882 ein Geschenk gewesen des französischen Königs (!) an den portugiesischen Gouverneur. Sie sei die wertvolle Arbeit eines berühmten französischen Porzellankünstlers und zeige den berühmten französischen Feldherren Asterix.
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Beitragvon fleisspelz » Do 13 Sep, 2007 18:25

Als wir am späten Nachmittag zum Casa Branca kommen wartet Jerry schon mit einem ganzen Beutel voller halb polierter Kaurimuscheln. Hocherfreut sage ich ihm, dass ich ihm nunmehr seine Schulhefte kaufen werde. Jerry murmelt etwas von Schuhen. Er hat noch nie im Leben welche besessen und er spricht von den unsäglichen 1 Euro Flipflops, die hierzulande Wegwerfartikel sind, in Afrika aber gängiges Bekleidungsstück.

Ich vereinbare mit Jerry für den kommenden Tag um 14 Uhr einen Termin zum gemeinsamen Einkauf. Wenn ich ihm einfach das Geld für die Hefte und Schuhe in die Hand drücke, dann wird er es mit seiner Mutter und deren Vermieter und was weiss ich wem teilen müssen. Hefte wird er dann jedenfalls keine bekommen. Als ich mir die Muscheln später näher ansehe, bemerke ich, dass jede einzelne eine Beschädigung irgendwo hat, und keine zu Ende poliert ist. Jerry hat meinem Rat folgend die Anlegestelle der Muschelfischer abgesucht. Für die Kreuzfahrttouristen werden Muscheln glänzend poliert, die aber keine Beschädigung haben dürfen. Wenn eine Muschel mit einem Loch dazwischen ist, dann wird die achtlos weggeworfen, und Jerry weiss wohin.

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Am folgenden Morgen kommt Fatima, die Tochter von Papa Abdallah. Sie hat einen Mussirostock dabei, einen Stein, ein Eimerchen mit Wasser und einen Kamm. Der Stock ist ein entrindetes Aststück des Sauerpflaumenbaumes. Es wird in rythmischen Bewegungen – andere scheint es in Mozambique nicht zu geben – über den angefeuchteten Stein gerieben.

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So entsteht eine zähe klebrige Paste, die Makuafrauen sich morgens in das Gesicht reiben. Gegen Abend, wenn ihre Männer nach Hause kommen, waschen sie die weisse Maske ab und haben eine unvergleichbar zarte, sanfte Haut. Vor der Hochzeit, wird die Braut von ihrer Familie am gesamten Leib mit Mussiro behandelt. Mit dem Kamm streicht Fatima Tina Mussiro ins Gesicht. Solange sie noch feucht ist, kühlt die Naturkosmetik, später dient sie als Sonnenschutz. Nach ca. zwei Stunden juckt es “Bleichgesicht” Tina und sie wäscht die Maske im Meer ab. Jetzt komme ich in den Genuss einer unglaublich zarten Haut meiner Freundin.

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Beitragvon fleisspelz » Do 13 Sep, 2007 18:26

Wir gehen zum Ufer vor dem Gouverneurspalast wo schon Mustafa mit seiner Dhau auf uns wartet.

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Mustafa ist Mitte 20 und Fischer. Die Dhau hat er nach dem jahrtausendealten Vorbild dieser Boote mit seinem Vater gemeinsam gebaut, als er ein Junge war.
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Die traditionellen Boote, mit denen Araber schon vor weit mehr als tausend Jahren die ersten Erkundungsfahrten mit den Monsunwinden nach Süden bis Tansania unternommen haben, scheinen für uns Europäer Relikte längst vergangener Tage zu sein. Sie werden bis zum Entrollen des Dreieckssegels wie venezianische Gondeln gestakt.
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Das Segel des simplen Holzbootes wird bei starkem Wind ein paar mal um den Mast gewickelt, um weniger Fläche am Wind zu bieten. Bei voller Fahrt scheint die Dhau über das unsagbar klare Wasser zu fliegen. Kreuzen hart am Wind ist mit den uralten Booten ebenso möglich, wie alle anderen Mannöver mit modernen Segelyachten. Wir setzen einfach nur kurz zum Festland über, gehen kurz baden und kehren zur Ilha zurück.
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Beitragvon Oelbrenner » Do 13 Sep, 2007 19:46

Nicht nachlassen!

Suuuper!! :grin:
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Beitragvon fleisspelz » Fr 14 Sep, 2007 15:46

Johnson hat uns ein blitzblankes Auto hinterlassen und möchte fürstlich entlohnt werden dafür. Er nennt mir als Preis die grösste Summe, die ihm in den Sinn kommt. Als ich ihm etwa zehn Prozent davon anbiete rennt er schreiend und fluchend durch die Strasse. Ich steige kommentarlos in das Auto ein und lasse den Motor an. Er kommt zum Fenster und sagt "Its okay." Ich gebe ihm das Geld und er lacht zufrieden. In Maputo bekommen die Zwangswäscher etwa die Hälfte.

Ich fahre mit dem Auto, das vor dem Escondidinho im Schatten stand zum Casa Branca. Dort wartet Jerry schon auf mich. Heute wollen wir ja seine Hefte kaufen. Da der Knirps noch nie in einem Auto gesessen ist, denke ich mir, es wird ihn freuen, wenn ich mit ihm zum einkaufen fahre, obschon nichts auf der Ilha zu Fuss zu weit wäre. Er hat erkundet, dass man Hefte am besten bei einem bestimmten Händler am Fischmarkt kauft. Die Ilha hat drei parallele Strassen von jeweils ca. einem Kilometer Länge. Der Fischmarkt ist Luftlinie etwa dreihundert Meter vom Casa Branca entfernt.
Ich steige auf den Fahrersitz, Jerry auf den Beifahrersitz und Tina geht nach hinten. Ich sage Jerry, er soll mir den Weg zeigen. Jerry bekommt das Grinsen nicht aus dem Gesicht, die Kettenhändler im Gegenzug die Münder nicht mehr zu. Nach etwa fünf Kilometern Fahrt, bei der wir auch die engste und winkeligste Gasse nicht ausgelassen haben, sind wir endlich am Fischmarkt. Der Händler hat als einziger Hefte mit Schutzumschlägen der Fussballnationalmanschaften. Leider hat er nur noch vier Mal Portugal. Jerry gibt sich nur unter scharfem Protest gegen die betrügerischen Machenschaften des Verkäufers mit einem Mal Niederlande zusätzlich zufrieden.
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Beitragvon fleisspelz » Fr 14 Sep, 2007 16:11

Auf ungeheuer verschlungenen Wegen fahren wir vom Fischmarkt zum Kleidermarkt, um nach den Schuhen zu sehen. Das stellt sich als nicht so sehr einfach heraus. Jerry hat ungefähr Schuhgrösse 37. Fast die gesamte Auswahl in dieser Grösse sind in rosa Mädchendesign mit Plastikblümchen, Schleifchen und Ähnlichen Verzierungen. Jerry interessiert sich für ein paar Slipper in dunkelblau mit Aufschrift "Sport". Leider sind die nur ab Grösse 40 aufwärts verfügbar. Der Händler hält ihm pinkfarbene Flipflops mit Plastikröschen hin. Jerry rollt mit den Augen, wirft die auf die Theke und geht empört zum nächsten Stand.
Ich entdecke einen rosafarbenen Plastik-Handspiegel umringt von auflackierten Diamanten und einem goldenen Krönchen. Den kaufe ich für Papa Abdallahs Tochter, die zu der Mussiro-Aktion eine scharfkantige Spiegelscherbe mitgebracht hatte, in der Tina das Ergebnis ansehen konnte.
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Zwei Stände weiter entdeckt Jerry die Schuhe seines Lebens. Sie dürften ungefähr vier Nummern zu gross sein und Jerry versichert, dass er nie daran dächte so wertvolle Schuhe je zu besitzen. Er wolle sie nur einmal in die Hand nehmen und ansehen. Jerry bewundert die Schuhe etwa so, wie ein zehnjähriger Junge hierzulande die Nase an der Scheibe eines Porsche plattdrückt. Sie sollen etwa 5 Euro kosten. Ich bin guter Laune und kaufe Jerry die Schuhe, und weil es mir ein Bedürfnis ist lege ich noch für zwei Euro ein Poloshirt drauf.
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Jerry zieht stolz alles an und möchte mit den Sachen fotografiert werden. Dann bringt er sie zu seiner Mutter, die sie bis zum Schulbeginn für ihn verwahren wird. Jerry bemerkt, dass seine Hose schon recht verschlissen sei. Ich sage ihm, er müsse jemand anderen bitten, ihm bei dieser Aufgabe zu helfen. Weitere vier Kilometer später sind wir wieder bei dem vierhundert Meter entfernten Casa branca angekommen.
Das französische Ärztepaar ist Jerry am Abend des Tages begegnet. Jerry hat höflich gefragt, ob er einen Kugelschreiber bekommen kann. Vielleicht sollte er statt zur Schule zu gehen einen Handel mit Kulis, Turnschuhen und Heften eröffnen...
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Beitragvon lallemang » Fr 14 Sep, 2007 16:59

Schee! :wink:

Gry§e Peter
Wherever You Go There You Are :gruebel:
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Beitragvon fleisspelz » Fr 14 Sep, 2007 17:08

Am Casa Branca wartet schon Genito. Er will uns weitere Sehenswürdigkeiten zeigen. Er hält es für empfehlenswert, das Auto zu nehmen, da lange Wege zwischen den einzelnen Stationen lägen. Kaum sitzt er auf dem Beifahrersitz sind Mikel und Mohammed Number One auch schon auf den Rücksitz zu Tina geklettert. Ohne Auto wird ab jetzt nichts mehr auf der Ilha gehen....
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Zuerst besichtigen wir die Berufsschule mit ihren Werkzeugen und dem markanten Pausengong. Der Schuldirektor lässt sich zum Abschied vor
seiner Schule fotografieren. Hier wird die nächste Ladung Handies hingehen. Der Direktor möchte Elektronik-Mechaniker ausbilden, die die Handies auf Vordermann bringen. Die intakten Handies kann die Schule dann zum Verkauf anbieten und dafür Unterrichtsmaterialien kaufen.
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Wir bestaunen Vasco Da Gama,
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einige Gründerzeitlaternen im öffentlichen Raum,
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den Werzeugladen
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und das zunehmend verfallende Krankenhaus.
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Ausserdem die Zentralmoschee,
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das Museo Nautico
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und den Hindutempel.
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Zu guter Letzt stelle ich fest, dass die Rua do Solidaridade von den Einheimischen aus Solidarität mit den Gewinnern der Fussballweltmeisterschaft umbenannt wurde in Rua D'Italia.
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Beitragvon fleisspelz » Fr 14 Sep, 2007 17:35

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Nachdem das Wetter immer regnerischer wird, beschliessen wir, am 20. Januar die Rückreise anzutreten. An unserem letzten Tag auf der Ilha nehmen wir uns kein grosses Programm vor. Wir lassen uns treiben, sehen ein paar Jungs beim Kalaha spiel zu,
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kaufen für Tina eine Capulana, das traditionelle afrikanische One-Size-Fits-All-Necessarity-Bekleidungsstück. Es dient als Beinkleid, Schal, Stola, Babytragetuch, Polstertuch unter schweren Kopflasten und Vorhang oder Zudecke.
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Wir kaufen ein paar Mädchen Cashewkerne ab,
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sehen in ein paar Hinterhöfe,
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und werden Zeugen einer Nachbarschaftsstreitigkeit.
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Die Ilha ist, so wie das ganze Land, sehr jugendlich. Als Folge des Bürgerkrieges und von Aids gibt es nur wenige alte Menschen. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Mozambikaners liegt bei 42 Jahren.
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Zum Abschluss war ich noch beim Feticeiro. Das ist natürlich sehr geheim. Ich kann nur berichten, dass man die Dienstleistungen der Voddokundigen stets erst bei Inkrafttreten bezahlt. Lediglich ein Beratungshonorar zur Auswahl der Wünsche wird vorab fällig. Ich kann jedem Afrikareisenden raten, wenigstens einmal die Dienste eines Zauberers in Anspruch zu nehmen.
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Zuletzt geändert von fleisspelz am Di 30 Jun, 2009 13:29, insgesamt 3-mal geändert.
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Beitragvon fleisspelz » Di 18 Sep, 2007 16:12

Wir sind gegen meine Gewohnheit früh aufgebrochen an diesem Morgen.
Erst noch Mal an der Bank vorbei, Bargeld holen. Bislang haben wir die Kosten aus meinem Vorrat an Baren US Dollars bestritten. Die gehen langsam zur Neige, bis auf einen eisernen Vorrat, den ich für Notfälle am Körper versteckt halte.
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Wir wollen auf der Bank mit der Visa-Card von Tina Geld holen. Am Tag zuvor haben wir uns beim Schalterbeamten versichert, dass das möglich ist. Heute früh schickt er uns an den Geldautomaten damit. Mit der Visa Card bekommt man in Afrika bis zu 500 US Dollar am Tag, und soviel wollen wir auch. Der Automat genehmigt uns aber nur Einzelportionen von jeweils 100 Dollar. Man kann pro Tag drei Mal abheben. Für jede Abhebung wird die Karte mit 8 Dollar Gebühren belastet. Der Schalterbeamte bedauert, er habe nicht so viel Bargeld im Haus. Willkommen bei den Erzkapitalistischen Beutelschneidern.
Mit dreihundert Dollar verlassen wir die Ilha. Muss eben in Quelimane noch Mal Geld besorgt werden.
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Wir haben ungefähr 700 km Weg vor uns, denn wir wollen Quelimane erreichen. Zwischen Nampula und Quelimane gibt es keine guten Strassen und keine angenehmen Unterkünfte. 700 km auf denen wir wegen des einsetzenden Regens nicht wissen, welche Strassenverhältnisse uns erwarten.
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Wir haben etwa 180 km sehr gute Strasse bis Nampula, dann folgen ca. 100 km Schlagloch an Schlagloch bis zur Grenze des Bezirkes. Anschliessend folgen nochmal 180 km Behelfspiste neben der Baustelle bis Alto Moloque, dann 200 km Staub oder Schlamm bis Mocuba, 50 km Schlaglöcher und nochmal 90 km ordentliche Strasse bis Quelimane.
Die Pink markierte Strecke ist das Fragezeichen des Tages. Was kommt da auf uns zu?
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In Nampula setzt der Regen ein.
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Beitragvon AIAndy » Di 18 Sep, 2007 17:03

:-D :smt023 :smt026

Großartig!!! Spannend wie ein Krimi! *lechz* wartend auf den nächsten Input...
Das Leben ist zu kurz um TÜV geprüfte Motorräder zu fahren!
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Beitragvon fleisspelz » Di 18 Sep, 2007 21:57

Es gibt einen schön gemachten Werbefilm für Touristen auf der Ilha. Er zeigt nur die aufgeräumte und appetitliche Seite der Insel, bitte nicht drauf reinfallen, aber er ist wirklich schön anzusehen.
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